Kommunikative Vollisolation gebrochen

Taubblinder Vasile Adamescu stellte seine Autobiografie vor

Freitag, 30. Oktober 2015

Für die Kommunikation mit Vasile Adamescu wird unter anderen das Tast-Alphabet in der Handfläche benutzt. Mit den Fingerspitzen werden ihm in die Innenfläche der Hand Druckbuchstaben „getippt“ (im Bild).
Foto: Andreea Oance

In einer Welt ohne Licht und ohne Geräusche zu leben – das ist für viele Menschen etwas Unvorstellbares. Für Vasile Adamescu ist das Alltag, denn er ist seit seinem zweiten Lebensjahr taub und blind. Nun ist Adamescu 71 Jahre alt, er kann lesen, tanzen, mit Ton modellieren, hat die Uni abgeschlossen, fünf Fremdsprachen gelernt und ein autobiografisches Buch geschrieben. Der erste Band des Buches „Înfruntând viaţa“ (Das Leben bezwingen) wurde kürzlich in Temeswar/Timişoara vorgestellt. Der Raum im Café-Text in der Theresien-Bastei ist voll. Ein Summen herrscht im Raum und die Menschen wirken etwas aufgeregt. Ein besonderes Treffen steht heute für alle auf dem Programm: Viele werden, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, einen Menschen mit Taubblindheit treffen. Dies ist eine komplexe Sinnesbehinderung, bei der Gehörlosigkeit und Blindheit zusammen auftreten. An einem Tisch vor seinem Publikum sitzt Vasile Adamescu mit dunkler Brille und wartet. Dabei beschäftigt er sich mit einem Blatt Papier, in das er mit einem besonderen Gerät Punkte hineinsticht. „Er lässt dabei eine Zeichnung entstehen“, sagt Viorel Micu, ein junger Mann, der Adamescu im Alltag begleitet und sein persönlicher Übersetzer ist.

Sofort beginnt Micu die Lebensgeschichte des „Supermannes“, so wie Vasile Adamescu öfters bezeichnet wird, zu erzählen. Im Alter von zwei Jahren verlor dieser infolge einer unbehandelten Meningitis sein Seh- und Hörvermögen. Er wurde als ein hoffnungsloser Mensch betrachtet. Wie kann man es durchs Leben schaffen und die Welt wahrnehmen, wenn man als Kleinkind plötzlich nichts mehr sieht und hört? „Vasile Adamescu ist ein Wundermensch. Er hat allen bewiesen, dass im Leben alles möglich ist. Er hat sich selbst übertroffen und ist ein Beispiel für uns alle“, sagt Viorel Micu. Dabei lässt er, der selber eine Sehbehinderung hat, das Publikum ins Leben des taubblinden Mannes eintauchen. Vasile Adamescu habe gelernt, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Seine ursprüngliche totale kommunikative Isolation konnte der Mann erst mit 11 Jahren durchbrechen, als er ein besonderes Tastalphabet erlernte und somit befähigt, sich verständlich zu machen. Am Beispiel der US-amerikanischen taubblinden Helen Keller wurde Adamescu das Kommunizieren beigebracht. Durch Handdrücken und Antasten der Lippen und des Halses, durch Vibrationen und letztendlich mit der Brailleschrift – Adamescu hat Schritt für Schritt die Welt erkunden können.

Weltweit gibt es nur noch 20 taubblinde Menschen und es gibt nur drei autobiografische Bücher, die von einem taubblinden Menschen geschrieben worden sind. Seine faszinierende Lebensgeschichte – von der Kindheit bis hin zur Aufnahme an der Psychologie-Fakultät der Babeş-Bolyai-Universität in Klausenburg/Cluj-Napoca – hat Adamescu aufs Papier gebracht. Das Buch kostet 30 Lei. Die Autobiografie wird auch ins Englische und Französische übersetzt und soll auch im Ausland verkauft werden. Im kommenden Jahr soll der zweite Band seiner Autobiografie erscheinen. Dort wird er von seinem Leben nach Beginn des Hochschulstudiums erzählen. „Zehn Jahre lang habe ich an meinem Buch gearbeitet. Ich hoffe, dass es allen Leuten mit Behinderung hilft, ihre Lage leichter zu überwinden. Jeder Mensch hat seinen Platz in der Gesellschaft“, sagt Vasile Adamescu, der seine Freude nicht verbergen kann. Seine Mimik verrät ihn. Dabei freut sich der Mann immer wieder, mit Leuten zu kommunizieren, sodass er sich am Ende seiner Buchvorstellung die Zeit nahm, für jeden einzelnen Buchkäufer das Buch zu signieren. Vasile Adamescu wurde nach seinem Studium Professor an der Schule für Sehbehinderte in Klausenburg. Auch nun, als Rentner, arbeitet er mit Menschen mit Sehbehinderung. Seine größte Herausforderung ist derzeit Rareş, ein taubblinder Junge, dem er durch das eigene Beispiel und seine Erfahrung das Kommunizieren beibringen will. Mehr über den „Wundermenschen“ Vasile Adamescu können sie in einer kommenden ADZ-Ausgabe lesen.




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