Das Afghanistan-Syndrom

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Was wir in und mit Syrien erleben - einschließlich die endlosen Migrantenströme Richtung Westeuropa, hauptsächlich Mohammedaner, und die anhaltende, von Russland genährte Spannung in der Osturkraine und in Moldawien – ist das Post-Afganistan-Syndrom Russlands und das Wiedererstehen des rechtgläubigen Traums, der unter dem kaum gläubigen Peter I. seine ideologische Stütze in der russisch-orthodoxen Kirche fand. Es ist kein Zufall, dass, erstmals seit der gescheiterten Intervention der UdSSR in Afghanistan, die russisch-orthodoxe Kirche wieder vom „Heiligen Krieg“ spricht, dessen Mission der Putin-Staat auf sich nahm. So haben wir nun, wie im frühen Mittelalter, zwei „Heilige Kriege“, den islamischen und den orthodoxen („rechtgläubigen“), und dazwischen den unentschlossenen und von falsch verstandener politischer Korrektheit beherrschten Nato-Krieg, der von der Türkei auch zum Krieg gegen die Kurden offen missbraucht wird.

Für Putins Russland ist dieser „Heilige Krieg“ – nicht auszuschließen ist, dass, wie in Afghanistan nach 1979, auch Bodentruppen eingreifen – beim wirtschaftlichen Inlandsdesaster die letzte Chance, das Regime der KGB-Offiziere und Oligarchen im Putin-Gefolge irgendwie zu rehabilitieren, das Afghanistan-Syndrom, unter dem Russland seit 25 Jahren leidet, zu lindern, indem auf Altbewährtes zurückgegriffen wird: Stiche gegen Westeuropa, einerseits durch Ermutigung der Migrationsströme, andrerseits durch Diskreditierung der amerikanisch-westeuropäischen Doktrin zur – zugegeben: schwach-lax-übervorsichtigen – Bekämpfung eines aggressiven, gewalttätigen, mittelalterlichen Islam.

Immer noch dient, wie seit 300 Jahren, dem rechtgläubigen russischen Traum die Bekämpfung des Islam als Vorwand, um von den innenpolitischen Problemen abzulenken, auch wenn eine Umfrage der Franzosen von „Libération“ in Moskau gezeigt hat, dass 84 Prozent der Moskowiten nicht interessiert, was ihre Truppen in Syrien tun. Das dürfte sich erst ändern, wenn, wie in Afghanistan, die ersten Gefallenen, als „Helden“, heimgebracht und ehrenhaft bestattet werden...

Als Putins Russland sich 2013 auf eine Konfrontation mit Westeuropa durch den Konflikt in der Ostukraine einließ, glaubte Moskau, mit der Erdgaswaffe den Erpressungsschlüssel zu besitzen. Das erwies sich als begrenzt. Den Bürgern Russlands wird aber nach wie vor eingehämmert, dass der Ostukrainekonflikt ein Ergebnis der westeuropäisch-amerikanischen Ostexpansion ist. Stimmt sogar. In Grenzen.

Die Kehrseite der Medaille ist glaubhafter. Seit Putin 2000 an die Macht kam, gab es mehrere Erpressungsversuche der EU durch Russland, immer mit geschwungener Energiekeule.

Syrien und ein dort Krieg führendes Russland dürfte die letzte Chance Putins sein, das Phantom der Weltmacht Russland, das er und die russisch-orthodoxen Kirche beschwören, zu retten. Implizite Putins Chance für einen honorigen Abgang. Schwindet dann auch das Afghanistan-Syndrom Moskaus?

Die Rede an die Nation von Präsident Johannis erwarte ich gespannt.

Kommentare zu diesem Artikel

Tourist, 14.10 2015, 15:36
den Krieg in Syrien haben die USA begonnen, indem sie beim Arabischen Frühling radikalislamische Gruppen, wie die Al-Nusra-Front (=Al-Kaida) bewaffnet haben. In Ägypten wurden der Arabische Frühling vom Militär, hinter dem wieder die USA stehen, unterdrückt und ein neuer Diktator ist an der Macht. In Syrien werden weiter die Islamisten gefördert, nur weil sie Assad weghaben wollen. Warum eigentlich? Wegen Demokratieexport, so wie in Ägypten oder Libyen? Haha!

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