Kronstadts Übergabe kam nicht in Frage

400 Jahre seit der Schlacht von Marienburg am 16. Oktober 1612

Samstag, 20. Oktober 2012

Friedrich Mieß: Michael Weiß (Zeichnung) Aus dem Band „Michael Weiß“/Maja Philippi, Kriterion Verlag, Bukarest 1982, Abb. 46.

Am 16. Oktober 2012 erfüllen sich 400 Jahre seit der zweiten Schlacht von Marienburg. (Die erste Schlacht bei Marienburg fand am 22. Juni 1529 statt). Seit mehr als einem Jahrhundert wird die Erinnerung an diese Schlacht mit Gedenkfeiern begangen, deren Tradition in den letzten Jahren wieder aufgelebt ist.

Am 21. September 1913 wurde zum Gedenken an die Schlacht bei Marienburg das Studentendenkmal errichtet, weil der Überlieferung nach in der Schlacht auch Schüler des Honterusgymnasiums ihr Leben verloren. (Die Schulmatrikel berichtet jedoch nichts darüber). Die Hauptperson der Schlacht von Marienburg war der damalige Kronstädter Stadtrichter Michael Weiß (1569 – 1612), der in der Schlacht auch seinen Tod fand.
Die unserer Meinung nach beste Schilderung der Geschehnisse und ihrer Zusammenhänge findet sich in dem Bande „Michael Weiß. Sein Leben und Wirken in Wort und Bild“, den die begnadete Kronstädter Geschichtslehrerin Dr. Maja Philippi (1914 – 1993) verfasst hat und der im Jahre 1982 im Bukarester Kriterion-Verlag erschienen ist.

Wir bringen daher diesen aussagekräftigen Text auszugsweise und glauben, dadurch dem Gedenken an diese Schlacht anläßlich der 400-Jahrfeier einen guten Dienst leisten zu können. (Gernot Nussbächer)

(...) Zwischen dem Alt und der Burzen kam es 16. Oktober zur Schlacht.
Die Truppen Bathoris waren denen Weiß’ zahlenmäßig weit überlegen. Sie standen unter der Führung Wolfgang Allyas, desselben Mannes, dem Michael Weiß 1603 das Leben gerettet hatte. Das Heer der Kronstädter  bestand zum großen Teil aus unzuverlässigen Söldnern; nur auf die Burzenländer Bauern und Kronstädter Bürger war Verlass, jedoch waren diese in einer offenen Feldschlacht völlig ungeübt.

Der kriegserfahrene Geczi scheint sich dieser Unzulänglichkeit bewusst gewesen zu sein. Er riet Weiß zum Rückzug in einen befestigten Ort, Honigberg oder Kronstadt. Aber jetzt war Michael Weiß fest entschlossen, die Entscheidung zu erzwingen. „Er wollte sich nicht raten noch sagen lassen, sondern hielt für Narren und Verzagte, die ihm was Gutes rieten, sagte auch zum Geczy spottweise, er wäre gewiss lange nicht bei Kronen bei dem Topf gesessen, wenn er schon gegen Kronen eilete. Er sollte doch nicht so verzagt sein usw. und blieb bei seinem Kopf“. (Paul Sutoris).

Die Schlacht selber wird von den verschiedenen Chronisten in übereinstimmender Weise beschrieben. Geczi und Weiß stellten ihre Truppen in Schlachtordnung auf, das Fußvolk in der Mitte, die Reiterei an die Flanken. Die feindliche Reiterei begann den Angriff auf die von Radu Mihnea geschickten Reiter, die jedoch sofort zu weichen begannen und dadurch auch die übrigen Söldner in die Flucht mitrissen. „Dadurch wurde das Fußvolk, das zum größten Teil aus Bürgern und aus der Jugend der Stadt, ebenso aus Bauern bestand, vom Schutz der Reiterei entblößt und, nicht wissend was geschehen war, von dem berittenen Feind umringt und entweder niedergehauen oder gefangen genommen“, berichtet Marcus Fuchs. Geczi und Weiß versuchten, der allgemeinen Flucht entgegenzutreten, aber es war vergebens. (...)

