Kurator, Storchenzähler, Sprüchesammler

Friedrich Philippi dokumentiert Heimat und pflegt die Begegnung mit Menschen

Sonntag, 15. Dezember 2013

Eine Sammlung deutschsprachiger Schulbücher aus Siebenbürgen betreut Philippi im Teutsch-Haus. Foto: Holger Wermke

Friedrich Philippi (l.) und Anselm Ewert bei der Storchenbeobachtung. Foto: Matthias Ewert

Landeskirchenkurator Philippi (r.) an der Seite des neugewählten Bischofs Reinhart Guib im Jahr 2010 vor der Hermannstädter Stadtpfarrkirche.
Foto: Hannelore Baier

Zurücklehnen und den wohlverdienten Ruhestand genießen kommt für Friedrich Philippi nicht in Frage. Als Kurator der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien bereist er allein oder an der Seite des Bischofs die Gemeinden in Siebenbürgen und jenseits der Karpaten. Jedes Frühjahr betätigt er sich als Hobbyornithologe, er dokumentiert Haussprüche in sächsischen Dörfern und sammelt seit zwei Jahrzehnten deutsche Schulbücher in Siebenbürgen.

Mit eben diesen Schulbüchern trat Philippi zuletzt in der Öffentlichkeit in Erscheinung. Im November stellte er die Sammlung, die seit 2012 auch offiziell seinen Namen trägt, im Hermannstädter Begegnungs- und Kulturzentrum Friedrich Teutsch vor. Seit 1992 beschäftigt sich der gebürtige Kronstädter mit dem Schatz an deutschsprachigen Schulbüchern, die in Siebenbürgen im Laufe der vergangenen Jahrhunderte entweder gedruckt oder aber benutzt wurden. „Erstaunlich ist, dass sich in den kleinsten Gemeinden oft die meisten Schulbücher befanden, so zum Beispiel in Wolkendorf/Vulcan bei Schäßburg“, berichtete Philippi.

Betreuung der Schulbuchsammlung

In fast allen Dörfern gab es neben der Schülerbibliothek eine separate Lehrerbibliothek sowie häufig auch eine Armenbibliothek, aus der Lehrmaterialien an Bedürftige ausgeliehen wurden. „Ich glaube, es ist wichtig, zu dokumentieren, welchen (Wissens-)Stand die Schulen in Siebenbürgen einst hatten“, betonte der frühere Geografielehrer mit Blick auf die Bedeutung der Sammlung. Genutzt wird diese bislang vereinzelt von Forschern sowie interessierten Privatleuten. Einen besonderen Dienst bietet Philippi den Bewohnern des Hermannstädter Carl Wolff-Altenheims, die immer wieder einmal nach Gedichten aus der Schulzeit fragen, und die er dann aus den Büchern recherchiert.

Nicht nur die Menschen im Altenheim liegen dem 71-Jährigen am Herzen, sondern auch die evangelischen Gemeindemitglieder in den siebenbürgischen Dörfern und Städten sowie in den Diasporagemeinden außerhalb des Karpatenbogens. Heutzutage besucht er die Menschen in erster Linie in seiner Funktion als Landeskirchenkurator. „Ich habe immer wieder gesagt: Es geht um die Menschen, es geht um unsere alten Leute am Dorf und die haben irgendwann einen runden Geburtstag und niemand kümmert sich, nicht einmal der eigene Pfarrer besucht sie an ihrem Geburtstag“, meint ein nachdenklicher Philippi, der seit 2000 als Bezirkskirchenkurator und seit 2012 als Landeskirchenkurator  die Situationen vor Ort kennt, und den die Schicksale der Menschen berühren.

Zu Besuch bei Glöcknern und Kuratoren

Schon Anfang der neunziger Jahre, als er sich zur Mitarbeit im Hermannstädter Bezirkskonsistorium überreden ließ, waren ihm die Menschen ein besonderes Anliegen. Damals begann er, zusammen mit Mitgliedern des Handarbeitskreises seiner Frau, in der Vorweihnachtszeit die Glöckner und Burghüter im Bezirk zu besuchen. „Das war 90 bis 95, in den ersten Jahren nach der Wende“, erinnert sich Philippi.

„Früher gehörten diese zur letzten sozialen Kategorie im Dorf, sie hatten keinen eigenen Hof und haben in der Kirchenburg gewohnt.“ Mit den Besuchen wollten er und die anderen Beteiligten das Alleinsein der Menschen lindern, „und die Leute haben sich gefreut“. Eine Freude macht er sich und anderen Gläubigen seit zwei Jahrzehnten auch als Lektor, wenn er in Craiova, Râmnicu Vâlcea, Braller/Bruiu oder anderen Dörfern Predigten verliest. Neuerdings pflegt er auch Kontakte zu den Vereinen ausgewanderter Landsleute, denn „die HOGs  sind wichtig, die brauchen wir“. Auf seine Initiative hin schickt die Landeskirche regelmäßig Grußworte zu den Treffen, „um zu zeigen, dass wir von ihnen wissen“.

In den vergangenen Jahren machte sich Philippi auch einen Namen als „Storchenzähler“im Kreis Hermannstadt/Sibiu. Das habe mit der Wende zu tun, erinnert er sich: „Mein Schwiegervater Werner Klemm war Ornithologe“. Dieser habe Vögel jeglicher Art beobachtet und dokumentiert, nicht nur in Siebenbürgen, sondern auch im Donaudelta. Von Klemm stamme auch das mehrbändige Standardwerk „Die Ornis Siebenbürgens“. Nach der Wende setzte Philippis Sohn die Störchezählungen fort. Als der Sohn zum Studium nach Wien ging, übernahm der Vater 1998 die Aufgabe: „Es wäre schade gewesen, diese Reihe aufzugeben“.

