Land der Geschichten

Freitag, 31. Januar 2014

„30 Jahre alt, Siebenbürger Sachse, vor zwei Jahren nach Mediasch zurückgekehrt“, kritzele ich hastig in meinen Block. Wär das nicht mal eine Geschichte für die ADZ? Schnell werden Anekdoten ausgetauscht, bevor die Konferenzteilnehmer nach draußen strömen. „Rumänien ist das Land der Geschichten!“ ruft er mir noch begeistert zum Abschied hinterher. BINGO! Wenn das mal kein Titel ist!
Die Geschichten lassen nicht lange auf sich warten. „Lass uns nochmal bei Nea‘ Ioan vorbeischauen“, schlägt mein Mann am nächsten Morgen vor der Rückfahrt ganz unschuldig vor. Wir wagen den Umweg nach Pojorta, in der Hoffnung, an einem Montagvormittag keine Wartenden vor dem Haus des Dorfheilers anzutreffen. Aber oh weh! Fünf Wagen aus allen Landkreisen.... Nicht das erste Mal werden wir staunend Zeugen, wie Menschen mit schmerzverzerrten Gesichtern in den winzigen Nebenraum des Bauernhauses humpeln, um 20 Minuten später wie ausgewechselt von dannen zu schweben. „Was haben Sie gemacht?“ frage ich ihn, nachdem er Georges Lenden mit knotigen Fingern hochgeglitten war und auf einmal ein sattes PLOPP ertönte. Feinsinniges Lächeln. „Ich hab nur gespielt“, meint der Alte mit den durchdringenden, himmelblauen Augen verschmitzt. Aus dem Artikel wird nichts, denn Werbung kann der 80-Jährige nun wirklich nicht gebrauchen. Dann empfiehlt er ein seltsames Rezept: Täglich Honig mit den abgeschlagenen Rindenkrumen eines Bauernbrots. Das bringt Kalzium in die Knochen! Na, wenn’s hilft...

Auf der Weiterfahrt kommt im nächsten Dorf – Voivodeni – ein Schildchen wie gerufen: „Honig - 30 Meter“. Vollbremsung. In einem einfachen Bauernhof begrüßt uns ein freundlicher junger Mann. Der Garten ist mit bunten Bienenkisten übersät. Während wir uns aufklären lassen, woher die Königin weiß, wann sie ein befruchtetes und wann ein unbefruchtetes Ei legen muss, oder dass die Saugrüssel der heimischen Biene für importierte, genmanipulierte Sonnenblumen viel zu kurz sind, sodass sie erschöpft davor verhungern, erfahren wir auch, dass er eigentlich Doktor der Museumswissenschaft im Fogarascher Burgmuseum ist, derzeit im Vaterschaftsurlaub. Nach einer Stunde angeregten Gesprächs verabschieden wir uns von der Familie wie uralte Freunde.

Immer noch liegen gute vier Stunden Fahrt vor uns. Eigentlich wollte ich noch in die Redaktion... „Jetzt ist es auch schon egal, wir schauen noch schnell zum Bäcker rein“, flötet mein Göttergatte als Antwort auf meinen strengen Blick. Ein Dorf weiter, in Voila, hält er, springt aus dem Wagen – es kann ja nicht lange dauern – kommt tatsächlich nach zwei Minuten mit einem prallen Sack geschenkter Brotkrumen heraus und meint: „Komm, der Bäcker ist ein interessanter Typ, er lädt uns auf einen Kaffee ein!“
Eineinhalb Stunden später. Nun wissen wir alles über Trüffeln: heimische Sorten, den erforderlichen Boden-pH, mit welchen Pflanzenwurzeln die Myzelien Symbiosen eingehen, die Risiken einer Trüffelzucht und wie man die Suchhunde ausbildet. Zufällig hatte ich mir all das Jahre zuvor mühevoll angelesen – nun wird es mir in geballter Dosis von einem Bäcker in einem Bauerndorf serviert! Weiter doziert er von professioneller Rosenzucht über thrakische Hügelgräber zum Wahrsagertempel in [inca veche mit seinen Inschriften aus der Dakerzeit. Liegt das nicht sogar auf dem Weg? Hach, der Weg!!! Hastig brechen wir auf, endlich, nach – ach, was ist schon Zeit? Die knusprigen Brotkrumen futternd kurven wir durch die herrliche Landschaft, und mit Vangelis‘ „Conquest of Paradise“, bis zum Anschlag aufgedreht, vergehen die Stunden wie im Flug.

Als wir am Abend nach Hause kommen, ist das Einfahrtstor zugebunden. „Hast du vergessen, der Mama Bescheid zu geben?“ In der Dämmerung klopfen wir an die Haustür. Schlurfende Schritte, dann dreht sich der Schlüssel. „Ach, ihr seid schon da?“ klingt es eher ertappt als erfreut. Hinter der Schwiegermutter im rahmenfüllenden Flauschbademantel weisen Schüsselchen mit Körnern auf dem Boden den Weg vom Flur in die Küche. Im Hintergrund verräterisches Gackern. Verlegen zerrt sie ein Huhn unter dem Kachelofen hervor und presst es an die Brust. Sie sollten es doch nur warm haben! Während mein Mann tief Luft holt, rette ich die Situation mit einem Lachanfall und einer ]uica für alle. Hach, was für ein herrlicher, typisch rumänischer Tag! Wie nahe liegen hier Weisheit, Wissen, Glaube und Intuition und der archaische tägliche Kampf mit den Elementen der Natur...

Kommentare zu diesem Artikel

helena, 06.02 2014, 13:22
Frau Nina May,
Gibt es von Ihnen mehr zu lesen?

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