Lebensweise aus Puzzleteilchen zusammenfügen

Zu Besuch auf einer archäologischen Ausgrabungsstätte

Samstag, 25. Juli 2015

Präzise abgesteckte Grabungsstätten für jeden der angehenden Archäologen.

Andre Gonciar (rechts) beim Überprüfen der Einstellungen des Bodenradars, zusammen mit dem Studenten, der das Gerät umgeschnallt hat.

Kommt auch vor: die freigelegte Stelle ist brüchig und könnte beschädigt werden. Da legt der Archäologe manchmal die Schutzschuhe ab und bewegt sich vorsichtig nur in Socken umher.

Pete Truch (links) entfernt gelöstes Erdreich, welches eingesammelt wird, um gesiebt zu werden. Funde vor Ort werden mit Beschriftung in Papiertüten gelegt (eine liegt im Vordergrund) und getrennt aufbewahrt.

Andre Gonciar (mit Hut und ausgebreiteten Armen) erteilt Anweisungen zu der Vorgehensweise an den Grabungsstätten.
Fotos: Hans Butmaloiu

Auch diesen Sommer werden die archäologischen Ausgrabungen in dem Militärlager Cumidava bei Rosenau/Râşnov neben Kronstadt/Braşov fortgesetzt. Und wieder sehen nach vorsichtigem, schichtweisem Abtragen des Erdreiches Fragmente von Tongefäßen, Mauerreste oder – wie voriges Jahr – kleine Statuetten das Tageslicht, nachdem sie jahrhundertelang vergraben waren. Alles beim Alten? Keinesfalls! Denn Dr. Stelian Coşuleţ, der selbstverständlich weiterhin die Forschungen leitet, erhielt für einen Monat Unterstützung im Rahmen einer vielversprechenden Projekterweiterung. Um näheres zu erfahren, verbrachten wir einen ganzen Tag auf der Ausgrabungsstätte und erfuhren dabei auch mehrere Lebensgeschichten, von denen zwei als Beispiele dienen sollen.

Leiter für archäologische Sommerlager

Andre Gonciar (44) ist der Gründer und Direktor des Archaeological Techniques and Research Center (ArchaeoTek – Canada) und gebürtiger Hermannstädter. Anfang der 80er Jahre ausgewandert, studierte er an der Hochschule von Ottawa Geschichte, angewandte  Geophysik an der Hochschule in Montpellier III in Frankreich und Anthropologie und Archäologie an der SUNY Buffalo Hochschule in den USA. Heute ist er hauptberuflich als „Feldarchäologe“ tätig: Er leitet vor Ort Ausgrabungen an den unterschiedlichsten Stätten, hauptsächlich in Form von Sommerschulen, an denen Studenten ihr Praktikum machen. Seit 2000 leitete er selbst mehr als 20 solcher Sommerschulen und Workshops bei Hermannstadt, Klausenburg und an anderen Standorten. Hunderte von Studenten konnten sich aus dem Standortangebot ein Interessensgebiet auswählen, sich bewerben, beteiligen und zum Abschluss die erlangten praktischen Kenntnisse bescheinigen lassen.
Dieses Jahr sind es 157 Studenten, unterschiedlicher Jahrgänge, die an neun Projekten Arbeiten, darunter auch die Gruppe, die zur Zeit die Teile des Cumidava Castrums freilegt, welche sich in unmittelbarer Nähe eines der vier Tore befinden. Nächstes Jahr sollen noch andere Projekte hinzukommen.

