„Kommt nach Temeswar!“

Interview mit der OeAD-Lektorin Anna Lindner

Mittwoch, 20. Februar 2013

„Jedes Mal wenn ich in Wien bin, denke ich mir: Wo sind die Bäume?“ – OeAD-Lektorin Anna Lindner
Foto: privat

Seit 2009 unterrichtet die Wienerin Anna Lindner als entsandte Lektorin des österreichischen Austauschdienstes an der West-Universität Temeswar/Timişoara. Die Literaturwissenschaftlerin hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht. Beim Wiener Metroverlag brachte sie die thematischen Stadtführer „Wiener Literaturschauplätze“ (2008) und „Wiener Kriminalschauplätze“ (2009) heraus. Mythen und Legenden der Donau sammelte sie in ihrem Buch „Donausagen: Vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer“. Momentan arbeitet sie an ihrem vierten Buch. Diesmal erkundet sie Städte in ehemaligen Regionen der österreichisch-ungarischen Monarchie. ADZ-Redakteur Robert T a r i sprach mit ihr über ihre Erfahrungen in Rumänien, ihre bisherigen Bücher und ihre Eindrücke über Temeswar und das Banat.

Wie sind Sie dazu gekommen, die Lektorenstelle in Temeswar anzunehmen?

Ich wusste von diesem Programm der Lektorate von österreichischer Seite, dass solche Stellen in vielen Ländern angeboten werden. Ich habe mich speziell für Rumänien beworben, weil mein Mann auch Österreichlektor in Temeswar war – und weil ich aufgrund von Besuchen die Stadt bereits kannte. Ich wäre auch in andere Städte in Rumänien gegangen, bin aber froh, dass ich die Stelle hier bekommen habe.

Hatten Sie Vorkenntnisse über die Stadt beziehungsweise Rumänien?

Ich kannte die Geschichte, insbesondere der Regionen, die einmal zu Österreich gehört haben. Ich habe an der Universität Wien auch einige Kurse für  rumänische Sprache und Geschichte belegt, kannte mich deswegen in dem Bereich schon aus. Allgemein wissen die Österreicher nicht sehr viel über diese Gegenden und es gibt auch sicherlich viele Vorurteile.

Wie haben die Menschen aus Ihrem Familien- und Bekanntenkreis auf den Rumänienaufenthalt reagiert?

Immer, wenn man in ein fremdes Land geht, gibt es zwiespältige Reaktionen seitens der Familie und der Bekannten. Meine Eltern, die sehr gerne reisen und nach der Wende aufgrund der Öffnung der Grenzen auch die ehemaligen kommunistischen Länder besuchten, haben mich diesbezüglich unterstützt. Die meisten meiner Freunde haben es auch als tolles Abenteuer empfunden. Aber es hat auch Leute gegeben, die ihre Bedenken ausdrückten und mich dann darauf ansprachen, ob ich es nicht für zu gefährlich halten würde und wieso ich keine Alternativen wie zum Beispiel Frankreich in Erwägung gezogen habe.

Ich persönlich habe mich gleich nach der Ankunft hier willkommen gefühlt, sowohl seitens meiner Kollegen als auch in der Stadt. Ich habe keine negativen Erfahrungen gemacht und hatte keine Anpassungsschwierigkeiten. Ich glaube, das hat etwas damit zu tun, dass die Denkweise der Rumänen, der Banater, sich von der Denkweise der Österreicher – oder zumindest der Ostösterreicher – nicht sehr stark unterscheidet. Das kann vielleicht an der gemeinsamen Geschichte liegen. Auch die Klischees kann ich widerlegen, denn mit der Bürokratie in Rumänien habe ich keine so schlechten Erfahrungen gemacht. Zwar läuft nicht immer alles zack, zack, aber das ist in Österreich nicht anders.

Temeswar wird oft auch als „Klein-Wien“ beschrieben. Wie treffend ist diese Bezeichnung?

Ich sage immer, wenn man sich zum Beispiel den Domplatz anschaut mit seiner Architektur, dann natürlich auf jeden Fall. Auch die Denkweise passt. Aber was Temeswar von Wien in positiver Hinsicht unterscheidet, ist, dass es eine grüne Stadt ist. Gerade in der Innenstadt von Wien befindet sich nur Stein. Schöner Stein. Aber nur Stein. Hier gibt es sehr viele Parks. Das habe ich zu schätzen gelernt. Jedes Mal, wenn ich in Wien bin, denke ich mir: Wo sind die Bäume?

Auf welche Schwierigkeiten sind Sie bei Ihrer Ankunft gestoßen?

