KOMMENTAR: Ein schmerzhaftes Aufweckbuch

Mittwoch, 29. Juni 2016

 Es gehört zur Mentalität dieses Landes, unangenehme Wahrheiten diskret, rasch und folgenlos unter den Teppich zu kehren. Dieses Schicksal droht auch einem Buch, das 2016 erschien und viel zu wenig beachtet wurde: „Der Preis des Goldes. Unbequeme Ehrlichkeit“. Autorin: die ehemalige Spitzenturnerin Maria Olaru.

Gleich vorneweg: der Preis ihres Goldes waren Erniedrigung, Prügel, psychischer Dauerdruck, Vergewaltigung ihrer Kindheit, unmenschlicher Erfolgsdruck seitens der Trainer (wir sprechen vom erfolgreichsten rumänischen Turntrainerpaar, Octavian Belu/Mariana Bitang) – in der Horror-Aufzählung fehlt nur eins: Doping. Ob das nun die Option der Autorin war, um ihre unter solchen Bedingungen erzielten Erfolge nicht nachträglich wegen zu viel Ehrlichkeit zu gefährden – wegen Dopings sind im Nachhinein viele Medaillen aberkannt worden – oder ob es tatsächlich im international so erfolgreichen rumänischen Frauen-Turnsport kein Doping gegeben hat, das wollen wir mal unter Fragezeichen belassen.

Die „unbequeme Ehrlichkeit“ der ehemaligen Spitzenturnerin Maria Olaru spricht etwas an, was in diesem Land zum Alltag gehört, das jeder kennt, das aber möglichst vor der (in- und ausländischen) Öffentlichkeit verborgen bleiben soll, durch Verschweigen, durch Nicht-Dagegen-Aufmupfen, durch Untern-Teppich-Kehren. So bleibt dann alles beim Alten und wir tun so, als ob es so etwas nicht geben würde.

Dabei sind dann, nach Außen, alle stolz auf die rumänischen „Spitzen“, im Sport (wer hat mal hinterfragt, wie Nadia Com²neci unter Béla Károly zur Olympiasiegerin wurde?), bei den Facholympiaden der Schüler (wer untersucht, wie viele „Privatstunden“ – altruistische oder irgendwie interessierte – Fachlehrer in Sieger oder Siegerteams bei internationalen Schülerolympiaden investieren, die dann als Standard für das „glänzende rumänische Schulsystem“ zitiert werden, das in Wirklichkeit aus dem letzten Loch pfeift), in der internationalen Wissenschaftsszene (wobei durchwegs alle, die beispielsweise im Silicon Valley, bei der NASA oder in Cern aufgefallen sind, ihre Hochschulen im Ausland absolviert haben) oder in der Wirtschaft (ist es ein Zufall, dass die meisten erfolgreichen Firmengründungen rumänischer Unternehmer ihren Sitz im Ausland haben?).

Direkt eingreifen, Rechenschaft fordern (von wem auch immer, wenn er irgendwie mit uns oder unseren Steuergeldern zu tun hat), aktiv werden, wenn etwas schiefläuft (und sei es auch „nur“ ein seit Wochen nicht geputztes öffentliches Klo), davor drückt man sich hierzulande. Man schwafelt viel und gern über die Notwendigkeit des Eingreifens. Etwas tun ist tabu.

Schmerzhafte Aufweckbücher, wie das der Maria Olaru, so empfindlich sie den rumänischen Nationalstolz treffen, müssten häufiger erscheinen.


