Laudatio auf Prof. Dr. Dieter Simon

Anlässlich der Verleihung des Apollonia-Hirscher-Preises für das Jahr 2016 (II)

Samstag, 21. Oktober 2017

Die Chance zum Neuanfang bot sich noch in demselben Jahr innerhalb derselben Filiale des außeruniversitären Forstwissenschaftlichen Forschungsinstitut. Es wurde die Besetzung einer forschungsleitenden Stelle für Forstgenetik angestrebt. Dieter Simon bewarb sich und hatte Erfolg. Dieser bedeutete für ihn zunächst Umsatteln von Forstschutz und Ornithologie ins neue Fachgebiet, das sich mit Fragen der Herkunftsdeterminierung von Hölzern, der Zucht hochproduktiver Baumsorten sowie der Schädlingsresistenz auseinandersetzte. Es ging um Laborplanung und -Ausrüstung, Dieter Simon kniete sich hinein. Eines Tages kam ein leitender Vertreter der in Bukarest beheimateten Institutszentrale, ließ sich mit allen relevanten Informationen zum Stand der Dinge ausrüsten, um damit, wohl an Dieters statt, auf eine Tagung des International Plant Genetic Resources Institute, einer zur Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen gehörenden Einrichtung in Rom, zu fahren. Sein Fazit nach der Rückkehr: „dacă nu era sasul ăla, eram in plop“, was eigentlich schon alles sagt über die Gründlichkeit mit der Dieter Simon die Vorbereitung des Forschungsauftrages verfolgte. In unserem Zusammenhang mag die zitierte Aussage pars pro toto für die Forschungsarbeit stehen, die Dieter Simon bis 1992 überaus gut vernetzt im In- und Ausland betrieb.

Einstieg in die Universitätskarriere

Auf der Strecke war einstweilen der Wunsch geblieben, auch als universitäre Lehrkraft zu wirken. Hierzu bot sich Ende der 1980er Jahre die Gelegenheit: Dieter Simon wurde gebeten, die Abendschule der Forsthochschule mit zu übernehmen – das brachte finanziell zwar nichts, war aber der Einstieg in die Lehre und dass sich die Gelegenheit überhaupt auftat, reicht in die Zeiten zurück, als Dieter Simon noch Übersetzungsdienste als Student leistete. Da sich im außeruniversitären Forschungsinstitut keine Perspektiven mehr boten, sattelte Dieter Simon 1992 als Lektor in den universitären Betrieb um. 1995 wird er Dozent und 2002 schließlich Professor – die letzten 8 Jahre vor dem offiziellen Renteneintritt 2011 übrigens als Leiter des Lehrstuhls für Waldbau. Der Übergang in den universitären Unruhestand war ein nahtloser, ein Ende ist nicht in Sicht und das ist auch gut so, vier Doktorate sind noch zu betreuen (12 abgeschlossen) etc. Auch landesweit wird er in den diversen Fachgremien als Gutachter benötigt.

Bleibt noch, auf das gesellschaftliche und private Leben ein paar Streiflichter zu werfen. Nach einigen Jahren des Zusammenseins mit Sabine Morres folgte am 7. Oktober 1987 die Heirat. Am 25. März 1988 erblickte Frieder das Licht der Welt. Ich erinnere mich noch gut, wie mein Bruder und ich uns verwundert ansahen, wir kannten den Namen nicht aus unserem kindlichen Umfeld, aber die Antwort, die wir auf dieses neuerliche „Wa-rum?“ bekamen, war einleuchtend: Frieden ist wichtig, ohne das geht nichts. Das war überzeugend und ist es heute noch, mehr denn je. Frieder hat heuer seinen Master in Mathematik in Cambridge gemacht, herzlichen Glückwunsch dazu!