Als ich ankam, kannte ich noch nicht so viele Leute und diejenigen, die ich schnell kennengelernt hatte, waren aus dem universitären Umfeld, aus der Germanistik, aus deutschen Kreisen. Darum bin ich mit der rumänischen Sprache nicht so oft in Berührung gekommen. Ich habe aber das schöne Temeswarer Deutsch kennengelernt, das mir mittlerweile sehr gut gefällt und von dem ich bereits ab und zu kleine Wendungen benutze.

Sie unterrichten an der Hochschule. Wie nehmen Sie die Studenten wahr?

Generell gesprochen sind die Studenten hier in Rumänien weniger selbstständig. Das hat aber etwas damit zu tun, wie das Universitätssystem organisiert ist. Es gibt wirklich Jahrgänge, so wie in der Schule, und sehr fixe Curricula. Das ist mittlerweile in der ganzen EU so. Als ich studiert habe, war das sehr viel freier. Man konnte viel selber wählen, was teilweise angenehm ist, weil man für Themen optieren kann, die einem gefallen. Aber es ist auch anstrengender, weil man alles selbst organisieren muss und das hat Vor- und Nachteile. Man muss selbstständiger werden. Das ist sicher nicht schlecht, gleichzeitig vergeudet man aber viel Zeit damit, sich für den einen oder anderen Kurs zu entscheiden.

Man muss es dann so hinkriegen, dass man zum Beispiel zwei Kurse machen kann, die sich aber nicht zeitlich überschneiden. Das ist so ein Unterschied zwischen meiner Generation und den Studenten, die jetzt zur Uni gehen. Ich unterrichte hauptsächlich im Masterstudiengang. Was ich da bewundernswert finde, ist, dass viele Studenten Vollzeit arbeiten und trotzdem noch einen Master machen. Ansonsten ist es wie überall: Es gibt Studenten, die sehr gescheit und sehr fleißig sind, es gibt welche, die sind sehr fleißig und es gibt welche, die sind sehr gescheit und dann gibt es welche, die sind weniger gescheit und weniger fleißig.

Welchen Stellenwert hat die rumäniendeutsche Literatur in Österreich?

Sie hat wie überall, aufgrund des Literaturnobelpreises für Herta Müller, einen Aufschwung erlebt. In Wien ist sie nicht so ein großes Thema. Ein viel größeres Thema ist die Literatur aus der Bukowina, die auch zur rumäniendeutschen Literatur gehört. Sie hat einen sehr viel höheren Stellenwert als die Literatur aus dem Banat oder auch aus Siebenbürgen. Vor allem wegen Paul Celan, der schon in den 1950er Jahren sehr bekannt geworden ist. Diese Literatur hat besonders nach der Wende einen großen Aufschwung erlebt. Ich glaube auch, weil der Mythos Czernowitz schon in der Zwischenkriegszeit ein bisschen gepflegt wurde und vielleicht sogar noch exotischer geklungen hat. Das Gebiet in der Ukraine hat einmal zu uns gehört. Czernowitz trägt ja auch den Beinamen Klein-Wien, genauso wie Temeswar, aber, weil es eine zahlreiche jüdische Bevölkerung hatte, auch Klein-Jerusalem.

Sie haben bisher drei Bücher veröffentlicht, an einem vierten arbeiten Sie derzeit. Ihr erstes Buch, ein Reiseführer über Wien namens „Wiener Literaturschauplätze“ ist 2008 erschienen. Wie ist es dazu gekommen, dass Sie an einem Wiener Reiseführer gearbeitet haben?

Ich hatte damals in einem Verlag ein Praktikum gemacht, während des Studiums, der eine ganze Reihe von thematischen Wienführern herausgegeben hat, zu den verschiedensten Themen. Eines war zum Beispiel „Wien und der Tod“. Weitere Themen lauteten: „Jüdisches Wien“, „Orientalisches Wien“, „Wien und die Medizin“. Die Stadt wird in diesen Reiseführern aus verschiedenen Blickwinkeln vorgestellt und da kam die Idee auf, weil Wien immer wieder auch in der Literatur behandelt wurde und manche Wiener Orte vor allem durch ihre literarische Bearbeitung bekannt geworden sind, einen Reiseführer darüber zu schreiben. Das prominenteste Beispiel ist wahrscheinlich die Strudlhofstiege – eine Stiege im Jugendstil gebaut, die sich im Neunten Bezirk von Wien befindet. Sie lieh einem umfangreichen Roman von Heimito von Doderer den Titel und dieser Roman gehört auch zu den Klassikern der neueren österreichischen Literatur. Es hat sich damals so ergeben, dass das eine gute Idee für einen Reiseführer wäre, und ich habe diesen dann verfasst.

