Leben retten ist leicht

Wie ich beschlossen habe, ein Held zu werden

Sonntag, 06. September 2015

Im Rahmen der Kampagne „Spende Hoffnung“ wurden landesweit Stammzellenspender gesucht

Allen potenziellen Spendern wird in der ersten Phase Blut abgenommen, um ihren Gesundheitszustand zu prüfen.
Fotos: Registrul Naţional al Donatorilor Voluntari de Celule Stem Hematopoietice

Es ist Punkt sieben Uhr morgens, als das Taxi vor dem Blutspendezentrum auf der Victor Babeş Straße Nr. 21 in Kronstadt/Braşov hält. Geöffnet wird um 7.30 Uhr, man kann aber auch früher kommen, um sich in die Reihe zu stellen. Auf diesen Tag habe ich mich gut vorbereitet. Ich habe acht Stunden geschlafen, ein fettarmes und an Kohlenhydraten reiches Frühstück zu mir genommen, viel Wasser getrunken und auf den täglichen Kaffee verzichtet. Eine Schokolade und eine Flasche Wasser habe ich dabei. Angeblich soll es gut sein, nach der Spende viel Flüssigkeit zu sich zu nehmen und auch etwas Süßes zu essen, um sich nicht geschwächt zu fühlen.

Mit jeder Blutspende drei Leben retten

Alle Anweisungen auf der offiziellen Internetseite habe ich hundert Mal durchgelesen. Besonders die Rubrik „Wer darf Blut spenden“. Ich bin sicher, dass ich an diesem Tag drei Leben retten werde. Der einzige Grund zur Sorge ist mein niedriger Blutdruck. Laut den Informationen auf www.doneaza sange.ro muss der Blutdruck eines Spenders im Bereich von 110 und 200 mmHg liegen. Am Abend zuvor habe ich viel Sport getrieben, in der Hoffnung, mein Blutdruck würde dadurch höher werden.

„Ich bin zum ersten Mal da“, sage ich der Frau an der Rezeption stolz. „Wollen Sie für eine bestimmte Person spenden?“ „Nein.“

Die Frau betrachtet mich etwas misstrauisch. „Sie wissen aber, dass man als Frau wenigstens 58 Kilo schwer sein muss? Wieviel Kilo wiegen Sie?“ „52, glaube ich.“ „Das ist viel zu wenig.“ „Auf Ihrer Internetseite steht, dass man wenigstens 50 Kilo schwer sein muss.“ „Das Internet ist voller Schwachsinn!“ „Es ist aber eine offizielle Internetseite!“

Die Frau begleitet mich in ein anderes Zimmer, wo potenziellen Spendern der Blutdruck gemessen wird. Hier steige ich auf eine Waage. Sie zeigt genau 51 kg an. Doch so leicht will ich nicht aufgeben. „Ich bin Universalspender, habe die Blutgruppe Null“, versuche ich es noch einmal. Was könnte schief gehen?
Ebenfalls aus dem Internet weiß ich, dass in anderen europäischen Ländern die untere Grenze bei 50 Kilogramm liegt. Warum muss man in Rumänien mehr wiegen?

Die Krankenschwester erklärt mir freundlich, dass man sich sehr schlecht fühlt, wenn man fast ein halbes Kilo Blut verliert. Bei einer Blutabnahme wird der Kreislauf durcheinander gebracht, das geht besonders schnell bei dünnen Menschen. Aus Vorsorgegründen würden daher Personen unter einem gewissen Gewicht nicht für eine Blutspende zugelassen. Dieses Risiko will man lieber nicht eingehen. „Es tut uns leid“, sagt die Krankenschwester zum Abschluss.

Inzwischen haben sich im Wartesaal etwa sieben Personen eingefunden. Alle werden in den nächsten Stunden Blut spenden. Ich bin enttäuscht. Die Perspektive, drei Leben zu retten, entschwindet.

