„Land der Feen“– eine Geschichte über Toleranz

Zweisprachige Aufführung des ungarischen Theaters „Yorick“ beim Kronstädter Komödienfestival

Samstag, 06. Juni 2015

Laura Mihalache und Andrei Alexandru Chiran in „Land der Feen“
Foto: Studio Yorick

Neumarkt am Mieresch/Tg. Mureş, gegen Ende der 50er Jahre. Der Lehrer Istvan schreibt ein Märchen von einem Bauern, der im Traum eine Fee trifft. Die Fee erzählt ihm von einem Land mit hohen Bergen, grünen Wiesen und wunderschönen Städten, wo alle Menschen glücklich sind.

„Ist das Land reich?“, fragt der Bauer. „Das Land ist reich, weil seine Bewohner frei sind. Freiheit ist der größte Reichtum“, antwortet die Fee.

In der nächsten Szene sitzt Istvan vor dem  Securitate-Offizier Stefan und wird wegen des Märchens, das er veröffentlicht hat, ausgefragt. Er weigert sich, einen öffentlichen Entschuldigungsbrief zu unterschreiben, in dem er seine „Tat“ bereut und seine Sympathie für das kommunistische Regime bekennt, und wird verhaftet. Seine Frau und seine Tochter bleiben alleine.

Jahre später werden sich die Wege von Istvan und Stefan zum zweiten Mal kreuzen. Die Tochter von Istvan, Krisztina, und Stefans Sohn Călin wollen heiraten.

Nach einer wahren Geschichte

„Land der Feen“ von George Ştefan, in der Regie von Andi Gherghe, eine Produktion des Theaters „Studio Yorick“ aus Neumarkt, konnte am 13. Mai im Saal des Arlechino-Theaters im Rahmen der Kronstädter „Woche der Komödie“ gesehen werden.

Bei der dritten Auflage des Theaterfestivals, das seit 2013 jedes Jahr im Mai organisiert wird, gab es eine Sektion „Theater in ungarischer Sprache“. „Land der Feen“ ist auf keinen Fall eine Komödie, auch ist es keine Aufführung in ungarischer Sprache, wie die Organisatoren es präsentiert haben. Die Vorstellung ist zweisprachig rumänisch und ungarisch (mit jeweils ungarischen, bzw. rumänischen Untertiteln) , und die Schauspieler sind zum Teil Rumänen, zum Teil Angehörige der ungarischen Minderheit.

Der Titel „Land der Feen“ hat in Kombination mit dem Aufführungsort beim Puppentheater einige Zuschauer irregeführt, weil sie dachten, es würde sich um eine Kindervorstellung handeln. Trotz der Fehler bei der Vermarktung der Aufführung (bei korrekten Angaben wäre sicher das Publikum viel zahlreicher gewesen) ist die Initiative der Organisatoren, die Aufführung nach Kronstadt zu bringen, lobenswert.

Die Geschichte, die das Stück „Land der Feen“ des jungen Dramatikers George Ştefan erzählt, ist wahr. Der Lehrer Istvan und der Securitate-Agent Stefan leben heute nicht mehr, aber ihr gemeinsamer Enkel wollte die Geschichte bekanntmachen.

Die Aufführung entstand durch das Projekt „Interkultureller Dialog durch zeitgenössisches Theater“, das vom Theater Yorick in Neumarkt in die Wege geleitet wurde.

Über das Zusammenleben von Ungarn und Rumänen

„Es ist die Geschichte von drei Generationen einer Mischfamilie aus Neumarkt. In einer Zeitspanne, wo das  Zusammenleben der Ungarn und Rumänen eine wahre Katastrophe war, konnte man den Mischehen trotzdem nicht aus dem Weg gehen. In der Theorie klingt es aber viel leichter als in der Praktik. Wie in jeder Großfamilie gab es Streitereien, Hass, Verstoßungen, Enterbungen und so weiter“, erzählt der Regisseur Andi Gherghe. Den Text der Aufführung erstellte der Dramatiker George Ştefan zusammen mit dem Regisseur und den Schauspielern Benedek Botond – Farkas, Ciprian Mistreanu, Ştefan Mura, Eröss Brigitta, Alexandru Andrei Chiran und Laura Mihalache. Am Anfang hieß das Stück „Brot“, später wurde der Titel in „Land der Feen“ umgeändert.

