Leben im Museum

Warum sich ein Abstecher nach Cernatu de Sus durchaus lohnt

Samstag, 05. September 2015

Ein Szekler Holztor entsteht in der Museumswerkstatt.

Bemalte Holztruhen und Keramik

Stolz führt Pál Haszmann eine Schneidmaschine für Papierbögen vor.

Alte Holztore und Häuser im Freilichtmuseum
Fotos: Ralf Sudrigian

Nachdem wir auf der DN 11 von Kronstadt/Braşov in Richtung Târgu Secuiesc (deutsch Szekler Neumarkt, ung. Kézdivásárhely) 50 Kilometer zurückgelegt haben, gelangen wir in die Gemeinde Cernatu/Csernáton. Kurz bevor wir die Ortschaft verlassen, gibt es auf der linken Seite eine Abzweigung nach Cernatu de Sus mit dem Hinweis auf das Volkskundemuseum „Haszmann Pal“.

Auf den fünf Kilometern bis zum Museum fahren wir unter einem massiven Holztor durch – ein weiterer Beweis, dass wir uns mitten im Szeklerland befinden. Wo ist aber das Museum? Kein Schild kennzeichnet den Eingang. Nachdem wir durch ein Tor an einer langen weißen Mauer eintreten und vor uns ein fast zwei Hektar großes Anwesen mit einem Herrenhaus liegt, mit mehreren Holztoren und kleinen schlichten Bauernhäusern sowie einem riesigen Lindenbaum, sind wir  sicher, unser Ziel nicht verfehlt zu haben.

Traditionen kennenlernen und erlernen

„In jeder Ecke ist hier was Sehenswertes zu entdecken“, sagt Pál Haszmann. Er müsste gut über die Siebzig sein, trägt einen Schnurrbart und spricht recht gut Rumänisch. Sein Vater, dessen Vornamen er als ältester Sohn geerbt hat, wie das bei den Szeklern üblich ist, personifizierte den Urtyp des Sammlers. Der 1902 in Comand²u geborene spätere Lehrer brachte es bis zu seinem Lebensende 1977 zu mehreren Sammlungen, die insgesamt über 8000 Gegenstände beinhalteten. Vor allem alles was mit der Szekler Volkskunst zu tun hatte - Tracht, traditionelles Handwerk, von Holzschnitzkunst und -malerei bis zu Töpferei, Wohnkultur, Werkzeug - sowie mit der Szekler Geschichte - alte Urkunden, Bücher, Fotos, archäologische Entdeckungen - sammelte er mit großer Hingabe, wobei ihn seine Ehefrau Ida Cseh (1909 -2003) voll unterstützt hatte. Der Lehrer, der 1934 in Cernatu sesshaft wurde, war allgemein in diesem Teil des Szeklerlandes bekannt und beliebt, so dass er als Autorität in Sachen Szekler Geschichte und Traditionen galt und ihn von vielen Seiten zahlreiche Spenden erreichten. Pál Haszmann wollte sein Lebenswerk möglichst vielen zugänglich machen und entschloss sich daher, die Sammlungen dem Staat zu spenden, das heißt, dem Szekler Nationalmuseum in Sankt Georgen/Sf. Gheorghe/Sepsiszentgyörgy.

Jedoch unter folgenden Voraussetzungen: Die Sammlungen bleiben selbstständig und einheitlich, sie gehen nicht unter in anderen Museumsfonds und werden von seinen Kindern und deren Nachkommen verwaltet.

Am 23. Februar 1973 war es dann endlich soweit: Das Museum wurde im ehemaligen Herrenhaus Gyula Damokos eröffnet. Das war auch für diesen Bau die Rettung, denn er wurde als Eigentum des örtlichen staatlichen landwirtschaftlichen Betriebs ohne Rücksicht heruntergewirtschaftet und soll sogar als Schweinestall gedient haben.

Seit 1999 trägt diese Museumsfiliale nun den Namen ihres Gründers. Heute wird sie von dessen drei Söhnen Pál, Joszef und Lajos und ihren Familien verwaltet. Sie seien selber nicht mehr die Jüngsten, gibt Pál zu, so dass nun die dritte Generation an der Reihe sei, die Páls Tochter, die Museografin Orsolya Dimeny Haszmann, vertritt. Dass Mitglieder der Haszmann-Familie im selben musealen Anwesen, in einem gesonderten hinteren Trakt wohnen, versinnbildlicht noch mehr die enge familiäre Bindung an diese Einrichtung. Vielleicht auch deshalb fehlt das Museumsschild am Eingang. Besucher werden eigentlich rund um die Uhr empfangen, sagt Herr Haszmann. Im Prinzip zwischen acht Uhr morgens und abends, an jedem Tag, einschließlich sonntags. Erwachsene zahlen 10 Lei Eintritt, Kinder und Rentner die Hälfte. Die Besucher kommen aus dem Szeklerland, aus anderen Landesteilen, selbstverständlich aus Ungarn und vielen anderen Ländern, wie es auch aus den Eintragungen im Gästebuch ersichtlich ist.

