Lehrer stehen bei Nachhilfestunden oft vor dem leeren Saal

Eine Spritze für das marode Bildungswesen: EU-Gelder für Vorbereitung auf Evaluation und Abitur

Donnerstag, 08. Mai 2014

Abitur in der Temeswarer Lenauschule
Foto: Zoltán Pázmány

Die Situation des rumänischen Bildungswesens verschlechtert sich zunehmend. Und das mit offenem Eingeständnis des Bildungsministeriums: Die Lernergebnisse der Schüler fallen immer weiter ab, Disziplinlosigkeit und Absentismus, also das bewusste Krankfeiern und Schule schwänzen, gehören längst zum rumänischen Schulalltag. In diesem seit Jahren unterfinanzierten System wächst Unmut und Motivationslosigkeit der chronisch schlecht bezahlten Lehrer. Das traurige Gesicht der rumänischen Schule offenbarte sich nicht zuletzt durch die notwendig gewordenen strengeren Maßnahmen gegen die Bestechlichkeit von Lehrern sowie durch die nahezu landesweit bewiesenen Manipulationen der jährlichen Abiturprüfung. Katastrophale Ergebnisse der Abgangsschüler der 12. Klasse beim Abitur waren die Folge. Des Weiteren stehen berechtigte Fragezeichen hinter dem Hochschulwesen, gerieten doch etliche Unis in den Ruf, regelrechte Diplomfabriken zu sein.

Derzeit gibt es keine Anzeichen, dass sich etwas gebessert hat: Bei der vor Kurzem abgehaltenen Simulation der Landesevaluation für die Schüler der 8. Klasse erreichten nur 48,8 Prozent der Kandidaten eine Mittelnote über 5. Insgesamt beteiligten sich 187.886 Schüler, 66,95 Prozent gelang es im Fach Rumänische Sprache eine Note über 5 zu erreichen, im Fach Mathematik gar nur 30,4 Prozent. Die besten Ergebnisse wurden in Bukarest (64,21), die schlechtesten in den Kreisen Călăraşi (34,18), Karasch-Severin (36,28) und Dolj (37,95) erzielt. Die Schülerschaft des Kreises Temesch musste sich mit einer Mittelnote unter der Landesmittelnote zufrieden geben: Nur 45,5 Achtklässler erzielten hier Noten über 5, bei Rumänisch 64,3 Prozent (Landesplatz 15), bei Mathematik 27,1 (Landesplatz 25), beim Fach Muttersprache 69,1 Prozent. Die Mittelnote 10, längst zur Rarität geworden, erzielten nur vier Schüler aus dem Kreis Temesch, darunter nur einer  aus Temeswar.

Bei der ebenfalls abgehaltenen Simulation des Abiturs wurde im Kreis Temesch, wie erwartet, eine starke Interessenlosigkeit von Seiten der Schüler registriert: Eingeschrieben waren über 5000 Schüler der Abgangsklasse und nahezu 6000 Schüler der 11. Klasse. Trotzdem präsentierten sich 2000 Schüler aus den Klassen 11, 12 und 13 aus verschiedenen Gründen nicht zu dieser „Vorpremiere“, was kaum als gutes Vorzeichen für die Prüfung im Sommer gewertet werden kann. Remus Pricopie, ein sichtlich genervter und ratloser Bildungsminister, hegt wenig Hoffnungen auf eine spektakuläre Kehrtwende bis zum Stichtag im Sommer: „Das ist leider das Niveau der Vorbereitung und Mobilisierung der Schüler.“
Alle Verantwortlichen – Vertreter vom Verein EduCer und der Lehrergewerkschaft Spiru Haret – sind sich einig, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Erst die jahrelange Unterfinanzierung hätte zur misslichen Lage geführt, die fatalen Ergebnisse seien nun schlicht und einfach ein Spiegel der Verfasstheit des rumänischen Schulwesens.

Ein großer Hemmschuh: Das Desinteresse der Schüler

Das Temescher Kreisschulinspektorat versucht nun, nach dem Muster anderer Landeskreise (z. B. Gorj, Suceava), als Extremlösung gewissermaßen, mittels EU-Projekten Strukturgelder für Nachhilfestunden zu beschaffen. Ob auch die Schüler davon begeistert sein werden, ist fraglich. Die einzigen, die wohl Interesse dafür aufbringen können, sind die Lehrer. Ein Teil der durchwegs unterbezahlten Lehrer (viele haben derzeit noch Nebenjobs, um mit ihren Familien über die Runden zu kommen) hat ja auch bisher derartige Nachhilfestunden, entweder privat oder in den eigenen Schulen, als sogenannte „patriotische Arbeit“, also ehrenamtlich, abgehalten. Ein großes Hurra wird es bestimmt nicht geben, doch ein zusätzliches Geld wird alle freuen. Das Temescher Kreisschulinspektorat beantragte in Partnerschaft mit dem Kreisschulinspektorat Mehedinţi EU-Mittel im Gesamtwert von über 12 Millionen Lei, womit die von ausgewählten Lehrern abgehaltenen Nachhilfestunden (unentgeltlich für Schüler der 8. und 12. Klasse aus den Schulen beider Kreise) bezahlt werden sollen.

