KOMMENTAR: Vom Schalwar zur Gegenwartsläuterung

Mittwoch, 27. April 2016

Vor einigen Jahren wurde der damalige Verteidigungsminister Sorin Frunzăverde im Rahmen einer bildungspolitischen Veranstaltung im Reschitzaer „Diaconovici-Tietz“-Lyzeum von den Schülern gefragt, in welchem zeitlichen Horizont er, ein Spitzenpolitiker dieses Landes, eine Frau als Präsidentin Rumäniens sehe? Auf eine solche Frage total unvorbereitet, drückte er erst herum und meinte: „In den nächsten Jahrzehnten nicht!“

Die Frage zielte nicht auf Gender-Problematik, sondern auf Mentalitäten. Die Tagespolitik Rumäniens zeigt, neben jeder Menge „Unersetzlicher“, eine einzige Frau, die an der Spitze einer Partei steht, die PNL-Co-Vorsitzende Alina Gorghiu, und eine, die sich im sozialdemokratischen Sumpf bis zur chancenreichen Spitzenkandidatin auf den Oberbürgermeisterstuhl von Bukarest hochgewurschtelt hat, die halbgebildete Gabriela Firea. Sonst: strebsam unangenehm auffallende Senatorinnen und Abgeordnete.

Eine Erklärung der Situation findet sich im 2016 bei Humanitas erschienenen Buch „Femei, onoare şi păcat în Valahia secolului al XIX-lea“/„Frauen, Ehre und Sünde in der Walachei des 19. Jahrhunderts“ von Nicoleta Roman. Die überarbeitete Doktorarbeit der jungen Forscherin reiht sich nahtlos an zwei andere Bücher, „Focul amorului. Despre dragoste şi sexualitate în societatea românească (1750-1830)“/“Das Feuer Amors. Über Liebe und Sexualität in der rumänischen Gesellschaft (1750-1830)“ (Humanitas, 2006) und „În şalvari şi cu işlic. Biserică, sexualitate, căsătorie şi divorţ în ţara Românească a secolului al XVIII-lea“/“Mit Schalwar und Pelzmütze. Kirche, Sexualität, Ehe und Scheidung in der Walachei des 18. Jh.” (Humanitas, 2004), beide von der an dieser Stelle bereits mehrmals lobend erwähnten Constanţa Vintilă-Ghiţulescu. Die Autorin gehört zur „Gruppe zur Reflexion über politische und Sozialgeschichte“ des Kollegiums „Noua Europă“, dem der Filosof Andrei Pleşu vorsteht. Ihre innovativ-objektive Geschichtssicht, fußend auf von Konsekrierten bewusst ignorierten Archivdokumenten, ist eine wissenschaftliche Untermauerung der Thesen des Schockhistorikers Lucian Boia, der emsig die ollen nationalistisch-selbstgefälligen Akademiehistoriker durcheinanderwirbelt und wegbereitend Vergangenheitsklärung zwecks Gegenwartsläuterung betreibt.

Nicoleta Roman fehlt der feine Humor und die souveräne Übersicht einer Constanţa Vintilă-Ghiţulescu. Ihr Beitrag zur Geschichte der Frau(en) in einer orientalisch geprägten Männergesellschaft ist aufschlussreich. Sie liefert Argumente zur Erklärung, weshalb in Rumänien noch keine Frau Präsidentin werden kann. Frauen Rumäniens starteten über hundert Jahre nach den „Citoyennes“ der Olympe de Gouges (1791) ins öffentliche Leben. Frankreich kennt trotzdem auch noch keine Präsidentin.


Kommentare zu diesem Artikel

Elias Rus, 03.05 2016, 14:18
Auch die Bundesrepublik kennt noch keinen Bundespräsident weiblicher Natur , wohl eine Kanzlerin.

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