Krieg und Frieden auf dem Balkan

Fotoausstellung im Hanul Gabroveni Bukarester schließt mit Film und Debatte

Samstag, 09. Mai 2015

Lewis Hine: Ein weihnachtlicher Straßengeiger, Belgrad 1918

Der Hanul Gabroveni gehört, so wie der Hanul cu Tei (Herberge zum Lindenbaum) oder der Hanul lui Manuc (Manucs Herberge), zu den ehemaligen Herbergen in der Bukarester Altstadt, in denen vor allem während des 19. Jahrhunderts Händler aus aller Herren Ländern Quartier nahmen, um ihre Waren in den benachbarten Geschäftsstraßen feilzubieten, so etwa in der Strada Lipscani, die die deutsche Stadt Leipzig (rumänisch: Lipsca) im Namen führt. Mit dem Wort „lipscani“ bezeichnete die rumänische Sprache schon seit dem 17. Jahrhundert Geschäftsleute, die Waren nicht nur aus Leipzig, sondern generell aus Westeuropa nach Bukarest brachten.

Der Hanul Gabroveni ist benannt nach der bulgarischen Stadt Gabrovo, die bereits im 17. Jahrhundert als Zentrum der Handwerkskunst bekannt war. Das Gebäude, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Hotel diente und nach der Revolution 1990 von einer Handelsgesellschaft genutzt wurde, fungiert seit dem Jahre 2014, nach einer aufwändigen denkmalkonservatorischen Restaurierung, als Kulturzentrum der Stadt Bukarest mit zahlreichen Ausstellungsräumen auf mehreren Geschossen. Man findet den Hanul Gabroveni, wenn man, vom Bulevardul Ion C. Brătianu kommend, an der Statue der römischen Wölfin vorbei die Strada Lipscani betritt, bereits nach wenigen Metern auf deren linker Straßenseite. Der Hanul Gabroveni im Straßengewirr der Bukarester Altstadt kann, obwohl er die Strada Lipscani mit der Strada Gabroveni verbindet, leider nicht als Durchgangspassage genutzt werden wie etwa der in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Hanul cu Tei.

Im Hanul Gabroveni, und zwar im Säulensaal des ersten Obergeschosses, ist seit dem 17. April und noch bis zum 15. Mai dieses Jahres eine Fotoausstellung zu besichtigen, die gemeinsam vom Goethe-Institut, vom Bukarester Kunst- und Kulturzentrum ARCUB und vom Bürgermeisteramt der Stadt Bukarest veranstaltet wird. Sie trägt den Titel „Krieg und Frieden auf dem Balkan“ und versammelt vierzig großformatige (vergrößert reproduzierte) Fotografien von fünf Fotoreportern aus vier Ländern: Deutschland, Frankreich, Russland und den Vereinigten Staaten von Amerika.

Die zweisprachige Ausstellung – die Beschriftungen der Fotos und die informativen Begleittexte können in deutscher und rumänischer Sprache gelesen werden – wird außerdem ergänzt durch zwölf etwa fünfminütige Kurzfilme, die man an vier Monitoren mit Hilfe von Kopfhörern rezipieren kann. Darin berichten zwölf Historiker über die Ursachen, den Verlauf und die Folgen des Ersten Weltkriegs insbesondere auf dem Balkan. So spricht beispielsweise die Schriftstellerin und Lyrikerin Vesna Goldsworthy über das Thema „Dracula und der Mythos vom Wilden Balkan“ und der an der Universität Cambridge lehrende Historiker Christopher Clarke beschäftigt sich unter dem Titel „Die Schlafwandler“, der auf die gleichnamige Romantrilogie von Hermann Broch anspielt, mit dem Verantwortungsbewusstsein der Staatenlenker von 1914.

Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien sind nicht nur dokumentarisch von Interesse, sondern auch künstlerisch von Bedeutung. Auf manchen Fotos wird man mit dem Phänomen unterschiedlicher Schärfentiefe konfrontiert. Nur der fokussierte Teil der Bildfläche wirkt scharf, der Rest leicht verschwommen. Diese Form der Realitätswiedergabe, die im optimierten fotografischen Handwerk der Gegenwart als Mangel betrachtet wird, entfaltet im gegebenen historisch-dokumentarischen Rahmen gleichwohl einen gewissen Reiz.

Während der Erste Weltkrieg im Westen Europas als industrialisierter Stellungskrieg, als massive Materialschlacht und munitionsreicher Ausblutungskampf geführt wurde, wütete der Krieg im Osten, insbesondere auf dem Balkan, mitten in den Dörfern und Städten, also inmitten der Zivilbevölkerung. Alle fünf Fotografen, deren Werke in der Bukarester Ausstellung zu sehen sind, betonen diesen Aspekt des Leidens der Zivilbevölkerung.

