Kundiges zum legendären Kaiser Franz Joseph

Eine aktuelle Biografie beleuchtet Leben und Wirken des „ewigen Kaisers“ Franz Joseph I.

Donnerstag, 09. Mai 2019

Christoph Schmetterer: „Kaiser Franz Joseph I.“ Wien/Köln/Weimar: Böhlau Verlag 2016, 229 S., 26 s/w-Abb. und 2 farb. Karten, ISBN 978-3-205-20279-0

Am 21. November 1916 starb der Kaiser von Österreich-Ungarn Franz Joseph I. im hohen Alter von 86 Jahren nach nahezu 68-jähriger Regierungszeit. Aufgrund der Darstellung des Schauspielers Karlheinz Böhm in der berühmten dreiteiligen „Sissi“-Filmreihe herrscht bis heute ein unsterbliches, aber durchaus kitschiges Bild dieses Kaisers und seiner Gattin Elisabeth. In Biografien wird dem „ewigen Kaiser“ je nach politischem Standpunkt entweder von Fans der alten Habsburg-Monarchie nostalgisch-verklärend gehuldigt oder er wird ausschließlich als Kriegstreiber und „multipler Versager“ karikiert – wie von Christian Dickinger in dessen Biografie von 2001. Keine Frage: Die Lebensgeschichte dieses gleich mehrere Epochen prägenden Kaisers darzustellen, der zahlreiche seiner vorgesehenen Nachfolger überlebt hat, ist immer ein Politikum, stets eine Frage der politischen Ansicht(en). So ist es durchaus ein Wagnis, gerade zu diesem Kaiser eine neue Biografie auf den Markt zu bringen.


Der Rechtsanwalt und Rechtshistoriker Christoph Schmetterer aus Wien stellt sich eben dieser Herausforderung und hat eine neue Lebensbeschreibung zu diesem Jahrhundertkaiser veröffentlicht.
Diese ist überaus gelungen. In der historischen Darstellung gründlich, fundiert und vor allem ausgewogen, vermittelt Schmetterer einen prägnanten Einblick, der die verschiedenen Facetten des langen Lebens und Wirkens des Monarchen informativ und eingängig darstellt. Der Autor geht nicht einfach chronologisch vor, sondern zieht Längsschnitte nach den Themen „Kindheit und Jugend“, „Innenpolitik“, „Außenpolitik“, „Militär“, „Rechtliche Position“, „Religion und Kirche“, „Kunst“, „Familie“, „Persönlichkeit“ sowie „Erster Weltkrieg und Tod“. Ein Resümee (S. 199-203) und ein kommentiertes Literaturverzeichnis schließen die Ausführungen ab. Sehr hilfreich sind die Zeittafeln (S. 8 f.) und der Stammbaum (S. 10 f.).


Anders als Langzeitmonarchen des 20. Jahrhunderts wie etwa die seit 1952 amtierende britische Queen Elisabeth oder auch König Bhumibol von Thailand, der von 1946 bis 2016 amtierte, hatte der habsburgische Kaiser Franz Josef nicht nur eine repräsentative Funktion inne, sondern zu jeder Zeit die politischen Zügel fest in der Hand. Er war stets Monarch und Regent. Der arbeitswütige, disziplinierte, stets gut informierte und detailverliebte Habsburger bestimmte von seiner Thronbesteigung 1848 bis unmittelbar vor seinem Tod 1916 mitten im Ersten Weltkrieg, den er mitzuverantworten hatte, höchstpersönlich die Politik seines Landes.

Selbst am Tag seines Todes widmete er sich bis wenige Stunden vor seinem Ableben noch dienstlichen Akten. Mit zunehmendem Alter wurde er als Person immer legendärer und unangefochtener. Bilder zeigen ihn als Jäger oder in seinen geliebten Uniformen. Er beherrschte die Sprachen vieler Bewohner des habsburgischen Vielvölkerreiches. Schmetterer nähert sich dieser herausragenden Persönlichkeit der Weltgeschichte kritisch, aber auch würdigend.