Aktiv in mehreren Bereichen

Seit 1983 gehört Dieter Simon dem Bach-Chor der Honterusgemeinde an, bald darauf wurde er in die Gemeindevertretung gewählt. Seit 1991, mit einer wohlbegründeten Unterbrechung, gehört er dem Presbyterium der Honterusgemeinde an und hat durch sein umfassendes historisches Wissen, konkret um die Eigentumsverhältnisse der Gemeinde in der Zwischenkriegszeit wesentlich mit dazu beigetragen, dass die Innerstädtische Kirchengemeinde über einen Immobilienbesitz verfügt, der seinesgleichen in der Landeskirche sucht. Drei Legislaturperioden lang gehörte Dieter Simon der Landeskirchenversammlung der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien an; aus diesem Tätigkeitsbereich sei erwähnt, dass ihm gemeinsam mit Pfarrer Lothar Schullerus auffiel, dass die in Vorbereitung befindliche neue Kirchenordnung eine sprachliche Festlegung vermissen ließ. Es gelang problemlos, das Deutsche als Amtssprache im Sinne von Verwaltungs- aber eigentlich auch liturgischer Amtssprache festzuschreiben – das Wort „Verkündigungssprache“ kommt übrigens in der 2008 im Amtsblatt von Rumänien erschienenen neuen Kirchenordnung nicht vor. Im Demokratischen Forum von Kronstadt war Dieter Simon schon früh aktiv – Mitgliedsnummer 75. 1992-1996 nahm er für das Forum ein Mandat als Stadtrat wahr, das sich durch das Zusammengehen mit der Demokratischen Konvention ergeben hatte. Aus der Art, wie Dieter Simon über diesen Zeitabschnitt spricht, kann geschlossen werden, dass auch in Kronstadt der demokratische Beginn mit viel Hoffnung, mehr noch aber mit Offenheit, gegenseitigem Respekt und Anstand in Verbindung gebracht werden kann – im heutigen politischen Betrieb fast schon Fremdwörter, was mehr als nachdenklich stimmt. 1996 verhinderten gesetzliche Bestimmungen den Zusammenschluss in der Form des Wahlbündnisses von 1992, so dass nur der Status des ständigen Gastes als Partizipationsmöglichkeit blieb, was auf Stadtebene bis 2000 von Dieter Simon wahrgenommen wurde.

Vorsitzender des Kronstädter Forums

1994 kandidierte Dieter Drotleff nicht mehr für den Vorsitz des Kronstädter Forums. Die Wähler bestimmten Dieter Simon zum Vorsitzenden, ein Amt das er bis 2006 wahrnahm. Durch eine Briefkampagne vor den Parlamentswahlen 1996 wurde das Umfeld des Demokratischen Forums der Deutschen in Kronstadt gezielt angesprochen und mobilisiert, was ein beachtliches Wahlergebnis von 5000 Stimmen bedeutete. Das Rennen auf das Abgeordnetenmandat zur Vertretung der deutschen Minderheit im rumänischen Abgeordnetenhaus machte damals, als dies noch eine spannende Frage war, allerdings der Kandidat des Banats. Als dieser bald darauf hinwarf, bedurfte es einiger forumsinterner Verrenkungen, um den drittplatzierten Kandidaten des Hermannstädter Kreises ins Parlament zu hieven. Sachlich-personell sicherlich keine Fehlentscheidung, aber an der Enttäuschung unseres Umfeldes, war noch eine Weile lang zu knabbern.

Dadurch wurden die sozial-gesellschaftlichen Anliegen zum zentralen Feld des Wirkens von Dieter Simon als Vorsitzender des Kronstädter Forums. Unser Forum sollte auf möglichst vielen Ebenen als Ort der Begegnung dienen und dadurch Raum für eine lebendige Gemeinschaft bieten. Zur Arztpraxis kamen noch ein zahnärztliches und ein homöopathisches Kabinett dazu; die Blaskapelle wurde weiter aufgebaut, der Handarbeitskreis gefördert, Canzonetta wurde im Forum beheimatet. Sodann wurden die beiden Gästezimmer eingerichtet, die v.a. auch dem Zusammenhalt mit den ausgewanderten Landsleuten zugutekamen in einer Zeit, als der Gaststättenbetrieb noch nicht so richtig funktionierte – das Jugendform, das gegenwärtig in den Räumen der Gästezimmer untergebracht ist, hatte damals übrigens einen anderen Raum zur Verfügung gestellt bekommen. Die Forumsbibliothek stieg über die 10.000-Titel-Marke und bietet ein ausgewogenes Angebot zu zahlreichen Wissensgebieten, ganz in der Tradition der Vereinsbüchereien der Zwischenkriegszeit, also Kasino, Moderne Bücherei etc. Als es darum ging, das Archiv der Honterusgemeinde in einem gemeinsamen Kraftakt mit dem Siebenbürgen-Institut 2005-2006 auf eine neue Ebene der Funktionalität und Professionalität mittels eines EU-Projektes zu hieven und wir feststellen mussten, dass Kirchengemeinden in den Augen der EU-Bürokratie nicht als Akteure in Sachen Kulturerbe galten, sprang das Forum zur administrativen Abwicklung ohne jedes Zögern ein, wofür ich heute noch auch persönlich sehr dankbar bin, denn es musste damals, wie so oft, schnell gehen. Darin kann Dieter Simon große Klasse sein, dafür gibt es mehrere Belege, etwa wenn ich an die Beschaffung der Mercedes-Vito-Busse für das Forum an einem Jahresende, wo man auf Zack sein musste, zurückdenke.