Im Museum wird aber nicht nur die Identität der Szekler dokumentiert. Traditionen und altes Handwerk wird aktiv weitergeführt. Bereits der Gründer hatte eine Volkskunsthochschule ins Leben gerufen, sowie auch den Kulturverein „Bod Péter“. Seit 2006 gibt es auch den Kulturverein „Haszmann Pal“, der das Weiterführen der Szekler-Traditionen fördert, einschließlich über Projekte mit EU-Finanzierung. So werden regelmäßig Kurse und Workshops in mehreren Bereichen, hauptsächlich für Kinder und Jugendliche, angeboten. Es geht dabei um Holzmalerei, um alte Berufe wie Holzschnitzerei, Tischlerei, Gießerei, Töpferei, aber auch um Handarbeit wie Sticken, Weben, Spinnen. Ferienlager bringen die Jugendlichen zusammen, festigen Gemeinschaftsgefühl und Identitätsbewusstsein. Pro Jahr sind es gut über 600 Teilnehmer, die im Museum Kurse und Workshops unter Anleitung der Fachkräfte besuchen, wobei nur Verpflegung und Unterkunft zur Rechnung gestellt werden. „Wenn die jungen Leute altes Handwerk erlernen, gibt es dafür eine Zukunft. Ansonsten geht es unter“, betont Pál Haszmann.

Ein Rundgang durch die Sammlungen

Gleich links nach dem Eingang fallen einem die dicht nebeneinander aufgestellten, in Eichenholz geschnitzten Grabsäulen auf. Diese gibt es in verschiedenen regionalen Varianten in den Friedhöfen der Szekler reformierten Glaubens. Manche Daten über die Verstorbenen können anhand von alten Symbolen abgelesen werden: Blumenmotive am oberen Teil der Stele zeigen an, dass es sich um eine Frau handelte, ein Streitkolben stand für einen Grenzsoldaten, ein Globus für einen Mann mit hoher Bildung. Auch heute noch werden in der Werkstatt des Museums Grabsäulen hergestellt, wie auch die Elemente der für diese Region so typischen Holztore. Einige davon sind im Freilichtmuseum zwischen den alten Bauernhäusern zu bewundern – das älteste Tor stammt aus dem Jahre 1761 und gehörte der Familie Miskolczy aus der Gemeinde Pava. Die Häuser waren ursprünglich zum Teil für das Museum in Sfântul Gheorghe gedacht, wurden dann aus Platzmangel nach Cernatu übersiedelt, wiederaufgebaut und so mit Möbeln, Herd, Geschirr, Schaupuppen in Tracht eingerichtet, dass der Besucher sich einprägsam ein Bild machen kann, wie die Szekler im 18. und 19. Jahrhundert wohnten und lebten. Interessant ist auch die kleine Wassermühle mit zwei Mühlsteinen, errichtet 1836 von Simon Orosz aus Cernatu. Aufbewahrt werden auch alte Balken inzwischen abgetragener Häuser.

Sehr reich ist die Sammlung von landwirtschaftlichen Geräten und Anlagen - von statischen Motoren zu Traktoren, Dreschmaschinen, Eggen, Pflügen - ein Pflug wurde entworfen von Antal Vegh, ein „tausendseitiger Szekler“ wie er im deutschen Begleittext genannt wird, der in Cernatu lebte und wirkte - aber auch Kutschen, Imkerei-Zubehör, Pumpen. Die Sammlung der Tonwiedergabegeräte bringt uns ins vorige Jahrhundert. Radiogeräte füllen einen Raum, Schallplatten hängen wie Trophäen an den Wänden, Grammophone kommen hinzu, wie auch eine kleine Telefonzentrale mit Stöpselanschlüssen. Der Großteil der Geräte soll sogar noch funktionieren. Im Kellergeschoss des Herrenhauses gibt es eine Ausstellung von Heizöfen aus Gusseisen, die belegt, dass diese Geräte nicht nur einen funktionellen Wert hatten, sondern auch als Schmuckstücke des Hauses galten.

In den oberen Sälen gibt es Sammlungen von bemalten Truhen, Möbelstücken, Kacheln, Dokumente zur Ortsgeschichte sowie eine temporäre Sonderausstellung, die an die Zeit des Ersten Weltkriegs erinnert, als die jungen Männer in die österreich-ungarische Armee einberufen wurden.

Pál Haszmann ist ein Museumsführer, der Begeisterung, Dynamik und viel Stolz ausstrahlt. Am folgenden Tag war für ihn eine andere Aufgabe angesagt: der Ankauf weiterer Exponate aus einem benachbarten Dorf. Das Museum lebt und wächst.

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