Immer wieder wird dabei deutlich, wie kompliziert das Beziehungsgeflecht zwischen Wien und den Einwohnern des Vielvölkerstaats war, besonders den Ungarn, die sich in ihrer traditionell stark ausgeprägten Freiheitsliebe früh vom Wiener Hof zu emanzipieren versuchten, bis hin zum Ausgleich von 1867. Schmetterer stellt gelingende wie misslingende Versuche des Kaisers, die Ungarn zu befrieden, ausführlich dar. Es wird deutlich, dass der Ausgleich wohl die einzige Möglichkeit war, das Habsburger Reich vor einer noch früheren Implosion zu bewahren. So zählen der Ausgleich mit Ungarn und die Trennung des Reiches in zwei Hälften bis heute zu den einschneidendsten Reformen dieses Monarchen.


Mitte des 19. Jahrhunderts, zu Beginn der Regierungszeit von Kaiser Franz Joseph I., war Wien noch von Stadtmauern umgeben und die Bauern der Habsburgermonarchie waren mehrheitlich Untertanen adliger Grundherren. Fast sieben Jahrzehnte später starb der Kaiser in einer veränderten Welt: Das allgemeine Männerwahlrecht war eingeführt und das Habsburgerreich befand sich mitten im Ersten Weltkrieg, dessen Ende Franz Joseph nicht mehr erleben sollte. In seiner Amtszeit amtierten 17 US-Präsidenten, fünf chinesische Kaiser und vier Päpste, darunter der Rekordpapst Pius IX., der selbst das bisher längste Pontifikat absolvierte (1846-1878).
Kaiser Franz Joseph war ein überzeugter Anhänger des Neoabsolutismus, stemmte sich lange gegen politische Veränderungen und führte doch einige grundlegende Reformen ein, womit er angesichts nationalistischer Tendenzen im 19. Jahrhundert die Mo-narchie retten wollte. Militärisch waren ihm trotz aller Liebe zu Uniformen keine großen Erfolge beschieden – dem Umstand zum Trotz, dass die Armee für ihn eine besondere Rolle spielte, war sie doch einerseits „die Klammer seines multinationalen Reiches“, andererseits von 1867 bis 1914 „primär ein Instrument der Innenpolitik“ (S. 104 f.).


In seiner Ehe und Familie hatte er viele Schicksalsschläge zu verkraften. 1867 wurde sein Bruder Maximilian als gescheiterter Kaiser von Mexiko hingerichtet. Seine Ehe mit Sissi war unglücklich, sie wurde 1898 ermordet. Der gemeinsame Sohn und Kronprinz Rudolf nahm sich 1889 mit seiner Geliebten das Leben, sein Neffe und Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Gattin Sophie wurden 1914 in Sarajevo ermordet, woraufhin der greise Kaiser mit der Kriegserklärung an Serbien den Ersten Weltkrieg auslöste.
Der Autor hält fest: „Je länger der Kaiser regierte, umso mehr wurde auch er persönlich als eine Institution wahrgenommen. Sein Bild hing in jeder Schule, jedem Amt, jedem Gericht und jeder Kaserne“, er wurde zum „Inbegriff eines Monarchen“ (S. 203). Dazu mag auch der Brauch der offenen Audienzen beigetragen haben: „An zwei Vormittagen pro Woche empfing der Kaiser jeweils für einige Stunden bis zu 100 Audienznehmer.“ (S. 175) Das wäre sicher auch ein guter Tipp für Spitzenpolitiker wie Ministerpräsidenten und Minister heute, um die Menschen besser zu verstehen.


Diese fundierte Biografie richtet den Blick auf die Person und die politische Bedeutung dieses Imperators. Kaiser Franz Joseph wird als faszinierende Persönlichkeit, aber auch als Mensch und Monarch mit Stärken und Schwächen gezeichnet, ja in mancherlei Hinsicht als Visionär. So erklärte er in den 1880er Jahren: „Ich dulde keine Judenhetze in meinem Reiche. Jede Antisemitenbewegung muss sofort in ihrem Keim erstickt werden“ (S. 117). Wer sich für die Geschichte Europas im 19. und 20. Jahrhundert interessiert, besonders für Österreich-Ungarn, die Habsburger und Kaiser Franz Joseph, der wird diese Biograie mit größtem Gewinn, ja mit Begeisterung lesen.

 

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