Engagement für die Gemeinschaft

Als dann 2006 Bestrebungen zur Gründung eines Forums in Bartholomä aufkamen – bekanntlich wurde daraus dann das Ortsforum Kronstadt – sah Dieter Simon die Zeit des Rückzuges gekommen. Eine nur zu verständliche Entscheidung, da nach 12 Jahren so manche Kraftreserve aufgebraucht ist durch kontinuierliches Eintreten für die Gemeinschaft, was konkret tägliche Präsenz am Forumssitz, Sitzungen auf allen Ebenen, Korrespondenzen, kurz jede Menge sogenannte unsichtbare Arbeit bedeutet, die mit dem Beruf in Einklang zu bringen ist und daher nur auf Kosten der Familie zu stemmen ist.Ich muss Sie enttäuschen, wir sind mit dem Gesagten noch nicht am Ende angelangt. Vielmehr darf ich Ihnen die eingangs erwähnte Sofagarnitur aus der Biedermeierzeit in Erinnerung rufen. Machen Sie es sich noch einmal in Gedanken darauf bequem, Sie werden sehen, dass man darin ruhend ganz von alleine über den Tag hinaus zu denken beginnt. Diesem Aspekt, dem vielleicht wichtigsten am Wirken von Dieter Simon, möchte ich abschließend noch etwas Aufmerksamkeit schenken. Bei allem, was man mit ihm bespricht, ist man schnell beim Einfluss der großen Zusammenhänge auf unser kleines minderheitliches Geschehen angekommen. Selten tritt eine diesbezüglich geäußerte Befürchtung nicht ein, das muss man sich als Gast ehrlicherweise eingestehen. Umgekehrt kommt man zu dem Schluss, dass für Dieter Simons Engagement für unsere Gemeinschaft, sei es nun Kirche oder Forum, das Anknüpfen an die bewährten Traditionen der Zwischenkriegszeit von zentraler Bedeutung war und ist. Dies geschieht nicht aus Nostalgie, sondern aus der Erkenntnis heraus, dass wir als Gemeinschaft ähnlich ticken wie damals, dass die Lösungsansätze von einst auch heute noch aktuell sind, da sie unserem über Jahrhunderte gewachsenen Naturell als Minderheitengemeinschaft entsprechen. Das Verblüffende daran ist, dass diese Art zu denken gerne von neu hinzugekommenen gleich welcher ethnischer Herkunft sie sein mögen, übernommen wird, da sie offensichtlich Nähe zu unserer Sprache, Kultur und Wesensart gleichermaßen suchen.

Einsatz für das Kronstädter Altenheim

Ein Großanliegen der Nachwendezeit, das auch von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher 1990 öffentlich zugesagt worden war, war die Errichtung eines Altenheimes auch in Kronstadt. Finanzierungen für derartige Projekte liefen damals über das Forum, daher erachtete Dieter Simon es als erforderlich, dem nicht recht von der Stelle kommenden Anliegen nachzugehen. Der Fall war eigenartig, da an sich unterschiedliche Zusagen von verschiedenen Seiten vorlagen, dann aber 1999 eine Umsetzungsaufforderung erteilt wurde, die in ihrer Kurzfristigkeit unmöglich zu realisieren war und keinesfalls Folgekosten verursachen durfte – offensichtlich war man an maßgeblicher Stelle aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen nicht mehr bereit, das „Projekt Altenheim Kronstadt“ zu stemmen. Die genaue Kausalität werden vielleicht einmal Historiker zutage fördern, jedenfalls war die Enttäuschung groß, als bald darauf Dieter Simon mit dem Ehepaar Peter und Ilse Falk – erster mit Kronstädter Herkunft, letztere Mitglied des Bundestages und des Bundesvorstandes der CDU – an besagtem Sofa Platz nahm. Das Gespräch endete mit der Vision, das Altenheim Kronstadt in eigener Verantwortung zu stemmen – die Spende des Ehepaars Falk in Höhe von 5000 DM machte sogleich den Anfang. Den Anfang von Folgegesprächen, Spendensammlungen und was es so alles braucht an Dingen, die mit Ausdauer und Zielstrebigkeit zu tun haben, um aus der Altenheimfrage so etwas zu machen wie die Aktion „Für unser Altenheim“ in guter Tradition und geistiger Fortsetzung der Aktion „Für unsere Schwarze Kirche“.

