Kronstadt mit zwei Bewerbungen

Die Stadt bewirbt sich sowohl für olympische Jugend-Winterspiele 2020 als auch für europäische Kulturhauptstadt 2021

Freitag, 24. Juli 2015

Kronstadt/Braşov hat seine Kandidatur als Gastgeber für die olympischen Jugend-Winterspiele 2020 und als europäische Kulturhauptstadt 2021 bekanntgegeben.  Im ersten Fall gibt es einen prominenten Gegenkandidaten: Lausanne, wo sich bekanntlich auch der Sitz des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) befindet. Dieser feiert heuer seine 100-jährige Präsenz in Lausanne und könnte somit auch seiner „Heimatstadt“ etwas weiterschenken. In der Schweiz konnte sich Lausanne bereits gegen Luzern durchsetzen, was klar auf die Einflussstärke des IOC hinweist.
Im zweiten Fall heißen einige Gegenkandidaten Bukarest, Klausenburg/Cluj, Jassy/Iaşi, Temeswar/Timişoara, Craiova. Für Kronstadt ist es nicht leicht, sich zu behaupten. Einige Schwierigkeiten sind „hausgemacht“: zum Beispiel die bisher verlorene Zeit für effiziente Werbung oder das Heranziehen namhafter Persönlichkeiten der kulturellen und politischen Szene, um die  Lobbyarbeit voranzubringen. Hinsichtlich anderer Gegenargumente hat die Stadt wirklich keine Schuld: zum Beispiel die geringe geografische Entfernung zu Hermannstadt/Sibiu, die europäische Kulturhauptstadt, zusammen mit Luxemburg, des Jahres 2007.

Aber wenn diese Bewerbungen auch nicht zugunsten Kronstadts entschieden werden, worüber man, im ersten Fall, Ende dieses Monats, und, im zweiten Fall, im Herbst Bescheid wissen wird, so können dennoch auch einige positive Aspekte dieser Kandidaturen hervorgehoben werden. Als „Kandidatenstadt“, als Bewerber, bleibt man im Gespräch. Die Stadtverwaltung, die Behörden die sich mit dem Kulturleben beschäftigen (Theater, Philharmonie, Museen) sowie die Kulturensembles selber, die Künstler oder die im Wintersport Engagierten (Vereine und Verbände, Trainer, Sportler) stellen sich einem Vergleich mit ihren Mitbewerbern. Sie zeigen, was sie in diesem Augenblick leisten können; sie stellen ihr Wachstumspotenzial oder nolens-volens ihre Grenzen vor. Es wird getestet, wie die Öffentlichkeit in Kronstadt und Umgebung auf dieses Angebot reagiert, wie groß die Unterstützung dafür ist, ja sogar, wie weit man bereit ist, aus dem eigenen Stadthaushalt Geldmittel dafür zur Verfügung zu stellen. Ideal wäre es, wenn ein gesunder Lokalpatriotismus die Kronstädter vereinigt und sie gemeinsam diese Kandidaturen unterstützen. Der so viel umworbene Fremdenverkehr würde auch direkt von einer erfolgreichen Kandidatur profitieren. Wenn aus organisatorischer Sicht und von den gelieferten Dienstleistungen alles gut klappt, spricht sich das herum. Die Stadt kann sich für weitere Festivals, Europa- oder Weltmeisterschaften bewerben – eine nachhaltige Wirkung, wie das in Hermannstadt verzeichnet wurde, wäre mehr als nur ein Bonus.

Es stellt sich nun auch die Frage: Sind zwei fast gleichzeitige Bewerbungen doch nicht zu viel für eine Stadt, die ja auch andere Probleme zu lösen hat (z. B. Infrastruktur, Flughafen, Finanzierung von Schule, Gesundheit, Umweltschutz)? Wahrscheinlich ist das nicht der Fall – denn Sport und Kultur können gut miteinander leben, schließen sich nicht aus. Bei den olympischen Jugendwinterspielen wäre vor allem die Schulerau als Nutznießer zu betrachten. Von zwei Bewerbungen könnte es zumindest mit einer klappen. Und wenn auch die Rechnung nicht aufgeht, so blamiert man sich dabei nicht als bemitleidenswerter Verlierer. Denn nur wer versucht mitzumachen, bekommt eine Chance. Und wer aus seinen Fehlern lernt, sammelt Erfahrung. Die Bewerbungen sind der erste Schritt auf einem langen Weg zu internationaler Anerkennung. In diesem Fall dürfte aber nicht allein der erste Schritt der schwierigste sein.

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