Leinwandgeschichten auf Tournee

Das Wanderkino aus Leipzig gastierte in Kronstadt

Donnerstag, 08. Oktober 2015

Der Oldtimer Magirus Deutz transportiert das Wanderkino seit 2002 durch ganz Europa

Die Vorstellungen des Wanderkinos finden zu 90% unter freiem Himmel statt
/ Foto: Wanderkino Leipzig

Ein kalter Abend Ende September. Es regnet in Strömen. In einem kleinen Saal drängen sich etwa 60 Leute. Sie sitzen auf Stühlen oder stehen, Regenschirme in den Händen. Ab und zu dringt kalte Luft in den Saal. Die Tür öffnet sich, immer mehr Leute wollen hinein kommen. Alle blicken gespannt auf eine Leinwand. Dort spielen sich stumme Geschichten in Schwarz-Weiss ab.  Direkt neben der Leinwand spielen zwei Musiker Piano und Violine. Nach jedem Kurzfilm wird das Duo mit Applaus belohnt. Ist das noch möglich, im Zeitalter des Internets, wenn man es vorzieht, die Filme aus dem Netz herunterzuladen und auf dem Laptop zu sehen? Kann eine stumme Schwarz-Weiss-Geschichte noch auf Interesse stoßen?

Früher war ein Film ein richtiges Ereignis. Man zog sich elegant an und wartete, dass das Wanderkino ins Dorf kommt. In den Filmen gab es keinen richtigen Dialog und keine Spezialeffekte. Trotzdem schaute man sie mit angehaltenem Atem. Damals gab es die Unterhaltungsmöglichkeiten von heute nicht. Und trotzdem kann ein Stummfilm, der von Livemusik begleitet wird auch heute, im Jahr 2015, ein spannendes Erlebnis sein. Das haben die beiden Künstler des Leipziger Wanderkinos, Gunthard Stephan und Tobias Rank bewiesen. Sie folgten der Einladung des Deutschen Kulturzentrums Kronstadt und hielten auf ihrer ersten Rumänien-Tournee auch in der Stadt unter der Zinne an. Trotz schlechtem Wetter- die Vorstellung hätte eigentlich auf dem Marktplatz, unter freiem Himmel stattfinden sollen- hatte man auch in der kleinen Europa-Galerie auf der Klostergasse Str. Muresenilor großen Spaß.

Filme von 1914 bis in die Gegenwart

In Kronstadt zeigte das Wanderkino 5 Kurzfilme: „Die verrückte Welt von Mack Sennett“ (1914), „Madame Beudets sonniges Lächeln “ (1922), „Krieg und Frieden“ (2012), „Vormittagsspuk“ (1927) und „Flitterwochen im Fertighaus“ (1920). Diese wurden von Gunthard Stephan (Violine) und Tobias Rank (Piano) musikalisch begleitet, wobei die Musik für eine ganz besondere Atmosphäre sorgte. Alle Filme erzählten spannende Geschichten. Manche sind ernst, manche lustig und andere experimentell. Die Zuschauer hatten Einblick in den Alltag der Madame Beudet, die mit ihrem Mann, einem Tuchhändler, in der franzöischen Provinz ein eintöniges Leben führt und sich in Tagträumereien flüchtet. Oder in die lustige Geschichte des Bräutigams Buster und dessen Braut Sybil, die ein noch verpacktes Haus zum Selbstbauen als Hochzeitsgeschenk erhalten. Angeblich soll man das Haus ohne Handwerker in einer Woche errichten können. Das Paar ahnt nichts Böses beim Geschenk, doch hinter der Sache steckt Busters eifersüchtiger Liebesrivale, der beim Kampf um die Hand von Sybil verloren hatte. Dieser sorgt dafür, dass die Reihenfolge der Baupläne durcheinanderkommt. Bei jedem einzelnen Film sorgte die Livemusik für eine besondere Atmosphäre.