Die Räumung des Altbaus in der Blumenau, der in der Zwischenkriegszeit als Altfrauenheim genützt worden war, war Dieter Simon übrigens noch in seiner Zeit als Stadtrat teilweise gelungen. Die Eröffnung des Altenheims 2002 war die Frucht eines guten Zusammenspiels von Kirchenbezirk, Honterusgemeinde und Forum mit ihren Partnern in Deutschland und ist beredtes Beispiel für den Wert von Einigkeit. 15 Jahre sind seither vergangen, das Heim ist eine Selbstverständlichkeit geworden – wobei Selbstverständlichkeiten etwas Trügerisches anhaftet, was zur Gefahr wird, wenn man den Grundgedanken, auf dem das Selbstverständliche fußt, aus den Augen verlieren sollte: in diesem Fall wäre es die christliche Nächstenliebe in gemeinschaftlicher Eigenverantwortung. Die gegenwärtige Trägerstruktur des Altenheims trägt ganz die Handschrift von Dieter Simon und ist dem altbewährten Prinzip der sächsischen Selbstbestimmung verpflichtet, sie ist zwar kostspieliger als staatliche Bezuschussung, dafür schützt sie aber vor kaum voraussehbaren Verhaltenssprüngen staatlicher Stellen und Abhängigkeit von denselben. Freiheit und Selbstbestimmung haben ihren Preis, sind aber eigentlich doch unbezahlbar und unschätzbar wertvoll.

Übrigens dürfte auch der Apollonia-Hirscher-Preis auf jener Sofagarnitur entstanden sein – ich erinnere mich noch gut, wie ich bei einem Gespräch von Waltraud Kravatzky, der damaligen Vorsitzenden der HOG Kronstadt, und Dieter Simon zufällig dabei gewesen bin. Beeindruckt hat mich damals die Selbstverständlichkeit, mit der nach Möglichkeiten zur Stärkung des Gemeinsamen zwischen den Kronstädtern hüben wie drüben gesucht wurde. Ich erinnere mich in diesem Kontext auch an Worte von Dieter Simon, die darum kreisten, jenen Kronstädtern, die in guter alter Tradition, sich ohne viel Aufsehen zu erregen, für das Notwendige im Sinne unserer Gemeinschaft einsetzten, ein würdevolles Zeichen des Dankes zukommen lassen zu wollen – ob es damals den gemeinsam ausgerichteten Apollonia-Hirscher-Preis schon gab? Ich weiß es nicht mehr.

Was ich aber weiß, ist, dass ich euch, liebe Sabine, lieber Dieter, im Namen unserer Gemeinschaft herzlich danken darf für euren Einsatz, der den Grundgedanken des Apollonia-Hirscher-Preises in jeder Hinsicht entspricht. Dass ihr angenommen habt, ehrt vor allem auch uns, die wir den Preis vergeben. Wir wünschen euch noch lange Zeit Gesundheit und vielleicht Enkel mit vielen „Warum?-s“. Persönlich hoffe ich, noch oft vorbei kommen zu können mit großen und kleinen Problemen, die eines umsichtigen Ratschlages für die beste Option im Sinne unserer Gemeinschaft bedürfen. Ich bin bisher sehr gut gefahren damit. Daher empfehle ich jedem Sofabesucher, immer dann sehr genau aufzupassen, wenn Dieter seine Worte einleitet mit: „Ich sag es dir in dürren Worten…“
Herzlichen Glückwunsch zum Apollonia-Hirscher-Preis für das Jahr 2016!

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