 Über seine Arbeit erzählte uns Andre Gonciar bereitwillig: „Ich bin nicht so sehr an der historischen Entwicklung und der zeitlichen Kontinuität der Siedlung interessiert. Diese an sich hat nur einen strengen Kontextwert, es ist bloß die Geschichte in ihrem Zeitrahmen. Punkt! An sich besagt so etwas nicht besonders viel über das bestimmte Zeitfenster hinaus. Was mich interessiert ist die Fähigkeit, die menschliche Anwesenheit vor Ort auswerten zu können: Wer lebte in diesem Raum? Wie lebte er in diesem Raum? Wie lebte man in dem inneren Raum? Wie in dem äußeren Raum? In welchem Verhältnis standen Innen und Außen zueinander? Um das in Erfahrung zu bringen, sind sehr viele technische Schritte notwendig. Was wir jetzt machen, ermöglicht uns, den Eigenwert dieses Raumes zu erkunden: Wo lief der Verkehr ab, wo saß man zu Tisch, welches war der Raum, den die Wohlhabenden belegten u.s.w. Laboruntersuchungen an Pollen und anderen Spuren erlauben uns Rückschlüsse auf die damals verzehrten Gemüsearten, anhand derer ein Zyklus der Jahreszeiten nachgestellt werden kann. Aufschluss darüber, wie in diesem Raum innerhalb eines Jahres gelebt wurde, geben auch Getreidekörner. Das meine ich nun im Sinne des effektiven Alltagslebens, des täglichen Ablaufs, und nicht im Sinne von historischen Zeitetappen von Ereignis zu Ereignis, vielleicht alle 50 Jahre.“

Um an diese Spuren heranzukommen - Spuren, welche sich auf dem Fußboden der Behausungen, in den Abfallgruben oder in Gefäßresten finden können, wie es die Fachliteratur lehrt - knien die Archäologen auf dem Boden, oft wörtlich „auf allen vieren“, um mit Spachtel, Bürste oder Pinsel Erdreich und Staub zu entfernen. Mühselig und gar nicht spektakulär. Und doch machen es viele in ihrem Urlaub und betrachten es sogar als entspannend.

Lebenslanges Hobby eines Rentners

Pete Truch, seit acht Jahren Rentner, macht dies schon ein Leben lang - und nach der Heirat zusammen mit seiner Gattin, die ihn an alle Standorte begleitet hat. Der IT Fachmann aus Calgary in der kanadischen Provinz Alberta erzählte uns strahlend von den Ausgrabungen, bei denen er mitgemacht hat und die ihn um die ganze Welt geführt haben. Jetzt ist er für sechs Wochen nach Rosenau gekommen und schwer begeistert. Da Truch als Jugendlicher mit diesem Hobby begonnen hat und ihm seit 50 Jahren treu geblieben ist, schlägt Andre Gonciar einen respektvollen Ton an, wenn er sagt: „Pete hat eine Erfahrung gesammelt, die ihresgleichen sucht“.

Mittlerweile ist Pete Truch selbst Archäologe, denn 1997 machte er ganz nebenbei auch sein „graduate“ in diesem Fach und stieg somit vom „erfahrenen Freiwilligen“ zum „zugelassenen Freiwilligen“ auf.
Noch eines muss hinzugefügt werden: Alle beteiligten Praktikanten bestreiten die Wochen, in denen sie arbeiten dürfen, aus eigener Tasche. „Wissen, Erfahrung und Kenntnisse sind eben Waren, die ihren Preis haben“ schlussfolgert Andre trocken.

Diese Einstellung fügt sich in eine modernere Auffassung ein, die er zu seinem ausgeübten Beruf hat, nämlich, dass die Archäologie nicht dazu dienen soll, „Beweise für schriftliche Quellen zu erbringen“, sondern selbstständig forschen soll, um die Lebensbedingungen und den Alltag vergangener Zeiten verständlich zu machen.

Dafür bedient er sich auch moderner Forschungsmittel wie Laboruntersuchungen oder Bodenradartechnologie: „Der Name ist irreführend, es handelt sich nicht um ein richtiges Radar. Das von uns eingesetzte Gerät sendet auf einer einstellbaren Breite eine Frequenz in bis etwa zwei Meter Tiefe und polarisiert dort alles, was sich in dem erfassten Raum befindet. Körper, welche größer als etwa 40 Zentimeter sind, werden erfasst, weil sie - einmal polarisiert - ein eigenes Signal aussenden und sich dadurch erkennbar machen. Wir loten nun nach einem Rastermuster das Areal aus und können dadurch eine Karte von dem, was sich im Erdreich befindet, erstellen.“

Zur Zeit ist ein großer Teil des Geländes schon auf diese Weise erforscht und die Erkenntnisse werden für die folgenden Ausgrabungen ausgewertet.

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