Ein deutscher Fotograf, der die deutsche Armee auf ihren Feldzügen bis nach Südserbien und Bulgarien begleitete und dessen Name nicht bekannt ist, fotografierte zerlumpte Kinder, die in einem besetzten serbischen Dorf an einer Hauswand lehnen, außerdem fünf Jungen, die Soldat spielen, sich zu diesem Zwecke Mützen der österreichisch-ungarischen Armee aufgesetzt haben und, mit den gestreckten Händen an ihren Schläfen, vor dem ausländischen Fotografen militärisch salutieren.

Ein ebenfalls anonym gebliebener französischer Fotograf hielt in seinen Bildern die zweijährige Belagerung der heftig umkämpften Stadt Bitola und deren Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung fest. Auf den Fotografien sieht man die im Tale gelegene makedonische Stadt und die umliegenden Anhöhen, auf denen sich deutsche und bulgarische Truppen verschanzt haben. Man sieht die Einwohner Bitolas, wie sie vor dem Artilleriebeschuss Zuflucht in der Agios-Dimitrios-Kirche gefunden haben. Man sieht serbische Soldaten bei der Verteilung von Mehl: ein Vorgang, der auf dem betreffenden Foto wie ein religiöses Ritual wirkt. Und man sieht Kleinkinder in notdürftig zusammengezimmerten Holzsärgen, die den Eindruck erwecken, als schliefen sie nur, und sind doch in Wahrheit allesamt Todesopfer eines Gasangriffs.

Der russische Fotograf und Kameramann Sampson Tchernoff (1887-1929), der auch schon im russisch-japanischen Krieg Fotos geschossen hatte, dokumentierte den Rückzug der serbischen Armee über Albanien nach Korfu. Auf einer Straße liegt ein verhungerter serbischer Soldat, von keinem seiner ehemaligen Mitkämpfer beachtet. Zwei am Kopf bandagierte serbische Soldaten irren waffenlos durch die Landschaft. Ein einsamer Soldat hat sich in einem Dorf auf eine erhöhte Türschwelle gesetzt, den Kopf auf seine gefalteten Hände gelegt. Angst, Orientierungslosigkeit, Verlassenheit, Erschöpfung, Hunger und Tod sprechen aus Tchernoffs dokumentarischen Fotografien.

Fotos der beiden US-Amerikaner Ariel Varges (1890-1972) und Lewis Hine (1874-1940) beschließen den Reigen der hier versammelten Bilder. Ariel Varges, einer der ersten weltweit operierenden Fotojournalisten, dokumentierte den Kriegsalltag in Thessaloniki, das Zusammenleben der multinationalen Truppen mit der Zivilbevölkerung in der frontnahen Stadt. Griechische Jungen helfen französischen Soldaten beim Transport von Gewehren und Munition; russische Infanteristen marschieren am Hafenkai entlang; das Gerüst eines abgeschossenen Zeppelins ist in Kainähe ausgestellt; britische Offiziere spielen Badminton in einem nahe gelegenen Dorf; indische Truppen halten mit Masken eine Übung ab für einen bevorstehenden Gasangriff; ein britischer Offizier schenkt einem Mädchen in einem makedonischen Dorf Schokolade.

Die Arbeiten von Lewis Hine schließlich konzentrieren sich auf das Leid und das Elend der Kinder im Ersten Weltkrieg. Verlust der Eltern, Vertreibung, Flucht, Einsamkeit, Trauer durchwalten seine dokumentarisch-künstlerischen Fotos. Zwei zerlumpte Kriegswaisen mit Beutel, Blechnapf und Stoffbündeln statt Schuhen; ein Zug von Kinderflüchtlingen; ein lachender türkischer Junge, der sich über Lebensmittel vom Roten Kreuz freut; und ein anderer türkischer Junge mit langen geflochtenen Zöpfen, die er im Gedenken an seine beiden verstorbenen Schwestern trägt.

Die sehenswerte Bukarester Fotoausstellung „Krieg und Frieden auf dem Balkan“ im Hanul Gabroveni (Str. Lipscani 84-90) ist noch bis zum 15. Mai zu sehen. Außerdem wird dort am 14. Mai um 18 Uhr der Dokumentarfilm „War & Peace in the Balkans“ (in englischer Sprache mit rumänischen Untertiteln) gezeigt, mit anschließender Diskussion unter Beteiligung namhafter rumänischer Historiker.

Kommentare zu diesem Artikel

Ottmar, 11.05 2015, 17:13
Eine Bitte an die ADZ. ich bin leider nicht in Bukarest um diese Zeit. Kann somit die Ausstellung leider nicht besuchen. Kann der Fotograf der ADZ bitte mehr Bilder von der Ausstellung machen und ins Netz oder irgendwie unter ADZ stellen. Ein tolles Bild vom Geiger.

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