Laut dem Temescher Generalschulinspektor Cornel Petroman werden diese Nachhilfestunden in insgesamt 50 Temescher und 70 Schulen aus dem Kreis Mehedin]i, sowohl aus den Städten als auch vom Lande, abgehalten. Ein erstes Projekt im Wert von 6,5 Millionen Lei soll in einer Zeitspanne von 18 Monaten abgewickelt werden und eine zusätzliche Vorbereitung für das erfolgreiche Bestehen der Landessimulation sichern. Im ersten Jahr werden in je 20 Schulen der beiden Landeskreise Kurse abgehalten, im zweiten Jahr in je 33 Schulen. Ein zweites Projekt im Gesamtwert von 6,5 Millionen Lei betrifft die Nachhilfestunden für die Vorbereitung der Zwölftklässler. Vorgesehen ist diese Maßnahme für 4200 Schüler der 12. Klasse. Die Auswahl der Lehrer wie auch der Schulen steht noch aus. Die Nachhilfestunden sollen vor allem an Wochenenden, ein Teil jedoch auch unter der Woche abgehalten werden.

Die Ankündigung dieser Maßnahmen, die vielleicht schon zu spät kommen, muss als positiv gewertet werden, obwohl hierzulande, aufgrund eingefleischter Bürokratie und allgemeiner Trägheit im Schulwesen, die Praxis stets der Theorie hinterherhinkt. Dass man es sich seit dem EU-Beitritt Rumäniens in Sachen EU-Projekte, von der Beantragung bis zur Durchführung, äußerst schwer gemacht hat, ist kein Geheimnis. Wie sollte es da bei den genannten Projekten, die eigentlich Dringlichkeitscharakter besitzen, anders, schneller oder wenigstens  termingerecht ausgehen? Andererseits: Warum sollte nicht jede zusätzliche Anstrengung für dieses vitale Vorhaben, das so wichtig für die Zukunft der jungen Generation ist, eine Chance erhalten? Schließlich  wurden EU-Gelder für alle möglichen Nutzungen, für sinnvolle aber auch für unsinnige, sogar für Straußenzucht, Schnecken- und Krebszucht, für Geisterparks oder Strandbäder im Niemandsland, beantragt. Laut Vertretern des Temescher Kreisschulinspektorats sind diese Projekte bereits genehmigt, aber der schwierige Teil der Methodologie wie auch der schwierigste Part, die Durchführung, stehen noch aus. Starke Befürwortung und Unterstützung für diese Projekte gibt es im Parlament von etlichen Abgeordneten.

Es wird sich zeigen, ob die Schüler und deren Eltern ein Interesse für zusätzliche Nachhilfestunden aufbringen werden. Nimmt zwar ein Teil der Abgangsschüler, insbesondere jene, die fest mit einem  Hochschulstudium rechnen, privaten Nachhilfeunterricht, so macht sich gleichzeitig ein Großteil der Schülerschaft kaum etwas daraus. Die zunehmende Interessenlosigkeit der künftigen Prüfungskandidaten rührt von der schlechten schulischen Vorbereitung her, von den enormen Kenntnislücken der Vorjahre, also Lernrückständen, die bis in die Grundschule zurückreichen. Sie zeigt sich Jahr für Jahr durch das Fernbleiben der Schüler bei unentgeltlichen Nach-hilfestunden in verschiedensten Prüfungsfächern. Der gleiche Absentismus zeigte sich auch an mehreren Fakultäten der West-Uni Temeswar, als bei unentgeltlich abgebotenen Nachhilfestunden viele angehende Studenten fehlten, darunter manche, die das vorangegangene Abitur gar nicht erst bestanden hatten. So veranstalteten Hochschullehrer der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften Nachhilfestunden in Mathematik, Informatik und Wirtschaftswissenschaften. In den ersten Tagen wurden 20 Schüler bei Mathematik, je zwei bei Informatik und Wirtschaftswissenschaften gezählt, nach einigen Tagen standen die Lehrer dann verblüfft vor dem leeren Saal.

Kommentare zu diesem Artikel

Alexander, 11.05 2014, 20:43
Schnelle Lösungen mit Geld ist Flickschusterei - mehr nicht. Das gesamte Bildungssystem gehört grundlegend erneuert. Schüler, die in 30 Unterrichtsstunden überfordert sind, bekommt man auch nicht mit 2 zusätzlichen Nachhilfestunden dazu, den undifferenzierten Leistungsanforderungen gerecht zu werden. In Deutschland werden Hauptschüler auch nicht mal eben zu Abiturienten. In Deutschland können diese Hauptschüler jedoch im Dualen Ausbildungssystem eine hohe berufliche Qualifikation erreichen. In Rumänien denkt man, 90% der Schüler müssten Abitur machen und die Fakultät besuchen - das alte Denken ist eben noch immer in den Köpfen: Die Realität interessiert nicht; nur die Fassade zählt. Mehr als 50% der Schüler stehen nun jedes Jahr ohne Abschluss da, weil ihnen schlicht keine Bildungsalternativen geboten werden. Die Ergenisse der Bildungspolitik spiegeln die Arbeit der Volksvertreter wider.

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