Das zweite Buch ist ebenfalls ein Reiseführer. Darin geht es um Schauplätze in Wien, an denen Verbrechen verübt wurden. Woher kam die Idee für dieses ungewöhnliche Thema?

Als ich das erste Buch geschrieben habe, habe ich das natürlich meinen Freunden erzählt, und einer dieser – sein Name ist Thomas Gasser, Journalist und Filmemacher aus Wien – hat mir vorgeschlagen, ein Buch über Schauplätze, an denen große Verbrechen stattgefunden haben, zu schreiben. Ich habe es dann dem Verlag vorgeschlagen und ihn, Thomas Gasser, auch als Co-Autor.

Können Sie uns kurz eine spannende Geschichte aus dem Buch erzählen?

Ein berühmtes Verbrechen, über das wir geschrieben haben, war der Mord an Traian Grozăvescu, ein aus Lugosch/Lugoj stammender Tenor, der in Budapest studiert und in Klausenburg/Cluj-Napoca debütiert hat. Er war in den 1920er Jahren ein großer Star, der an der Wiener Staatsoper gesungen hat. Er war mit einer Wienerin verheiratet. Sie führten eine sehr spannungsreiche Ehe, vor allem deswegen, weil dieser Traian so viele Verehrerinnen hatte und er sie scheinbar nicht immer abgewiesen hat. Grozăvescu sollte zu einer Tournee aufbrechen, die ihn wahrscheinlich wirklich weltberühmt gemacht hätte. Er sollte in Berlin und sogar New York auftreten. Also wirklich eine Welttournee, und seine Frau wollte unbedingt mitfahren, doch er war dagegen. Am Vorabend seiner Abreise hatte sie seine Koffer gepackt und dabei heimlich auch ihre Kleidung in den Koffer gelegt. Als er das gesehen hat, hat er ihre Kleider rausgefetzt. Seine Frau – Nelly war ihr Name – hat daraufhin einen seit Längerem bereitliegenden Revolver genommen und ihn erschossen. Vor der Staatsoper hatten sich damals 50.000 Menschen versammelt und es wurde um das Gebäude herum eine Ehrenrunde mit dem Sarg gemacht.

Momentan arbeiten Sie an Ihrem vierten Buch, das voraussichtlich im Frühjahr erscheinen soll. Worüber handelt es?

In diesem Buch geht es um die vielen Städte in den ehemaligen k.u.k. Ländern, die durch die Geschichte stark geprägt wurden. Es richtet sich primär an ein österreichisches Publikum. In Österreich gibt es natürlich viele Leute, die von der Geschichte etwas wissen, manche detaillierter, manche weniger und häufig kennt man Städtenamen, aber man hat keine wirkliche Vorstellung davon, was dort war und was dort jetzt ist. Vor diesem Hintergrund soll dieses Buch einen kurzen geschichtlichen Überblick geben, natürlich auch mit bekannten Anekdoten.

Wie finden Sie das kulturelle Leben Temeswars?

Man kann natürlich Temeswar nicht mit Wien vergleichen, aber ich finde, es gibt viele interessante Projekte und Initiativen. Ich finde es toll, dass es hier ein deutsches Theater gibt. Es gibt auch viele Initiativen, die jetzt nicht klassische Hochkultur sind, sondern Streetart und moderne Musikfestivals. Das hat mich positiv überrascht. Das klingt vielleicht überheblich – da bin ich wahrscheinlich wie viele Wiener: Wir trauen einer Stadt, die kleiner ist als Wien, nicht zu, dass es dort auch spannende Sachen gibt.

Wenn Sie das Banat oder Temeswar kurz beschreiben müssten, wie würden Sie es tun?

Wenn man mich über Rumänien befragt, sage ich immer: Kommt nach Temeswar! Weil es mir hier besonders gut gefällt. Eben für das Banat ist Temeswar die wichtigste Stadt und ist es historisch immer gewesen. Ich würde, einfach weil ich es hier so wahnsinnig schön finde, immer von dieser Mischung erzählen. Man trifft hier eine architektonisch sehr reizvolle Innenstadt, die sehr alt und sehr städtisch ist und dann gibt es aber noch viele Teile in der Stadt, die so dörflich sind, mit vielen Gärten. Das ist für jeden Temeswarer selbstverständlich, aber das ist wirklich etwas, das ich irrsinnig schön finde.

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