Kunst, die unter die Haut geht

Das Tattoo als Trend und persönliche Ausdrucksform

Sonntag, 28. Juni 2015

Bogdan Preutescu schaffte den Übergang vom Porträtzeichner zum Tätowierer. Hier arbeitet der Künstler an einem Realistic-Tattoo.Der Temeswarer erhielt bereits mehrere Auszeichnungen bei internationalen Wettbewerben. Die neueste in Luxemburg: der erste Preis für das beste Schwarz-Weiß-Tattoo.

Das Gewinnertattoo aus mehreren Blickwinkeln.
Fotos: privat

In der Temeswarer Drei-Zimmer-Wohnung hört man ein leises Brummen. Es klingt so, als würde jemand eine elektrische Zahnbürste im Badezimmer benutzen. Doch das Geräusch kommt aus einem anderen Raum. Hier sitzt Bogdan Preutescu auf seinem Arbeitsstuhl und arbeitet fleißig mit seiner Tätowiermaschine an einem beeindruckenden Tattoo am rechten Arm seines Kunden. Der 27-jährige Temeswarer hat aus seiner Leidenschaft fürs Zeichnen in den letzten drei Jahren einen Job als Tattoo-Künstler entwickelt und wurde bereits bei verschiedenen internationalen Tattoomessen für seine Kunst auf der Haut ausgezeichnet.

Heute arbeitet Bogdan an einem komplexen Kunstwerk: vor ihm der große Bildschirm des Computers mit der gezeichneten Vorlage. So soll das Tattoo am Ende ausschauen! Schatten und Schattierungen werden vom Künstler sorgfältig nachgeahmt und auf den Arm seines Kunden übertragen. Das Stencil wird Millimeter für Millimeter mit verschiedenen Tönen schwarzer Tinte aufgefüllt. Ein Mädchen mit Engelsflügeln in einer Schaukel... Alles soll am Ende sehr realistisch aussehen. Für diese wichtigen Details muss der Kunde seine Zähne oft zusammenbeißen.

„An manchen Stellen tut es mehr weh als an anderen”, erzählt der Tätowierer. Auf  jeden Fall ist die Begegnung der kühlen Nadel mit der Haut je nach individuellem Empfinden anders. „Für mich ist das Zupfen der Augenbrauen schmerzhafter”, sagt Aida, die Frau des Tattookünstlers. Sie und ihr Mann haben je zwei Tattoos auf ihren Körpern.

Heute sitzt Ciprian auf dem Tätowierstuhl. Für den 28-Jährigen ist es nicht das erste Mal. Vor etwa einem Jahr hat sich der junge Mann zum ersten Mal tätowieren lassen. „Das Ergebnis: ein totaler Fehler!” sagt er etwas scheu. „Das Ganze sollte völlig anders aussehen. Nun will ich diesen Fehler abdecken lassen.“ Bogdan Preutescu wird aus seinem alten, gescheiterten Tattoo ein neues machen. „Auf seinem rechten Arm soll ein Full-Sleeve-Tattoo entstehen”, ergänzt der Künstler.

Ein Sleeve-Tattoo bedeutet so viel wie ein „voller Ärmel”, also ein Bild von der Schulter bis zum Handgelenk. Eine langwierige Arbeit. Ab und zu wischt er sich mit einem weißen Papiertaschentuch die Schweißperlen von der Stirn. Heute wird bloß der erste Teil des Tattoos über dem Handgelenk bis zum Ellenbogen fertiggestellt. Insgesamt fünf Stunden Arbeit. Für den oberen Teil bis zur Schulter muss sich Ciprian noch gedulden, denn das alte Tattoo soll durch Lasertherapie entfernt werden. „Das Entfernen von Tätowierungen ist weitaus schwieriger als das Tätowieren selbst”, sagt Bogdan Preutescu.

„Verschiedene Tattoofarben sind unterschiedlich leicht oder schwer zu entfernen. Bei Tätowierungen handelt es sich um gebündelte Farbpigmente, die in der Haut eingekapselt sind. Ultrakurze, energiereiche Impulse des Laserlichtes dringen in die Haut ein und werden entsprechend des Absorptionsmaximums selektiv im Tattoopigment absorbiert. Das Ganze ähnelt einem Brand dritten Grades”, fügt Bogdan Preutescu hinzu. „Also ziemlich schmerzhaft”, sagt Ciprian, der seine Unruhe diesbezüglich trotz Begeisterung im Hinblick auf das Endresultat nicht verbergen kann. Die Entfernung erfolgt in mehreren Etappen, so dass der 28-Jährige noch warten muss, bis er letztendlich seinen gesamten Arm fertig tätowiert haben wird. Am Ende soll eine wahre Geschichte auf seinem Arm zu erzählen sein: „Ein gefallener Engel sehnt sich nach dem Himmel.“

Vom Porträtzeichnen zum Tätowieren

Bogdan Preutescu hat vor drei Jahren den Übergang von Bleistiftporträts zu Tattoos gemacht. Mit freier Hand schaffte er Porträts, die ganz leicht mit einer Fotografie verwechselt werden konnten. Seine Lebensgeschichte ist umso interessanter, da der junge Mann keine Kunstausbildung hat. In seiner Jugend war der 27-Jährige Fußballer. Insgesamt 16 Jahre lang hat er professionell Fußball gespielt. Erst nachdem ihn eine Verletzung auf die Ersatzbank schickte, entschloss er, endgültig damit aufzuhören und begann, seiner Leidenschaft fürs Zeichnen ernsthaft nachzugehen.