Mehr Bedarf in den Sommermonaten

„Es kommen immer Leute, die entweder vom Alter her nicht geeignet sind, oder sie erfüllen andere Kriterien nicht. Etwa ist der Blutdruck zu niedrig, oder sie wurden in den letzten Monaten operiert. Leider müssen wir täglich etwa 10 Prozent der Leute, die spenden wollen, abweisen“, sagt Dr. Lauren]ia Florea, Leiterin des Blutspendezentrums Kronstadt.

Durchschnittlich kommen 60 bis 70 Spender pro Tag, in den Sommermonaten weniger. Besonders im Sommer ist jedoch der Bedarf an Blut höher, da die Zahl der Verkehrsunfälle steigt. „Es gab große Probleme, es waren schwere Fälle, die große Blutmengen brauchten. Besonders die seltenen Blutgruppen wie  Null negativ oder B negativ werden in dieser Zeit dringend gebraucht“, meint Florea.

Interessierte können unter doneazasange.ro die Adressen der Blutspendezentren im Land nachsehen und dort anrufen.

Blutstammzellen spenden

Derselbe Tag, ein paar Stunden später. Ich sitze vor dem Rechner und gebe fünf Wörter in die Suchmaschine ein: „Wie kann ich Leben retten“. So komme ich auf die Internetseite der rumänischen Blutstammzellendatenbank, von deren Existenz ich bisher nichts gewusst habe. Wenn man Blutstammzellen spendet, kann man Leben retten. Besonders bei schweren Bluterkrankungen wie Läukemie ist die Transplantation von Stammzellen lebensnotwendig.

In Rumänien gibt es seit 2013 14 Stammzellen-Spendezentren. In Kronstadt funktioniert diese Institution in demselben Gebäude wie das Blutspendezentrum. Bloß wurde ich von der Krankenschwester nicht darüber informiert. Für die potenziellen Spender gibt es kein Mindestgewicht als Ausschlussfaktor.

Auch die Prozedur ist anders als bei der Blutspende. Wer sich als Spender registrieren lassen möchte, kann sich bei den Spenderdatenbanken informieren. Eine Übersicht der in Rumänien tätigen Datenbanken findet man im Internet unter www.registru-celule-stem.ro. Man muss online ein Formular ausfüllen und dann warten, bis der Anruf vom Personal des Spendezentrums kommt.

Weltweit 25 Millionen registrierte Spender

Inzwischen sind alle Stammzellen-Datenbanken weltweit verlinkt. Bis zu diesem Zeitpunkt existieren in der Welt etwa 25 Millionen Spender, gab Michael Boo, Präsident des „World Marrow Donor Association (WMDA)“(Internationaler Verein der Knochenmarkspender) im März 2015 bekannt. Nur wenn die Merkmale von transplantierten Zellen nahezu exakt mit denen des Empfängers übereinstimmen, kann eine Übertragung erfolgreich sein, andernfalls stößt der Körper des Erkrankten die fremden Zellen ab. Da es Millionen verschiedener Kombinationen dieser Merkmale gibt, ist eine große Anzahl an registrierten potentiellen Spendern nötig, um einen geeigneten Spender zu finden.

„Jeder einzelne, der sich registrieren lässt, erhöht die Chance für einen Patienten, den passenden Spender zu finden“, betonte Boo. Die internationale Organisation nimmt sich vor, jedes Jahr eine Million neue Registrierungen weltweit zu erreichen.

In der rumänischen Datenbank sind zu diesem Zeitpunkt etwa 21.000 Spender registriert, gab  Aurora Dragomiri{teanu, Direktorin des Nationalen Registers für Hämatopoetische Stammzellen (RNDVCSH), bekannt. Bisher wurden schon 56 Transplantationen von Blutstammzellen von Spendern, die nicht mit dem Patienten verwandt waren, durchgeführt. Allerdings stammte der Spender in nur zwei Fällen aus dem nationalen Register. Ebenfalls wurde auch einem Patienten aus einem anderen Land geholfen, der mit einem Spender aus Rumänien kompatibel war.

