Krötenschlucken

Dienstag, 27. Dezember 2011

Als ein müder Präsident Constantinescu erklärte, die Geheimdienste hätten ihn besiegt, wurde er spöttisch oder mitleidig belächelt. Er galt als schwach, das Produkt der Bürgerallianz und früherer kommunismuskritischer Intellektueller. Altkommunist und Populist Iliescu wurde an seine Stelle gewählt. Keiner fragte sich, was wohl der gute Emil nicht enthüllt hatte, als er sich zum durch die Geheimdienste Besiegten erklärte, keine zehn Jahre nach der Wende von 1989.


Und gerade an diesem Nicht-Nachfragen, an dieser suggerierten Schnelllebigkeit der Nachwendezeit liegt es, dass die Geheimdienste, Schritt für Schritt, methodisch und systematisch, das öffentliche Leben durchdringen, sich überall frech und unabsetzbar breitmachen – immer auf die Gutgläubigkeit und Blauäugigkeit der Bürger setzend. Verfolgungswahn? Vielleicht.


Politische Kommentatoren in Bukarest gehen davon aus, dass der nächste, spätestens der übernächste Präsident Rumäniens direkt von den Geheimdiensten bestimmt wird, nicht zuletzt, weil sie die Mechanismen der Wahlen, die Mentalität der Wahlbürger und die Wahlmanipulation perfekt beherrschen und in Wirtschaft und Finanzwelt fest sitzen. Schon wenn man das Vorgehen des jetzigen Präsidenten etwas aufmerksamer betrachtet – einschließlich den Präsidentschaftswahlkampf und die Fernsehduelle zwischen B²sescu und seinen Gegenkandidaten - wird man sich erinnern, wie „überraschend“ der zeitweilig abgesetzte Präsident Trümpfe zückte, die ihm nur die Geheimdienste gesteckt haben können. Auch damals fragte niemand laut nach: Woher die Trümpfe?


Abhörskandale gibt es in diesem Land keine, wohl aber ganze Zeitungsfolgen, wo Abhörprotokolle abgedruckt werden. Mit wessen Komplizität das eigentlich Verbotene getan und – auch ein Verbot – an die Öffentlichkeit gebracht wird, fragt niemand. Aber es gibt Nutznießer davon und irgendetwas deutet darauf hin, dass einmal die Täter die ausschließlichen Nutznießer sein werden. Die Herren der Information mausern sich von Dienern ihrer Herren zu Herren der Macht.
Zu All-Mächtigen. Orwell läßt grüßen.

Unter den Bukarester Politkommentatoren heißt es, die Vorgangsweisen des amtierenden Präsidenten - systematisches Abhören der Kommmunikation politischer Gegner oder ihm Mißliebiger, Der-Staat-bin-ich-Auftritte, hinterlistige Nutzung der (illegal erzielten) Geheiminformationen, umfassender Einsatz umfangreicher Einsatzkräfte der Geheimdienste zum persönlichen politischen Zweck (Warum wurde ihr Etat im Wahljahr erhöht?) – bereiten die Wahlbürger psychologisch auf die Akzeptanz künftiger Vorgehensweisen seiner Nachfolger aus den Reihen der „Dienste“ vor.
Selbst die systematische Diskreditierung der Parteien, einschließlich durch Antikorruptionskampagnen gegen Mitglieder der Regierungspartei, könnte als einziges Ziel die Diskreditierung der Demokratie haben. Wer hierzulande eine politische Zukunft haben will, muss auf Traian Ungureanu und Maior setzen! Ansonsten: Krötenschlucken!

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