Landler erzählen ihren Lebensalltag

Roland Girtler dokumentiert Kulturgeschichte der Landler und die Situation in Großpold Anfang der 90er Jahre

Donnerstag, 14. August 2014

Die protestantischen Landler sind ein Teil der deutschen Minderheit und Kultur in Siebenbürgen. Sie haben die Orte Großpold/Apoldu de Sus, Großau/Cristian und Neppendorf/Turnişor im Westen von Hermannstadt nicht weniger geprägt als die Siebenbürger Sachsen. Heute dokumentiert ein Landlermuseum in der Kirche von Neppendorf die Geschichte dieser evangelischen Siedlungsgruppe, die im 18. Jahrhundert unter den österreichischen Regenten Karl VI. und Maria Theresia nach Siebenbürgen zu den dort lebenden evangelischen Sachsen verbannt wurde.  
Der emeritierte Professor für Soziologie an der Universität Wien Roland Girtler hat seit der Wende von 1989 Siebenbürgen regelmäßig bereist und ist vor allem in Großpold in die Lebenswelt der Landler eingetaucht, die er seither mit großer Anteilnahme und Bekümmernis über den Niedergang dieser traditionsreichen bäuerlichen Kultur verfolgt. In seinem jüngst erschienenen Buch „Die Landler in Rumänien“ lässt er Landler über ihre Geschichte und Kultur sowie den Lebensalltag seit den Anfängen erzählen und dokumentiert auch die besonders schmerzliche Phase der Auswanderungswelle Anfang der 90er Jahre.

Der Band reiht sich ein in die „Oral history“, also die mündliche Geschichtsforschung durch Interviews und Erinnerungen von Zeitzeugen und Beteiligten. Girtler beschränkt sich hier ausschließlich auf Gespräche, die er 1990 und 1991 in Großpold geführt hat, aber dies schmälert den Aussagewert des Bandes nicht, denn Selbstverständnis, Lebensvollzüge, Alltag, Kultur und Mentalität der Landler sind vergleichbar in den drei Orten. Begeistert schildert Girtler auch den „eigentümlichen Zauber“ von Großpold (S. 33-36) und hält fest: „Großpold ist (…) ein Dorf, welches protestantischen Geist atmet und in welchem der Landler stolz auf die Ergebnisse seines Fleißes ist.“ (S. 33)
Die Landler wurden im 18. Jahrhundert aus Oberösterreich, der Steiermark und Kärnten in die südosteuropäische Grenzregion des Habsburger Reiches verbannt. Sie behielten ihre österreichische Tracht, ihren Dialekt und hatten auch ihren eigenen Platz in der Kirche. Bis Anfang der 90er Jahre hielt sich diese besondere Kultur. Pfarrer in diesen Orten mussten stets auch beide Dialekte sprechen: Sächsisch und Landlerisch. Girtler versteht es, die strengen, manchmal engen Formen des Zusammenlebens, die Disziplin und den Arbeitseifer im Sinne des protestantischen Arbeitsethos („Im Schaffen liegt das Heil“, S. 45), die Geborgenheit und Sicherheit im Alltag, aber auch die soziale Kontrolle herauszuarbeiten, die die Landler stets geprägt hat und in einem natürlichen Gegensatz zur freizügigen Konsumkultur der Gegenwart steht. Alle wichtigen Aspekte des Landlerlebens und ihrer Kultur in Siebenbürgen werden behandelt und dargestellt, wobei Girtler seine Erkenntnisse vor allem aus den Gesprächen mit den Landlern in Großpold bezieht und sein Buch nicht wissenschaftlich überfrachtet. Es entsteht jedoch ein buntes Sittengemälde der Landler in Siebenbürgen und eine beeindruckende Dokumentation der Situation  anfangs der 1990er Jahre, ergänzt um eine einleitende Einführung zur Geschichte der Landler in Siebenbürgen (S. 18-32).

