Kraut und Bohnen und andere verflixte Sachen

Temeswarer Forscher laborieren an Banater Zukunftsgemüse

Donnerstag, 08. November 2012

Wie aus Kunststoff, schön in Reih und Glied: Teure Tomaten und Gurken aus türkischen Gewächshäusern am Temeswarer Heuplatz
Foto: Zoltán Pázmány

Die Gemüsesuppe, die alltägliche: Seien wir ehrlich, die gewöhnliche klare Brühe ist schon etwas ganz Wichtiges für uns alle. Vitamine, Mineralstoffe, allerhand Ballaststoffe für die Verdauung, ob es sich nun um Frischgemüse, um Lagergemüse oder das verarbeitete, konservierte Dosen- oder Tiefkühlgemüse handelt. Aus den verschiedensten Gründen ist die Sache mit unserem Gemüse, wie allgemein mit der Ernährung, hierzulande gar nicht mehr so einfach. Tatsache ist, dass eine normale rumänische Familie die höchsten Monatsausgaben für die Nahrung, die Grundlebensmittel, tätigt. Etwa 8,5 Millionen Rumänen leben in Armut, sagt die Statistik, und doch belegen unsere Landsleute europaweit einen erstaunlichen ersten Platz bei den monatlichen Ausgaben für Nahrungsmittel: 28,8 Prozent des Monatseinkommens. Das macht etwa 100 Euro aus. Zum Vergleich, die Deutschen belegen Platz 23 mit 10,9 Prozent beziehungsweise 331 Euro pro Monat. Die Plätze eins bis zehn werden übrigens von acht Ländern aus Osteuropa belegt. Ist die Sache mit den Lebensmitteln beziehungsweise dem Gemüse eine typisch osteuropäische Angelegenheit?

Es ist Fakt, dass die gepfefferten Lebensmittelpreise – trotz der sich ebenfalls drehenden Preisspirale beim Gemüse – bei uns dazu geführt haben, dass das Gemüse zu einem Hauptgericht geworden ist. Und das war in unserem armen Land, wo die Leute schon immer gerne gegessen, gar gefuttert haben, früher nicht so. Sogar in den finsteren und mageren Zeiten des Ceauşescu-Regimes gab es Gemüse nur als Vorspeise und die Bohnen-, Erbsen-, Kraut- oder Kartoffelspeisen waren eine Beikost, gewöhnlich neben dem guten Schweine- oder Hühnerbraten.

Wie gesagt, es gibt unzählige Gründe für die derzeit missliche Lage, in die eigentlich nicht allein das rumänische Gemüse, sondern auch das Obst, ja fast alle traditionellen Lebensmittel, geraten sind: Die Fachleute benennen als Gründe die Klimaänderung, die Wirtschaftskrise, die Verarmung und Überalterung der Landbevölkerung, die steigenden Kosten der Landwirtschaft beziehungsweise des Gemüse- und Obstanbaus. Eine gewissenlose Mafia mit vielen Handlangern im Handel und auf den Marktplätzen dirigiert den Import und Export, sowie den Absatz, treibt die Preise in die Höhe, presst die Kleinproduzenten aus und vieles mehr. Nun, kurz vor dem Start der Wahlkampagne, hat die Regierung beschlossen, mit einem neuen Gesetzesprojekt den einheimischen Gemüseproduzenten unter die Arme zu greifen und den schon Überhand genommenen Zwischenhändlern auf den Marktplätzen einen Riegel vorzuschieben. Was daraus wird? Man muss es abwarten. Bekanntlich geht die Wahlkampagne nur über 30 Tage.

Alle versuchen nun, auf ihre Art diesem kapitalen Problem beizukommen: Die Politiker, die Beamten aus dem Rathaus oder von den Marktplätzen, die Groß- und Kleinhändler, die Kontrolleure, Inspektoren, bekannte Wissenschaftler oder unbekannte und die Bauern. Lehrer, Forscher und ganze Studienjahrgänge von der Banater Landwirtschaftlichen und Veterinärmedizinischen Universität aus Temeswar/Timişoara beschäftigen sich auf Initiative von Prof. Dr. Radu Şumălan schon seit etwa fünf Jahren an einer Reihe von Forschungsprojekten zu diesem Thema. Der Gesamtwert dieser Forschungsprojekte beträgt nahezu drei Millionen Euro. Nun steht hier ein sehr interessantes Forschungsprojekt zum Thema „Zukunftsgemüse” im Wert von über 400.000 Euro zur Diskussion: „Screening der Säuretoleranz von lokalen Gemüsearten mit dem Ziel der Konservierung ihres genetischen Potenzials und der Biodiversität”, das im Rahmen des Landesplans für Forschung, Entwicklung und Neuerung 2007 bis 2013 erarbeitet und durchgeführt werden soll. Das Vorhaben, das bestimmt für den gesamten alten Kontinent von Interesse sein wird, wurde von einem Team von ausländischen Wissenschaftlern mit 96 von 100 Punkten als hervorragend bewertet.