Die Verluste der Kronstädter Truppen können nicht abgeschätzt werden. An Kronstädter Bürgern waren etwa 300 gefallen, unter ihnen auch der Ratsherr und frühere Stadthann Georg Heltner. Die Blüte der Jugend, die Schüler des Gymnasiums, hatten auf dem Schlachtfeld den Tod gefunden. Viele Kronstädter waren gefangengenommen worden und mußten mit hohem Lösegeld freigekauft werden. (...)

Das Urteil über Michael Weiß ist in hohem Maße durch die Schlacht von Marienburg bestimmt worden. Die einen sahen in ihr die Krönung seines Lebens und Kampfes, die anderen aber stellten die Frage der Schuld. War die Entscheidung, Kronstadt auf keinen Fall Báthori zu unterwerfen, vor allem aber der Entschluss, die Schlacht außerhalb der festen Mauern Kronstadts zu wagen, richtig? Schon der Kampf, den er anderthalb Jahre führte, hatte, wenn auch nicht durch seine Schuld, viele Hunderten Menschen das Leben gekostet und ungeheure Verwüstungen und Not mit sich gebracht. Die Schlacht bei Marienburg raffte noch einmal Hunderte Bürger, darunter die Blüte der Jugend, dahin. Die Schlacht ging verloren. Er trug die Verantwortung dafür. War er genügend Diplomat und militärischer Führer gewesen, um diese Entscheidung treffen zu können? Sein eigener Heldentod hob diese Verantwortung nicht auf.

Diese Fragen sind von seinen Zeitgenossen, aber auch von der Nachwelt gestellt worden. Seine Freunde und Feinde stellten sie. (...) So schrieb sein guter Freund, der Stadtpfarrer Marcus Fuchs: „Es fehlten nicht Stimmen, die die Unsrigen mahnten, aber so groß war ihr Selbstvertrauen und die Sorglosigkeit unserer Führer, daß sie diese missachteten.“ Auch Paul Sutoris, dem wir die ausführlichste Schilderung der Ereignisse verdanken, tadelt „die unziemliche Vermessenheit und Unbedacht“ des Stadtrichters vor der Schlacht. „Obwohl er sonst weise, klug und verständig genug war, war er doch in Kriegssachen so sehr wie Geczy nicht erfahren. (...) Herr Michael wollte sich nicht von jenem raten lassen, sondern eilete mit dem Haupt dadurch und wollte je länger je tiefer zwischen die Feinde ziehen, ohnangesehen wieviel Verräter unter ihm waren, (...) vor denen man ihn auch getreulich gewarnt hatte (...) Derhalben, da ihm nicht zu raten war, war ihm letztlich auch nicht zu helfen, sondern musste mit seinem Volk verderben.“ (...)

Freilich wird diese Kritik gedämpft durch die vorbehaltlose Anerkennung auch der Verdienste des Stadtrichters. Dieselben Männer nennen ihn noch nach der Schlacht von Marienburg „Vater des Vaterlandes“, „wackerer und treuer Versorger seiner Untertanen“, „treuer Hirt’ und Verfechter der Freiheit der deutschen Nation, der ritterlich für sein Vaterland starb und sein Leben eher für die Untertanen ließ, als dass er sie dem Gábor (Báthori) ins Verderben hatte übergeben“. (...)

Eine Persönlichkeit wie Michael Weiß musste zu solchen Kontroversen Anlass geben. Aber das Urteil der Geschichte darf sich nicht nur an den persönlichen Äußerungen seiner Anhänger und Gegner orientieren. Es müssen die Ursachen und Beweggründe seines Handelns, es muss vor allem die allgemeine politische Konstellation mitberücksichtigt werden. Für die Nachwelt ist es leicht, festzustellen, dass die Schlacht von Marienburg bei den Kräften, über die Kronstadt verfügte, gegen das fürstliche Heer, das aus Haiducken, also Berufssoldaten bestand, nicht gewonnen werden konnte. Es spricht für Geczis militärische Erfahrung, dass er dies schon vorher erkannte. Diese militärische Erfahrung ging Michael Weiß ab, das ist ohne Zweifel. Aber die Frage bleibt doch diese: Welches war die Alternative zur Schlacht von Marienburg? Welche Umstände zwangen Weiß zu dieser Entscheidung?