Im Einzelnen werden die kirchlichen, wirtschaftlichen, sozialen und auch politischen Verhältnisse geschildert, das Leben in der Kindheit und Jugendzeit und das Eheleben, die Stellung der Frau und der Schule, die Schwestern- und Bruderschaften und auch die Nachbarschaft, Tracht und Kleidung sowie das früher komplizierte Wäschewaschen, die Sitzordnungen in der Kirche, bei der Hochzeit und im Haus, Trauer- und Begräbnisriten sowie Zeitgefühl und Freizeitvergnügen der Landler in Großpold.  
Das Miterleben des Exodus und die Trauer über die Auswanderungswelle prägen viele Gespräche und das gesamte Buch. Gleichzeitig wird deutlich, wie sehr die strengen Traditionen und das Selbstverständnis der eigenen Identität zur Selbstbestimmung und Abgrenzung das eigene Leben und Überleben über Jahrhunderte ermöglicht hat. Besonders die  prägende und auch normgebende Rolle von Kirche und Pfarrer im Ort werden herausgestellt: „Früher sind 85 Prozent der Deutschen hier in Großpold zur Kirche gegangen. (…) Religion und Kirche sind aus dem Leben der Landler nicht wegzudenken.“ (S. 46 f.) Wobei der Pfarrer „das lebende Symbol für die Gemeinschaft“ war und auch durch eigene Wahl der Gemeinde eingesetzt wurde (S. 48). Glaube und Arbeitsethos korrespondieren. Girtler dazu: „Die Religiosität der Landler steht in enger Beziehung zu ihrem Arbeitseifer.“ (S. 51)
Das Leben und Überleben in kommunistischer Zeit wird immer wieder thematisiert. Wobei vor allem die Einführung der kollektiven Landwirtschaft die traditionelle „alte bäuerliche Autarkie“ (S. 58)  existenziell bedrohte. Die Kommunistische Partei betrachteten die Landler „als eine Belastung, stand sie doch im Widerspruch zu der alten Kultur der Landler, deren Mittelpunkt die protestantische Religion und die Kirche sind“(S. 67). Aufschlussreich sind die Erwägungen zum Selbstverständnis der Landler zwischen der österreichischen Herkunft und dem Nahverhältnis zu Deutschland und auch zur Abgrenzung von den Siebenbürger Sachsen bis zur Sitzordnung in der Kirche, die auch Distanz signalisiert.    

An  manchen Stellen hätte das Buch, das eine Neuausgabe einer 1992 unter anderem Titel erschienenen Publikation darstellt, etwas sorgfältiger aktualisiert und redigiert werden können. Auf Seite 14 heißt es etwa: „Tatsächlich ist die Wirtschaftslage in Rumänien heute derart katastrophal, dass es den Menschen dort beinahe an allem mangelt. Schmuggler, meistens sind es Zigeuner, beliefern den schwarze Markt mit Jeans, Schuhen und anderen Dingen.“ Nun trifft dies für die Lage 1991 und 1992 durchaus zu, das hat sich aber danach schnell geändert. Auch die Hinweise, dass es kaum möglich sei, aus dem Postamt von Großpold ein Telefongespräch nach Österreich vermittelt zu bekommen (S. 34), dass es nur wenige Autos im Dorf gibt (S. 36) und es „vor kurzem“ noch 18 Nachbarschaften gab (S. 148), wirken in einem 2014 erschienen Buch anachronistisch und unfreiwillig komisch. Rumänische Ortsnamen werden zum Teil falsch angegeben (S. 62: „Selista“ statt Sălişte; S. 182: „Petrogeni“ statt Petroşani). Schön wäre gewesen, wenn zu den Fotos vom Anfang der 1990er Jahre einige aktuelle Fotos beigegeben worden wären. Doch unabhängig von solchen Petitessen bietet der Band einen höchst willkommenen und aussagekräftigen Beitrag zur deutschen Erinnerungskultur in Rumänien im Blick auf die Landler. Der schön gestaltete Band, den auf dem Farbcover eine Landlerin am Brunnen ziert, besitzt regelrecht den Charakter einer Radiografie der Verhältnisse unmittelbar nach der Wende von 1989.         

Roland Girtler, Die Landler in Rumänien. Eine untergegangene deutschsprachige Kultur, Wien/Berlin: LIT-Verlag 2014 (=Feldforschung, Bd. 8), geb. mit Schutzumschlag, 210 S., ISBN 978-3-643-50558-3, 29,90

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