Zwei Musiker und ein Feuerwehrauto

Die Geschichte des Leipziger Wanderkinos fing im Sommer des Jahres 1999 an. „Wir haben gedacht: ‘Was machen wir im Sommer?’ Gunthard hatte ein älteres Fahrzeug, und so kamen wir auf die Idee, durch ganz Deutschland zu fahren und Stummfilme zu zeigen, die wir selbst musikalisch untermalen. Wir hatten 15 Auftritte”, erinnert sich Tobias Rank. Aus einem Projekt, das nur für einen Sommer gedacht wurde, entstand inzwischen eine Lebensweise, die aus keinem Sommer der beiden studierten Musiker  wegzudenken ist. 2002 schafften sich die beiden ein neues Fahrzeug an, den Oldtimer Magirus Deutz (Baujahr 1969), der als Gerätewagen der Feuerwehr in Töging am Inn gedient hatte.

Magirus führte sie bisher durch ganz Deutschland und nach Frankreich, Slowenien, Polen, Litauen, Tschechien, Schweden, Italien, Dänemark und in die Schweiz. Nach Rumänien kam das Wanderkino zum ersten Mal. Tobias selbst hatte das Land seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. „Ein Teil meiner Verwandtschaft stammt aus Weidenbach und früher war ich öfter hier. Ich habe immer gesagt, dass Rumänien mein Lieblingsland ist. Und jetzt, nach 25 Jahren, bin ich nicht enttäuscht. Es hat sich natürlich vieles geändert, aber die schönen Landschaften sind immer noch da“. Das Wanderkino tourt hauptsächlich im Sommer, von Mai bis September, wenn die Temperaturen es möglich machen, die Filmvorstellungen unter freiem Himmel zu organisieren. Im Repertoire des Wanderkinos sind über 100 Filme. Die Filme werden immer live mit Violine und Piano begleitet. „Die Musik dazu erfinden wir am Abend der Vorstellung. Es wäre viel zu kompliziert, Noten mitzubringen und nach ihnen zu spielen“, sagt Tobias Rank.

Atmosphäre erinnert an Pionierzeiten des Kinos

Das Feuerwehrauto integriert die gesamte Kino-, Ton- und Lichttechnik, transportiert die Stühle und die Instrumente. Jeder Ort -  ob der Garten eines Hauses, ein Feld oder ein Marktplatz in der Mitte einer Stadt - kann  in ein Open-Air-Kino verwandelt werden. Durch die Atmosphäre, die dabei geschaffen wird, wird an die Pionierzeiten des Kinos erinnert. Im Freien werden die Filme auf einer Leinwand gezeigt, die 4 Meter breit und 2,8 Meter hoch ist. Diese wird an eine Seite des Fahrzeuges angebracht. Insbesondere im ländlichen Raum oder in Ortschaften, wo es keine Kinos mehr gibt, kommt das Wanderkino gerne. „Wir suchen uns gerne Plätze aus, wo man normaler-weise keine Filme zeigt“, meint Tobias. Dabei wird die konventionelle Filmvorführtechnik benutzt und bewahrt. Es wird hauptsächlich im 16 mm Format projiziert. Die Aufführungen sind für maximal 400 Zuschauer gedacht.

Es werden Filme unterschiedlicher Genres gezeigt- von Slapstick-Komödien über Monumentalfilme bis hin zu Avantgarde- und Experimentalfilmen. Das Programm erstellen die beiden Künstler zusammen mit den Organisatoren der Veranstaltung. „Kein Abend gleicht dem anderen. Wir entscheiden im Voraus, ob wir mehrt lustigere Filme zeigen, oder mehr anspruchsvolle. In Kronstadt waren die Filme seriöser, aber es gibt auch Abende, wo mehr gelacht wird“, meinen die Künstler. Das Publikum hat immer positiv reagiert und bewiesen, dass Stummfilme mit Livemusik keinesfalls altmodisch sind, sondern gerade im Internet-Zeitalter ein fulminantes Come Back feiern. „Das Schöne ist, dass unser Publikum so gemischt ist. Man erreicht einfach alle Alterskategorien- ältere Leute erinnern sich vielleicht an ihre Kindheit, aber auch ganz junge Leute finden es cool. Man hat diese Art und Weise, Filme zu zeigen, wieder entdeckt“, meint  Gunthard Stephan.

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