Frühjährliche Storchenausfahrt

Anfangs versuchte sich Philippi allein an der Aufgabe. Solange noch evangelische Pfarrer in vielen Dörfern lebten, korrespondierte er mit diesen. Allmählich verschwanden diese jedoch. Dann wandte er sich an die Kuratoren. Mit der Zeit gab es auch diese Kontaktpersonen nicht mehr, worauf hin er anfing, die Dörfer abzufahren auf der Suche nach den Störchen. Da stellt sich die Frage, warum Philippi ausgerechnet Störche zählt. Warum keine Schreiadler oder Bussarde. Ganz einfach, für Laien ist das Zählen von Störchen am einfachsten, da es keine Schwierigkeiten mit der Identifizierung ergibt, so der Storchenzähler. Gezählt wird immer Mitte Juni, wenn die Jungstörche im Nest stehen, aber noch nicht flügge sind. In diesem Jahr fanden Philippi und sein Mitstreiter Anselm Ewert aus Brandenburg noch in 96 Ortschaften Störche – mit abnehmender Tendenz. „Im Vergleich zu anderen Ländern, etwa Deutschland, haben wir noch ganz gute Ergebnisse“, meint Philippi. Ein Bruterfolg von 3,1 Jungvögeln widerspiegelt den Naturzustand, aber auch die Situation in der Landwirtschaft. Eine Nachfrage nach seinen Daten gibt es nicht, anerkennt der Hobby-Ornithologe. Vonseiten der rumänischen Naturschutzbehörden beispielsweise gibt es kein großes Interesse für die Zahl der Störche. Dennoch beharrt Philippi auf Kontinuität und will die Zählungen weiter fortsetzen.

Bei seinen zahllosen Fahrten über die Dörfer kann Philippi nicht zuletzt einer weiteren Leidenschaft frönen, dem Sammeln von siebenbürgisch-sächsischen Haussprüchen. Bis zu 200 hat er mittlerweile dokumentiert. Die Sprüche seien ein Kulturgut, das zunehmend verloren geht, befindet der Pädagoge. Da sich niemand sonst dieses Themas annahm, fühlte er sich in der Verantwortung und begann 2005 mit der – praktisch sehr zeitaufwendigen - Dokumentation. Wenn er mit seiner Kamera in ein Dorf fährt, geht Philippi jede Straße ab, in beiden Richtungen, wie er betont. „Wenn beispielsweise das Licht von der Seite einfällt, dann tauchen manchmal Sprüche auf, die sonst dem Auge verborgen geblieben wären.“ Eine Auswahl seiner Entdeckungen hat er in zwei Kalendern veröffentlicht. In jüngster Zeit werden Haussprüche restauriert, positive Beispiele gibt es unter anderem in den Dörfern, in denen der Mihai-Eminescu-Trust aktiv ist.

Haussprüche an Wänden, Torbalken und in Stuben

„Ich habe fast alle Dörfer in Siebenbürgen abgesucht“, sagt Philippi. Interessante Entdeckungen machte er im Nösner Land, wo er Sprüche nicht an den Hauswänden, sondern über den Toren oder in der „guten Stube“ fand – eingeschnitzt in Eichenbalken. In Urwegen/Gârbova chiffrierten einige Dorfbewohner in kommunistischer Zeit ihre Sprüche mit Musiknoten. Demgegenüber tauchten in den 1970er Jahren in manchen Dörfern Haussprüche erst richtig auf, so dokumentiert in Mortesdorf/Motiş. Philippi ist nicht der Erste, der sich mit Haussprüchen beschäftigt, bereits im 19. Jahrhundert gab es sächsische Forscher, die sich mit dieser Modeerscheinung befassten. Aber er ist wohl der Einzige, der sich aktuell damit befasst.
Neben all diesen Beschäftigungen würde sich Philippi gern auch noch den sächsischen Bezeichnungen von Dorffluren widmen, die er einmal für ein Projekt des Museums in Gundelsheim aus Grundbüchern heraussuchte. Bei seinen Besuchen in den Dörfern dokumentiert er zudem Gedenktafeln für die Opfer der Russland-Deportation sowie der zwei Weltkriege. Aufgaben genug also, um auch die nächsten Jahre im Unruhestand zu verbringen.

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Vita

Friedrich Philippi wurde 1942 in Kronstadt geboren. Hier besuchte er das Honterus-Lyzeum. Nach dem Abitur studierte er in Klausenburg/Cluj-Napoca Geografie und Biologie. Im Jahr 1965 trat er in Hermannstadt in den Schuldienst ein, wo er am Pädagogischen Lyzeum sowie bis 2008 am Brukenthalgymnasium lehrte, wobei er bis Ende des Schuljahres 2012/13 weiter Aushilfsstunden gab. Zwischen 1975 und 1997 organisierte er die deutschsprachigen Vorträge im Rahmen der Hermannstädter Volksuniversität. Bis 2010 leitete Philippi die Schulkommission des Demokratischen Forums der Deutschen in Siebenbürgen und setzte sich in diesem Rahmen für das deutschsprachige Kindergarten- und Schulsystem in Siebenbürgen ein. Daneben gehört Philippi seit 1966 zur festen Größe im Hermannstädter Bachchor.

Kommentare zu diesem Artikel

Rivendel - ehem. Schülerin, 15.12 2013, 16:03
Herr Philippi war ein ganz toller Lehrer! Er hat vielen Generationen von Schülern das Interesse an der Geographie, Geologie, Astronomie usw. geweckt. Vielen Dank und alles Gute für die Zukunft und Ihre Projekte!

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