Die Zahlen sind klein, da die Wahrscheinlichkeit, dass jemand als Spender in Frage kommt, bei eins zu 20 Millionen liegt. Zuerst wird im Familienkreis nach einem passenden Spender gesucht. Dabei kommen meist die Geschwister in Frage. Trotzdem wird laut Dragomiri{teanu jede dritte Minute eine Person mit Leukämie diagnostiziert und hat keine Geschwister, mit denen sie kompatibel ist. Die Hoffnung liegt also in den Spendedatenbanken aus aller Welt.

„Es kostet nichts und tut auch nicht weh“

„Spende Hoffnung“ hieß die Kampagne, die voriges Jahr in mehreren Städten in Rumänien organisiert wurde, um die Leute über die Möglichkeit zu informieren, Spender zu werden. So hat auch die Bloggerin Ioana aus Jassy/Iaşi davon erfahren. Es hat nicht sehr lange gedauert, bis sie sich entschlossen hat, zum potentiellen Lebensretter zu werden. „Ich habe die Nummer auf der Webseite gewählt und angerufen. Am nächsten Morgen um neun Uhr wurde ich beim Spendezentrum in Jassy erwartet. Das Zentrum war schon seit mehr als einem Jahr eröffnet und bisher gab es nur 44 Personen, die in der Datenbank registriert waren. Die Zahl ist so niedrig, weil die Leute nicht ausreichend informiert sind. Es kostet nichts, Stammzellen zu spenden. Und tut auch nicht weh. Außerdem erhält man verschiedene kostenlose Analysen. Die Ärztin und die Krankenschwester haben mit mir ein ausführliches Gespräch geführt und alle meine Fragen beantwortet. Mir wurde Gelegenheit gegeben, eine endgültige Entscheidung zu treffen.Danach habe ich ein paar Formulare und einen medizinischen Fragebogen ausgefüllt“, erzählt Ioana auf ihrem Blog. Anschließend wurden ihr 15 Milliliter Blut für Tests abgenommen. Nach einer Woche erhielt sie per Post eine Spenderurkunde.  „Falls man in einer Woche, einem Monat, einem Jahr oder 10 Jahren einen leukämiekranken Patienten findet, der mit mir kompatibel ist, wird man mich anrufen, beraten und noch einmal fragen, ob ich sicher bin, dass ich helfen will“, schreibt Ioana.

Falls Ioanas Antwort positiv ist, wird ihr vor der Blutstammzellenentnahme fünf Tage lang ein Wachstumsfaktor verabreicht, der den Übergang von Blutstammzellen ins Blut ermöglicht. Anschließend wird ihr Blut in einem ständigen Kreislauf aus einer Armvene durch einen Zellseparator geleitet und über die andere Vene wieder zurückgeführt. Die Prozedur dauert etwa vier bis fünf Stunden. In dieser Zeit wird ihr ein ganzes Ärzteteam zur Verfügung stehen. Spenden können in Rumänien alle gesunden Personen im Alter zwischen 18 und 45 Jahren. Der Spender bleibt bis zu seinem 60. Lebensjahr in der Datenbank. Die Spender dürfen nicht an schweren Erkrankungen von Herz und Kreislauf, Lunge, Blut, Lymphsystem, Leber, Nieren oder anderen Organen leiden. Er sollte keine Stoffwechselerkrankungen oder Erkrankungen des Nervensystems haben. Ebenfalls darf er nicht an ansteckenden Krankheiten wie Malaria, Hepatitis oder Tuberkulose leiden oder mit HIV infiziert sein. Alle Informationen kann man unter www.registru-celule-stem.ro abrufen.

Ich habe mich entschlossen, Ioanas Beispiel zu folgen. Vielleicht werde ich in ein paar Jahren die Gelegenheit haben, ein Leben zu retten und der anonyme Held eines Menschen zu werden. Superman hat einen blauen Anzug und fliegt durch die Luft. Helden von heute sind ganz normale Menschen. Sie brauchen keine  Superkräfte, um anderen helfen zu können. Leben retten kann einfach sein.

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