Krzysztow Penderecki zu Gast in Bukarest

Werke des polnischen Komponisten gerahmt von Tondichtungen Tschaikowskys

Freitag, 24. Oktober 2014

Am vergangenen Freitag fand im Bukarester Mihail-Jora-Saal das erste Konzert der laufenden Saison mit dem Nationalen Rundfunkorchester unter seinem Chefdirigenten Tiberiu Soare statt. Das Konzertereignis wurde durch eine besondere Präsenz noch aufgewertet: Krzysztow Penderecki, der mittlerweile 80-jährige polnische Avantgardekomponist, war persönlich im Großen Saal des Rumänischen Rundfunks erschienen, um der Aufführung zweier seiner Werke beizuwohnen: des Capriccio für Violine und Sinfonieorchester aus dem Jahre 1967 und der Ciaccona für Streichorchester aus dem Jahre 2005.

Die beiden genannten Werke spiegeln in gewisser Weise auch die Spannweite des musikalischen Schaffens von Krzysztow Penderecki wider. Hatte dieser zunächst als Neutöner, als Vertreter der postseriellen Musik und als Repräsentant der zeitgenössischen Avantgarde mit seinen gewagten Klangkompositionen Furore gemacht, so wandte er sich in seinen späteren Werken zunehmend der Tradition zu, weswegen er zuweilen auch als spätmoderner Klassiker bezeichnet wird. Die breite Öffentlichkeitswirkung seines musikalischen Schaffens zeigt sich nicht zuletzt im Medium des Films: Berühmte Regisseure wie Stanley Kubrick, David Lynch oder Martin Scorsese verwendeten Krzysztow Pendereckis Musik in den Soundtracks zu einigen ihrer bekanntesten Filme.

Solistin in Krzysztow Pendereckis Capriccio für Violine und Sinfonieorchester war die junge polnische Geigerin Patrycja Piekutowska, die für ihre Interpretationen Pendereckischer Werke bekannt ist und die im Jahre 2008 bei den Midem Classical Awards in Cannes dafür auch den Preis für zeitgenössische Musik zugesprochen bekam. Seit über zehn Jahren partizipiert Patrycja Piekutowska, die bereits in jungen Jahren auf eine beeindruckende Konzertkarriere in allen Weltteilen zurückblicken kann, außerdem regelmäßig an den wichtigsten künstlerischen Würdigungen, die dem polnischen Gegenwartskomponisten zuteil werden.

Der Violinpart in Krzysztow Pendereckis Capriccio für Violine und Sinfonieorchester stellt höchste Anforderungen an den Solisten und ist gespickt mit sämtlichen erdenklichen technischen Raffinessen. Furiose Läufe, rasende Arpeggios, beidhändige Pizzicati, hauchende Flageoletts, jagende Doppelgriffsequenzen – da verwunderte es nicht, dass Patrycja Piekutowska in ihrem Bukarester Konzert ständig die Bogenhaare rissen und dass die Solistin in ihren wenigen Pausen hauptsächlich damit zu tun hatte, die Haarreste von Spitze und Frosch des Bogens zu entfernen.

Außerdem hatte Patrycja Piekutowska immerzu gegen ein übermächtiges Orchester anzukämpfen, das leider manchmal seinen breiten Klangteppich zu dick über das filigrane Gespinst des Violinparts hinweg ausrollte und dadurch nicht wenige Geigentöne gänzlich unhörbar machte. Die monumentale Anlage des Werkes selbst gestattet es allerdings selbst kaum, dass alle komponierten Töne das Ohr des Zuhörers auch erreichen. Neben einem reichen Streicherapparat (darunter acht Kontrabässe), einem ebenso reichen Bläserapparat, neben Harfe, Klavier und Orgel überwältigte das Orchester den Zuhörer bereits optisch durch sein voluminöses Schlagwerk: Vibraphon, Röhrenglocken, Pauken, Becken, Holzblöcke, Bongos, große Trommel, Gong Ageng, Guiro, Klappern, Ratschen, Klanghölzer, ja auch eine singende Säge kommt mehrfach zum Einsatz und lässt ihr mit einem Violinbogen angestrichenes Stahlblatt wunderschön schwingen, klingen und singen.
Auch sonst wird man in diesem Werk Krzysztow Pendereckis mit erlesensten Klangerlebnissen verwöhnt, deren Ursprung im Orchester man oftmals optisch erst lokalisieren muss. Das Grummeln der Hörner, das Heulen der Fagotte, das tiefe Bellen der Tuba verfremdet im Capriccio für Violine und Sinfonieorchester den gewohnten Klangcharakter dieser Instrumente und hebt damit neue Klangdimensionen ans Licht des sinfonischen Gesamteindrucks.

Nachdem die Solistin und der Komponist mit begeistertem Beifall geehrt und mit Blumen beschenkt worden waren, bedankte sich Patrycja Piekutowska mit einer Kadenz für Violine solo, die wiederum aus der Feder Krzysztow Pendereckis stammte und bei der vor allem der Schluss mit seinem Nebeneinander von Flageolettklängen und volltönend gestrichenen leeren Saiten beeindruckte.

Vor der Pause erklang dann noch die Ciaccona für Streichorchester, die Penderecki im Jahre 2005 als Trauermusik zum Tode von Papst Johannes Paul II. komponiert hatte und die er dann noch im selben Jahr in sein monumentales Opus „Polnisches Requiem“ (1984; revidiert 1993; erweitert 2005) integrierte. Das Werk orientiert sich in seiner Form- und Tonsprache an Barock, Klassik und Romantik und trägt damit eher traditionellen Ausdruckscharakter.

Eingerahmt wurden die Werke Pendereckis beim Konzert des Nationalen Rundfunkorchesters in Bukarest durch zwei Kompositionen Pjotr Iljitsch Tschaikowskys: durch dessen Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ als Eingangsstück und durch dessen „Manfred-Sinfonie“ (op. 58) als Schlussstück. In beiden sinfonischen Dichtungen, vor allem aber in Tschaikowskys programmmusikalischer Tondichtung „Manfred“, konnte das Nationale Rundfunkorchester mit seinem vollen Klangapparat aufwarten und die Zuhörerschaft mit seinem differenzierten Spiel, seinen fein aufeinander abgestimmten Orchestergruppen und seinem ausgewogenen Gesamteindruck begeistern.

Dieses Verdienst gebührte nicht zuletzt auch dem Dirigenten Tiberiu Soare, der nun bereits im dritten Jahr den Bukarester Rundfunkorchestern und -chören als deren Leiter vorsteht.

Das Konzert endete dann nach dem Schlussbeifall mit einer besonderen Geste des Chefdirigenten, die einem einzelnen Ensemblemitglied, aber letztlich auch dem gesamten Orchester galt: der Violinist Vasile Caramida, Mitglied der Orchestergruppe der zweiten Geigen, wurde mit einem Blumenstrauß, einem Diplom und einem kleinen Geschenk in den Ruhestand verabschiedet, der ihm von nun an die Gelegenheit gibt, die vom Nationalen Rundfunkorchester gespielte Musik auch aus einer anderen Perspektive zu genießen: nicht mehr als Akteur auf der Bühne, sondern als Zuhörer im Zuschauerraum.

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