Lob der Detailkenntnis

Mittwoch, 16. September 2015

„Der Pope, sollte er sich waschen oder in ein Badehaus gehen, kann an jenem Tage keine Liturgie zelebrieren, und auch nach der Liturgie ist es ihm verboten, sich zu waschen. Und auch der Gläubige, wenn er sich waschen sollte oder ein Bad aufsuchte, müssen ihm die göttlichen Messgaben verwehrt werden.“ So lautet die Vorschrift 96 für Popen im 18. Jahrhundert, gültig bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, festgeschrieben in den Kanons („glava“) der orthodoxen Kirche, als ritualisches Verbot von Wasser und Seife. Nachzulesen in einem neuen faszinierenden Buch der Forscherin Dr. Constan]a Vintila-Ghitulescu (CVG), die am Bukarester Geschichtsinstitut „Nicolae Iorga“ arbeitet[1] und systematisch die Geschichte des kleinen Mannes in den Donaufürstentümern erforscht und in Büchern[2] und in einer permanenten Rubrik in Andrei Plesus „Dilema Veche“ festhält.

Empfehlenswert sind ihre Bücher dank ihrer gründlichen Schulung nach Muster der französischen Historiker der Geschichte des kleinen Mannes (Jaques LeGoff, Fernand Braudel, Alain Corbin, Georges Vigarello usw) – sie hat zu seinem solchen Thema ihren Doktor in Paris gemacht – und weil sie systematisch und mit außergewöhnlicher Sach- und Detailkenntnis die uns weisgemachte Behauptung widerlegt, es gäbe über die Zeitspanne der Phanariotenherrschaft keine Dokumente. Keine Dokumente hieß es wohl, um ein gefälschtes Geschichtsbild zu retten – diese Erkenntnis kommt dem interessierten Laien erst jetzt, nachdem er auch bei anderen jungen Historikern nachlesen kann, worüber es angeblich „keine Dokumente“ gibt, jene des „Grupul de Reflexie asupra Istoriei Politice si Sociale“, dem auch die Autorin nahesteht.

Die Quellen der Gegenwart von Konsum und Freude im 18.-19. Jh. bestehen für diese Forscher in Quittungen, Erbschafts-, Preis- und Zolllisten, Bestellzetteln, Mitgiftaufstellungen und Testamenten, Ausgaben- und Abrechnungslisten, Korrespondenzen, Memoiren,  populärwissenschaften medizinischen Büchern, Kochrezepten usw. Aus ihrem enormen Detail- und Faktenwissen formen die Forscherin und ihre Freunde ein Bild der Vergangenheit Süd- und Ostrumäniens, das dem von den Koryphäen des heroisierenden rumänischen offiziellen Geschichtsbilds zwar nicht programmatisch widerspricht, aber durch jede einzelne Aussage das zusammengeschusterte Geschichtsbild infragestellt. Ob es sich um das Hygiene- und Umweltbewusstsein handelt, um Dreck („murdalâc“), Ungeziefer und Gestank in den Häusern und auf den Straßen von Bukarest und Jassy, um die Sauberkeit der Kleidung und um Höflichkeitskultur oder zwischenmenschlichen Umgang,  um die Wirkung herrschaftlicher Order - sehr viel von dem, was diese Art Geschichtsschreibung an die Öffentlichkeit zerrt, weckt Bezüge zum Heute.

Außerdem: Ich habe aus dem jüngsten Buch von CVG, mitgenommen als Urlaubslektüre, mehr und kurzweiliger gelernt über „alte rumänische Literatur“ (Ienachita Vacarescu, Dinicu Golescu, Anton Pann, Dimitrie Tichindeal, Damaschin Bojinca usw.) als in vier stinklangweiligen Hochschuljahren.

 


[1] CVG: „Patima si desfatare. Despre lucrurile marunte ale vie]ii cotidiene în societatea românesca. 1750-1860“, Humanitas (Serie „Istorie, Societate&Civiliza]ie), 2015

[2] „În salvari si în islic. Biserica, sexualitate, casatorie si divort în Tara românesca a secolului al XVIII-lea”; “EvghenitI, ciocoi, mojici. Despre obrazele primei modernitatI românesti, 1750-1860”

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 17.09 2015, 22:24
zur selben Zeit kam in damals habsburgischen Siebenbürgen schon der Fortschritt an, Guvernator Brukenthal und Samuel Micu-Klein holten aus Wien und Westeuropa führende Köpfe der Wissenschaft und Medizin ins Land und langsam aber stetig, brach eine neue Zeit los. In der Walachei ist halt das selbe erst ein Jahrhundert später passiert. Für die Natur war's gut, Türkenkrieg, Analphabetismus, rückständige Landwirtschaft und mittelalterliche Hygienevorstellungen hielten die Kindersterblichkeit hoch, die Lebenserwartung niedrig, Cholera und andere Seuchen wüteten noch und Bären und Wölfe konnten ob der niedrigen Bevölkerungszahl ungestört durch die Urwälder der Südkarpaten streunen. Genau deshalb sind auch tausende Rumänen aus dem Süden weggezogen und haben sich in Siebenbürgen angesiedelt, wo das Leben schon um einiges besser war. Und so hat sich auch die ethnische Zusammensetzung dort verändert. Trotzdem schildert die patriotische proto-chronistische rumänische Geschichtschreibung die habsburgische Periode als Zeit der Unterdrückung. Wenn die Leute scharenweise wohin einwandern, wo sie sich ein besseres Leben erhoffen, dann können sie dort nicht so unterdrückt gewesen sein, wie behauptet wird. Das gilt für damals, wie auch heute.

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