Hauptziel ist die Suche, Identifikation und Prüfung der traditionellen, lokalen Banater Gemüsekulturen (Tomaten, Zwiebeln, Knoblauch und Bohnen) im Hinblick auf die Toleranz und Widerstandsfähigkeit gegenüber den verstärkten Folgen der Klimaänderungen – auf das Banat bezogen: der Dürre, Versandung und Versauerung der Böden. Diese widerstandsfähigen, angepassten Sorten, sowohl Feld- als auch Gartengemüse, sollen dann im Rahmen der wissenschaftlichen Verbesserungsprogramme und als Saatgut für die Farmer zum Einsatz kommen. Das jahrzehntelang als wichtiges Agrarland bekannte Rumänien, das nicht nur hohe Gemüseproduktionen erreichte, sondern stets sogar einen Überschuss an nicht bearbeiteten, nicht genutzten Landwirtschaftsflächen hatte, hat in den letzten Jahren, vor allem nach der Wende, auch wegen der starken Versauerung seiner Böden viel an Möglichkeiten und Ernten verloren. Leider wurde das gesamte, aus der kommunistischen verstaatlichten Landwirtschaft übernommene Bewässerungssystem nach der Revolution vernachlässigt, zerstört und als Alteisen verscherbelt. Das Projekt, die Arbeiten der Forscher mit ihren jeweiligen Teams, soll die Erarbeitung einer Datenbank mit wertvollen Informationen für die Bauern ergeben. Das Projekt wird von den Temeswarer Forschern in Partnerschaft mit drei weiteren rumänischen Fachinstitutionen durchgeführt. Die Partner sind die Uni für Agrarwissenschaften und Veterinärmedizin Jassy/Iaşi, das Zentrum für Biologische Forschung des Botanischen Gartens „Vasile Fati“ in Jibou/Siben und das Institut für Lebenswissenschaften   der Arader Vasile-Goldiş- Universität.

Schön und gut, nichts gegen die Nützlichkeit eines derartigen Forschungsprojekts. Bis die Arbeit der Forscher ihre Früchte trägt, werden die Preise der Lebensmittel, selbst für unsere gewöhnlichen, einheimischen Gemüsearten, bis ins Unhaltbare steigen. So stieg der Preis bei Kartoffeln wegen der Dürre zwischen August und September über Nacht um fast 30 Prozent. Trotz der Versprechen der Politiker und Lokalverwaltungen, die fast den gesamten Gemüsehandel beherrschende Mafia, die Zwischenhändler und Profiteure auszuschalten, dem Importgemüse einen Riegel vorzuschieben und die einheimischen Kleinproduzenten zu unterstützen, werden Bevölkerung und Konsumenten wahrscheinlich genauso unzufrieden sein wie bisher. Und wenn dieses Zukunftsgemüse nun säure-, schlag- und kugelfest sein wird, jedoch ungenießbar? Wie gesagt, es ist schon eine verflixte Angelegenheit.

Kommentare zu diesem Artikel

Christian, 13.11 2012, 21:56
Lieber Herr Waitz,
eigentlich bin ich es langsam müde, aber einmal noch möchte ich der Welt den Unterschied zwischen Dosen- und Tiefkühlgemüse erklären, den sie gleich am Anfang Ihres Artikels auf so elegante Weise übergangen und "alles in einen Topf geworfen" haben.

Dosengemüse wird vor der Abfüllung leicht oder gar gekocht und dann mit schädlichen Konservierungsmitteln haltbar gemacht. Die Dosen, falls sie innen keine Schutzfolie haben, können weitere Schadstoffe freisetzen. Der Nährwert von Dosen- oder Glasgemüse geht gegen Null, dafür sind die Gesundheitsschäden beträchtlich.

Ganz anders ist es mit dem Tiefkühlgemüse. Dieses Gemüse wird direkt vom Feld weg auf den Höfen schockgefroren, es wird nicht gekocht und es werden auch keine Konservierungmittel zugesetzt. Alle Vitamine bleiben erhalten, da diese nur durch Licht, Wasser oder Fett zerstört werden können. Tiefkühlgemüse hat häufig einen höheren Nährwert und ist gesünder, als das "frische" Gemüse vom Markt. Der Grund ist ganz einfach: Das Gemüse auf dem Markt verliert während des Transports und der Lagerung durch Umwelteinflüsse einen Teil seiner Vitamine, es ist der Luftverschmutzung und den Temperatureinflüssen ausgesetzt.

Guten Appetit

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