„Dem Stück habe ich am Anfang den Titel ‘Brot’ gegeben, weil es ein Gerücht über Neumarkt gibt. Man sagt Leuten, die zum ersten Mal in die Stadt kommen: ‘Wenn du hier in rumänischer Sprache ein Brot verlangst, bekommst du es nicht. Du musst es auf Ungarisch sagen’. Natürlich ist dieses Gerücht nicht wahr. Ich glaube, nach vielen Jahren haben Ungarn und Rumänen in der Stadt endlich gelernt, zusammen zu leben“, meint George Ştefan.  

Realitätsgetreu wiedergegebene Dialoge

Die Geschichte der Mischfamilie wird in aufeinanderfolgenden Dialogen und Monologen auf Ungarisch und Rumänisch erzählt. Viele Szenen sind rührend - zum Beispiel als Călin seine zukünftige Frau Krisztina im Büro kennenlernt und zu einer Konditorei einlädt. „Zu der Zeit waren ehrliche Leute seltener als Schweinekotellets auf den Regalen der Lebensmittellaäden“, erzählt Călin. Die junge Frau weist den Verehrer systematisch ab - bis dieser eines Tages in ihrem Büro mit einem Stück Kuchen und zwei Löffeln auftaucht. Besonders dramatisch ist die Szene, in der Krisztina ihrem Vater Istvan an ihrem Geburtstag gesteht, dass sie C²lin heiraten wird. Istvan zerreißt den Schal, den er seiner Tochter zum Geburtstag schenken will. „So zerrissen wie dieser Schal soll auch deine Ehe sein“, wünscht er ihr. Umso dramatischer ist es, dass sich die Geschehnisse in Wirklichkeit genau so zugetragen haben. „Es sind Menschen, die Dinge erlebt haben, die man sonst nur in südamerikanischen Telenovelas sieht. Einige Dialoge sind realitätsgetreu wiedergegeben“, sagt der Autor des Textes.

„Dein Akzent kann dich verraten“

Das Stück erzählt über 6 Jahrzehnte im Leben der Bewohner aus Neumarkt, wobei ein großer Akzent auf die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Rumänen und Ungarn im März 1990, bei denen 5 Menschen starben und fast 300 verletzt wurden, gesetzt wird. Diese Geschehnisse haben das Leben in der Stadt stark geprägt. „Ob du Rumäne bist oder Ungar, du solltest besser das Schild mit dem Familiennamen von deiner Haustür entfernen. Du hast größere Chancen, unversehrt davonzukommen, wenn man nicht weiß, wer im Haus lebt. Schick dein Kind nicht mehr in die Schule. Nimm dir frei von der Arbeit. Sperr dich im Haus ein. Wenn du trotzdem aus dem Haus gehen musst und einen Bekannten triffst, fange kein Gespräch an. Gib niemandem recht. Schau niemandem in die Augen. Sie können fühlen, was du bist. Vermeide es, in der Öffentlichkeit zu reden. Dein Akzent kann dich verraten. Du kannst verprügelt werden, wenn du ein Wort falsch aussprichst. Oder wenn du es richtig aussprichst. Du kannst verprügelt werden, weil du dein Brot in der falschen Sprache verlangt hast. Du kannst aus jedem Grund verprügelt werden. März 1990.“

Obwohl eine Geschichte aus Neumarkt erzählt wird, ist die Aufführung auch für Bewohner anderer Städte besonders sehenswert. „Land der Feen” ist eine authentische, ehrliche Inszenierung: ohne Bühnenbild - außer den sechs Stühlen, auf denen die Schauspieler sitzen -, ohne Spezialeffekte, ohne unnötige Schnörkel. Es geht um Vorurteile, Liebe, Hass, Generationenkonflikt, Würde, aber vor allem um Toleranz.

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