La Dolce Vita!

Mittwoch, 21. Juni 2017

Ob Rumänien in Ost-, Südost- oder Mitteleuropa liegt, scheint eine Glaubensfrage zu sein. Meine Professoren und auch viele Kommilitonen legen stets viel Wert auf die Tatsache, dass Rumänien eindeutig mitteleuropäisch geprägt sei. Schließlich sei man doch pro-europäisch, weltoffen und international aufgestellt. Meine deutschen Freunde und Verwandten sehen das etwas anders und sprechen wie selbstverständlich von Osteuropa. Wer durch die Straßen von Klausenburg spaziert, findet Belege für beide Sichtweisen. Einerseits sind da die typisch osteuropäischen Wohnblocks, die in den allermeisten Vierteln das Stadtbild dominieren. Andererseits gibt es aber auch hübsche Cafés in malerischen Altbauten, die sich genauso auch in mitteleuropäischen Metropolen wie Wien befinden könnten. Besonders bemerkenswert finde ich jedoch die südeuropäischen Einflüsse, die man erst auf den zweiten Blick entdeckt.

Als ich am vergangenen Freitagabend aufgrund einiger Verspätungen erst gegen 23 Uhr in Hermannstadt ankam, rechnete ich bereits damit, mich mit knurrendem Magen ins Bett legen zu müssen, weil Supermärkte und Restaurants bereits geschlossen sein könnten. Umso mehr staunte ich, als die Straßen, Bars und Cafés im Stadtzentrum noch gut gefüllt waren und eine angenehme Betriebsamkeit herrschte. Schon häufig hatte ich den Eindruck, dass die Einstellung zur Freizeitgestaltung vieler Rumänen eine sehr unternehmungslustige ist. Selbst in Berlin sind an einem Dienstag- oder Mittwochabend die Straßen spätestens gegen 21 Uhr wie leergefegt. In Klausenburg dagegen ist es selbst an diesen Abenden manchmal schwer, noch einen Sitzplatz auf einer der vielen hübschen Terrassen zu finden. Mit Sicherheit wird dieses Phänomen auch durch das eher südeuropäische Klima begünstigt. Einen Mai, in dem die Temperatur fast konstant über 20 Grad lag, habe ich in Deutschland zuvor noch nie erlebt.

Eine – zugegeben klischeemäßige – eher südeuropäische Einstellung ist auch im Verkehr und der Universität spürbar. Als ich in der vergangenen Woche mit dem Bus nach Hermannstadt fuhr und dieser aufgrund einer Reifenpanne eine Verspätung von über einer Stunde hatte, nahmen das die rumänischen Fahrgäste mit großer Gelassenheit auf. Während in Deutschland sofort die Diskussionen um Fahrgastrechte und Anschlussverbindungen begonnen hätten, strahlten die rumänischen Passagiere Ruhe aus. Auch in der Universität wundert es niemanden, wenn Dozenten mit einer halben Stunde Verspätung und großer Selbstverständlichkeit zur Vorlesung auftauchen. Das Beste an dieser Lebensweise: Sie ist hochansteckend. Deswegen beginne auch ich langsam damit, an Dienstagabenden auszugehen und über kaputte Fernbusse hinwegzusehen. So ist das halt im Süden!

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