„Ich kann alles zeichnen“, sagte Bogdan Preutescu damals. Die wichtigsten Details: Augen, Nase, Mund und Zähne, falls das Subjekt auf dem Bild lächelt, müssen bis ins höchste Detail auf dem Papier dargestellt werden, „denn bloß so wirkt das Porträt auch realistisch”, sagt er. Seine Porträts erstellt der Hobbykünstler am besten nach Fotografien, denn für ein A4-Porträt bräuchte er sonst etwa vier Stunden - das könnte „sehr unangenehm für die Person, die Modell stehen muss”, sein. „Mit dem Foto vor mir kann ich so lange daran arbeiten, wie ich will, und der Mensch verändert seinen Gesichtsausdruck nicht“, fügt er hinzu. Dieselbe Technik wendet der junge Mann nun auch in seinen Tattoozeichnungen an. Sehr sorgfältig bereitet er diese vor. Zusammen mit dem Kunden entwickelt er das Thema und das Modell, das zuerst auf dem Computer bearbeitet wird. Wenn alles festgelegt ist, wird die Zeichnung abgedruckt und als Stencil umgesetzt. Dadurch wird die Zeichnung an die gewünschten Stelle der Haut übertragen und dann unter die Haut gestochen.

„Tätowieren ist pure Kunst!” sagt der junge Mann fröhlich. „Der Übergang war für für mich leicht, auch wenn ich zuerst mehrere Monate auf Schweinehaut üben musste”, erzählt Bogdan Preutescu. Dieser Job bringt ihm auch mehr Geld ein als das einfache Zeichnen. Im Ausland wird zwischen 100 und 200 Euro pro Stunde fürs Tätowieren verlangt - je nachdem, wie viel Zeit für das Erstellen eines Tattoos notwendig ist. In Rumänien kostet eine Stunde Tätowieren etwa 200 Lei. Prominente Tattoo-Künstler verlangen allerdings mehr.

Tattoomessen sorgen für Werbung

Gute Tätowierer treffen sich auf verschiedenen internationalen Tattoomessen, tauschen sich aus und lernen Neuigkeiten und Innovationen im Bereich kennen. Bogdan Preutescu besuchte vor einem Jahr zum ersten Mal eine solche Messe. Bei seiner ersten Beteiligung an der internationalen Tattoo Convention Luxemburg erhielt der rumänische Tattookünstler den Preis als drittbester Realistisch-Tätowierer. „Unter den ersten drei von 270 Tattoo-Künstlern auf der ganzen Welt zu sein, war für mich der beste Beweis, dass ich wirklich gut bin in dem, was ich tue”, freut sich der 27-Jährige. 2014 erhielt er bei der zweiten Luxemburger Convention weitere zwei Auszeichnungen: eine für das beste Tattoo des Tages und den dritten Preis für das beste Schwarz-Weiß-Tattoo.

In diesem Frühling schaffte es Bogdan, den ersten Preis zu bekommen. „Diesmal waren bei der Convention rund 350 Teilnehmer. Der erste Preis ist für mich die beste Werbung, die ich bekommen kann”, sagt Bogdan. In Luxemburg hat er bereits mehrere Kunden gewonnen. „Wenn ich nächstes Mal dort bin, werde ich Vollzeit tätowieren müssen”, lächelt der Tattoo-Künstler. Aber auch zu Hause in Temeswar ist er für den Monat August bereits ausgebucht.

Körperbemalung  als Kunst

Ötzi, der Gletschermann, die alten Ägypter oder unzählige Häuptlinge – alle stehen als Beweis dafür, dass die Kunst des Tätowierens fast so alt ist wie die Menschheit selbst. Prähistorische Funde belegen, dass Körperbemalung parallel zur Felsmalerei eine der ersten künstlerischen Äußerungen der Menschen war.
In der Neuzeit wurden Tattoos in Europa erst im 18. Jahrhundert richtig bekannt, als Seefahrer entsprechende Andenken aus der Südsee mitbrachten. Der Begriff des Tattoos kommt vom polynesischen Wort für Zeichen, „tautu”. Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurden alle Tattoos noch Punkt für Punkt mit einer Nadel gestochen, die man immer wieder in die Farbe tauchte. Dementsprechend dauerte es lange, bis ein komplettes Muster entstand. Der ganz große Durchbruch kam nach 1891, als die elektrische Tätowiermaschine erfunden wurde. Von da an ging das Tätowieren nicht nur schneller und einfacher, sondern vor allem auch schmerzfreier.

Die Geschichte der Tattoos hat sich in den letzten Jahrzehnten stark geändert. Einst von Musikstars, Hollywood-Schauspielern und „harten Männern“ bevorzugt, oder von jenen, die ihre Zugehörigkeit zu bestimmten Kreisen zum Ausdruck bringen wollten, haben sich Tattoos in den letzten 20 Jahren zu einem Massenphänomen entwickelt.

Wenn man heutzutage von Tattoos spricht, sollte man sich Schiffsanker und Meerjungfrauen, Kreuze, Skelette, Tribals und sogenannte „Schlampenstempel” aus dem Kopf schlagen. Tattoos sind längst mehr als bunte Bildchen auf nackter Haut - heute entsteht auf dem Körper echte Kunst. Tattoos erzählen Geschichten, sind dekorativ, sollen heilen oder schützen, unterliegen einem Mythos oder aktuellen Trends, sie faszinieren, irritieren oder stoßen ab. Vor allem machen sie süchtig. „Zuerst dachte ich, das sei ein Scherz. Mittlerweile aber habe ich drei Tattoos und denke schon über ein viertes nach”, bekennt die 35-jährige Alina. „Für mich ist dies die Art, meine inneren spirituellen Zustände zum Ausdruck zu bringen. Tätowierungen sind meine Art, dem Alltag zu entfliehen. Das Entfliehen nimmt dabei Formen an: Löwenzahn im Wind, Musik und Luftballons...”, schließt Alina.

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