Kommentare zu diesem Artikel

Linares, 01.07 2016, 14:37
@Peter, ueber rumaenische Raenkespielchen und unseren Gewohnheiten: "Die Garde des Satans" von Oliver Conrad. In diesem Roman steht vieles - auch zwischen den Zeilen - was ein hier lebender, deutscher Autor dem rumaenischen Leser um die Ohren schlaegt. Damit Ihnen die deutschsprachige Literatur ueber Rumaenien nicht ganz ausgeht. Besten Gruss aus RO und immer willkommen hier.
Peter, 01.07 2016, 13:25
@Lineares – Danke für die Info!
Die beiden anderen Stellen sind mir zwar aufgefallen, wusste aber nicht warum die Verengungen sind. Meinen nächsten Urlaub werde ich, trotz der Verhältnisse, wieder in RO verbringen und dass liegt nicht nur an der schönen Landschaft und auch nicht an den günstigen Preisen. Hoffentlich sind bis dahin meine Sprachkenntnisse besser, damit ich mir Infos direkt aus den rumänischen Nachrichten holen kann. Mir geht so langsam die deutschsprachige Literatur über RO aus.
Linares, 01.07 2016, 10:14
Hallo, Peter, auf dem Abschnitt Eselnita - Dubova der DN 57 gab es vor ein paar Jahren schon einmal einen Erdrutsch. Wenn Sie aufmerksam waren, haben Sie gesehen, dass die uferseitige Fahrspur an zwei Stellen gesperrt ist, einmal fuer den lange zurueckliegenden Strassenschaden und einmal fuer den im letzten Jahr.

Als Begruendung fuer die unterlassene Instandsetzung wird von der Nationalstrassenverwaltung angefuehrt, dass man den Auftrag zur Sanierung der Nationalstrasse an einen Tiefbauunternehmer mit Sitz in Herkulesbad vergeben habe, dieser aber im Fruehjahr 2013 Insolvenz angemeldet habe. Die sich daraus ergebenden Rechtsprobleme muessten vor Vergabe eines Sanierungsauftrages an ein anderes Tiefbauunternehmen erst geklaert sein. Tatsache ist aber folgendes :

Dringend notwendige Handlungen werden hier in unserem schoenen Lande regelmaessig durch buerokratische Prozeduren behindert. Zuerst sucht man - soweit vorhanden - jemand, dem man die Schuld in die Schuhe schieben kann, damit man ihm die Kosten und bestens auch noch eine Geldstrafe auf's Auge druecken kann. Steht nach langer Pruefung dann endlich fest, wer die Sanierungsmassnahme durchfuehren muss, wird erst die Finanzierungsfrage geklaert ( kann es vielleicht mit EU - Mitteln gemacht werden ?) ausgeschrieben, geprueft, verworfen und abermals geprueft und - nachdem feststeht, was der Tiefbauunternehmer bereit ist, in die Taschen des Verhandlungspartners zu stecken - endlich vergeben. ( siehe hierzu die Artikel in der heimischen Presse zu "Asphaltmafia", "Ionesie Ghiorghioni" "Ioan Malita" usw. usw.)

Die rumaensiche Nationalstrassenverwaltung ist ein lahmer, inkompetenter und korrupter Dreckstall, und ueber das, was Sie als Tourist zu recht kritisieren, verliert ein rumaenischer Buerger kein Wort, weil er die Zusammenhaenge jeden Tag auf's neue der Presse entnehmen kann.
Peter, 29.06 2016, 14:23
Dieses “keine kritischen Fragen stellen“ und folglich “keine Antworten fordern“ ist (nicht nur in RO) ein Problem. Während meinem letzten Urlaub in RO ist mir das besonders aufgefallen. Sobald ich versuchte eine Diskussion über die Zustände zu beginnen, wurde sofort mit dem Satz abgeblockt: „Die da oben machen eh was sie wollen“. Wohin sind die ganzen EU-Gelder verschwunden? Warum sind nach 25 Jahren die Straßen immer noch in einem teilweise sehr schlechten Zustand? Vieles funktioniert mehr schlecht als recht und trotzdem, keine Fragen.
Ein typisches Beispiel ist der Erdrutsch an der Donau (Straße 57). Monate lang war die Straße gesperrt. Arbeitnehmer fahren einen Umweg, über 200km und Niemand fragt, nach, einzig kleinlaute Proteste waren zu hören. In jedem anderen Land wären am nächsten Tag Bulldozer und LKWs angerückt um die Straße freizumachen. Nur In RO: „Das ist halt so“. Übrigens, die Straßenschäden, vom Erdrutsch verursacht, waren letzte Woche noch nicht repariert!

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