Es ist bereits gezeigt worden, dass Kronstadt diesen Kleinkrieg, der bereits anderthalb Jahre dauerte und die Stadt vollkommen isolierte, nicht hätte weiterführen können; dass, wäre das Heer im sicheren Schutz der Stadtmauern geblieben, die Báthori wahrscheinlich nicht zu nehmen vermocht hätte, die Stadt schon den herannahenden Winter nicht überstanden hätte. Die Zerstörungen im Burzenland und in den Vorstädten bis an die Stadtmauern heran waren so groß, daß die Versorgung mit Lebensmitteln nicht mehr gewährleistet werden konnte.

Die Ernte des Jahres 1612 fiel im Burzenland vollkommen aus. Die Versorgung von weiter her, aus der Walachei, war bei der Schwierigkeit der Transportverhältnisse – da der Törzburger Pass in der Hand Báthoris war – kaum durchführbar. Die Stadt war überfüllt von Flüchtlingen aus dem ganzen Land, Ungarn, Sekler, Sachsen, dazu das angeworbene, z. T. verwilderte Kriegsvolk, das die Stadt mehr bedrohte als beschützte, und nicht zuletzt die Bewohner der offenen Vorstädte, die auch innerhalb der Stadtmauern Zuflucht suchten. (...)

Die übrigen Einnahmequellen der Stadt, aus Handwerk und Handel, waren ebenfalls stark reduziert. Die Instandhaltung der Verteidigungsanlagen, die Beschaffung von Kriegsmaterial, die Besoldung und Erhaltung der angeworbenen Truppen, die zahlreichen Gesandtschaften, die die Stadt schickte und die die Stadt empfing, und die z. T. monatelang  in der Stadt blieben, sowie die mit diesen verbundenen Geschenke und Ehrungen, dazu der Unterhalt Geczis und seines Gefolges, verschlangen ungeheure Summen. Die Stadthannenrechnungen von 1612, die  erhalten geblieben sind, legen darüber erschütternd Zeugnis ab.

Schon 1611 mußten –  was sonst nicht üblich war -– auch die Dienstboten Steuern zahlen. Im Juni 1612 gaben die Frauen ihren Schmuck ab, damit dieser eingeschmolzen und zu Münzen verarbeitet würde. Die materiellen Reserven der Stadt waren erschöpft. All dieses spricht dafür, daß Michael Weiß im Interesse der Stadt die Entscheidung nicht mehr hinausschieben konnte. Die Alternative dazu wäre nur die Übergabe an Báthori gewesen, was für Kronstadt das Schicksal Hermannstadts bedeutet hatte. Das wusste nicht nur Michael Weiß, sondern das wussten auch alle seine Mitbürger.

Schließlich muss auch noch die politische Lage in Betracht gezogen werden, die den Entschluss von Michael Weiß erklärte. Er rechnete fest mit der Hilfe der Türken und – sobald ein Anstoß von außen käme – mit dem allgemeinen Abfall ganz Siebenbürgens von Báthori; dies insbesondere, seit er im September von Gabriel Bethlen, der Báthoris Sturz betrieb, aus dem türkischen Lager Nachricht erhalten hatte.

Der Fehler von Michael Weiß in der Einschätzung der Lage war, sich in der Persönlichkeit Geczis und der Zuverlässigkeit Radu Mihneas und seiner Truppen getäuscht und auf beide zu stark vertraut zu haben. Aber abgesehen davon war seine Einschätzung der politischen Verhältnisse richtig und rechtfertigte, nachträglich gesehen, sein Handeln. Der Umschwung, mit dem er fest gerechnet hatte, trat – allerdings erst nach der Schlacht von Marienburg – wirklich ein. (...)

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