Leben die Brexit-Jasager noch?

Donnerstag, 26. Juli 2018

Bild: pixabay.com

Seit der britischen Brexit-Volksbefragung sind 25 Monate vergangen. Im Frühjahr 2019, während der (bislang kaum vorbereiteten erstmaligen Übernahme) der EU-Ratspräsidentschaft durch Rumänien, soll der Austritt Großbritanniens aus der EU erfolgen. Die Zahl der Bewohner im splendid-isolation-Land, die keinen EU-Austritt wünschen, ist gestiegen. Oder – so spekulieren andere: Die Brexit-Jasager, die 2016 den Unterschied machten, gibt es gar nicht mehr. Sie können/müssen die Folgen ihrer Entscheidung nicht mehr miterleben, weil sie tot sind.
Für den EU-Austritt hatten 17,410 Millionen Briten gestimmt, dagegen 16,141 Millionen. Also waren 1,269 Millionen mehr Briten dafür. Hätten 635.000 Briten mehr dagegen gestimmt, hätte es keinen Brexit gegeben. Das Pro-Contra-Verhältnis nach Altersgruppen sah so aus: 18-24-Jährige: 25 Prozent dafür, 75 Prozent dagegen; 25-49-Jährige: 44 Prozent dafür, und 56 Prozent dagegen; 50-64-Jährige: 56 Prozent wollten die EU verlassen, 44 Prozent nicht, und bei den über 65-Jährigen stimmten 61 Prozent für den Austritt, und nur 39 Prozent votierten dagegen. Das Interesse an der Abstimmung, ausgedrückt durch den Prozentsatz der Wahlbeteiligten nach Altersgruppen offenbart erstaunliches: 18-24-Jährige: 64 Prozent, 25-39-Jährige: 65 Prozent; 40-54-Jährige: 66 Prozent, 55-64-Jährige: 74 Prozent, und von den über 65-Jährigen begaben sich 90 Prozent (!) an die Wahlurnen.

Schlussfolgerung: Das Wahlverhalten pro-Brexit der über 65-Jährigen war für den Wahlausgang von höchster Bedeutung, sogar ausschlaggebend.

Allein aus der Wahlbeteiligung kann aber die Zahl der über 65-Jährigen, die die Brexit-Entscheidung beeinflussten, nicht errechnet werden. Offizielle Angaben darüber gibt es keine. Aber es gibt Anhaltspunkte für Schätzungen, die ziemlich akkurate, akzeptable Resultate bringen, so Statistiker. Abgestimmt hatten rund 33,6 Millionen Briten, 72,2 Prozent der als wahlberechtigt Registrierten. Es gibt insgesamt 46,5 Millionen wahlberechtigt registrierte Briten, bei einer Gesamtbevölkerung von rund 64,5 Millionen (2016). 14,5 Millionen waren noch nicht wahlberechtigt (0-18 Jahre), also waren rund 50 Millionen Briten im Wahlalter. Von diesen waren etwa 10,5 Millionen über 65, also etwa 21 Prozent aller Wahlberechtigten. Die Proportionalität zu den registrierten Wählern wäre also 21 Prozent von 46,5 Prozent, also 9,76 Mio Wahlberechtigte über 65 Jahre. 90 Prozent der Wahlberechtigten über 65 Jahre stimmten ab. Das sind 8,78 Millionen. Von insgesamt 33,551 Wahlbeteiligten also gut ein Viertel.

In dieser Altersgruppe stimmten rund 5,35 Millionen für den EU-Austritt, etwa 3,43 Millionen dagegen. Differenz: 1,92 Millionen. Viel mehr als bei der Gesamtzahl der Urnengänger: 1,27 Millionen für sämtliche Altergruppen. Man kann also den Pro-Brexit-Wahlausgang den über 65-Jährigen anlasten. Obige 635.000 Stimmen, die wahlentscheidend waren, müssen aus ihren Reihen gekommen sein.

Seit 2016 starben rund 1,2 Millionen Briten, so das nationale Statistikamt, davon 100.000 aus anderen Gründen als Alter und Krankheit. Bleiben 1,1 Millionen Dahingeschiedene aus Alters- und Krankheitsgründen. Die langjährigen Lebenserwartungskurven Großbritanniens besagen, dass weitaus mehr Briten im Alter über 65 starben als in anderen Altersklassen. In 25 Monaten waren es etwa 660.000 Todesfälle unter den über 65-Jährigen. Nichts spricht gegen die Behauptung, dass bereits alle 635.000 Brexitbefürworter, die 2016 das Zünglein an der Waage waren, dahingeschieden sind. Theoretisch.

Logische Schlussfolgerung dieses (wackligen) statistischen Gefüges mit hohem Wahrscheinlichkeitsgrad: Die Ablehner des Brexit könnten zum gegenwärtigen Zeitpunkt in Großbritannien mehrheitlich sein.
Stülpt man diese Spekulationen Rumänien über, wo 2016 eine dürftig gebildete, betagte Urnengängermasse (wie jene in Weiß gekleideten Demonstranten, die nicht wussten, was sie in Bukarest wollten) Parlamentsmehrheiten schuf, die heute Rumänien diktatorisch umwühlen, kommt die berechtigte Frage, wie heute in diesem Land eine Parlamentswahl ausgehen würde.

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