LENAU-ABSOLVENTEN: JAHRE SPÄTER

Thea Zîncă ist Richterin in Karansebesch

Mittwoch, 22. Februar 2017

Thea Zîncă hat die deutsche Nikolaus-Lenau-Schule im Jahr 2002 abgeschlossen. In ihrem Beruf benutzt sie nur selten die deutsche Sprache, vor allem dann, wenn sie mit Gerichten aus deutschsprachigen Ländern kommunizieren muss.
Foto: Zoltán Pázmány

Eine schmale Tür führt in den Innenhof des Gerichtshofs Karansebesch, links gibt es eine Treppe bis in den ersten Stock des Gebäudes. Thea Zîncă wartet am Eingang auf uns, denn Gendarm und Wächter würden uns gewiss nicht einfach so hineinlassen. Sie lädt uns in ihr Büro ein, welches sie mit einer anderen Kollegin teilt. Wer Thea Zîncă zum ersten Mal trifft, der kann bestimmt nicht erraten, welchen Beruf die 33-jährige Nikolaus-Lenau-Absolventin ausübt. Die sympathische junge Frau ist nämlich Richterin – und widmet sich ihrem Job mit sehr viel Leidenschaft.

„Ich wollte ursprünglich Ärztin werden, doch während meiner Zeit im Lyzeum konnte ich feststellen, dass ich kein Blut sehen kann“, erinnert sich Thea Zîncă lächelnd. Die ersten vier Schulklassen verbrachte sie in ihrer Heimatortschaft Schag, unweit von Temeswar, ab der fünften Klasse wechselte sie zur Nikolaus-Lenau-Schule nach Temeswar. „Meine Eltern wollten, dass meine Schwester und ich eine schöne und sorgenlose Kindheit in Schag verbringen“, sagt Thea Zîncă, die aus einer deutsch-rumänischen Familie stammt. Zu Hause sprach sie deutsch mit ihrer Oma und mit ihrer Mutter. In ihrer Familie gibt es keine Juristen – ihre Mutter ist Englisch-, ihr Vater Mathematiklehrer. In der neunten Klasse ging sie zur Naturwissenschaften-Klasse. Physik, Chemie, Biologie – das waren alles Fächer, die Thea damals besonders mochte. Chemielehrerin Codruţa Petraşcu und Physiklehrerin Helene Wolf gehörten, neben anderen Unterrichtenden, zu ihren Lieblingslehrern damals. „Die Zeit an der Lenau-Schule hat mich in positivem Sinne geprägt. Ich habe da eine gute Allgemeinbildung genossen“, sagt Thea Zîncă. Nachdem klar war, dass sie nicht Medizin studieren würde, fiel die Entscheidung auf Jura.

Nach Abschluss der Lenau-Schule studierte sie Rechtswissenschaften an der West-Universität in Temeswar. „Mir wurde von Anfang an klar, dass ich keine Anwältin werden will. Richterin war die einzige Option für einen so korrekten Menschen wie ich es bin“, sagt Thea Zîncă. Dass fünf Jahre davor niemand aus Temeswar einen Richterposten bekommen hatte, das ließ sie nicht davor abschrecken, die Aufnahmeprüfung am Nationalen Institut zur Ausbildung von Richtern und Staatsanwälten abzulegen. „Es war eine sehr schwere Prüfung. Über 3000 Kandidaten haben um 180 Plätze gekämpft“, sagt Thea Zîncă, die es natürlich auch unter die ersten 180 schaffte. „Ich fühlte mich einfach vorbereitet. Es ist klar: Wenn du diesen Beruf nicht liebst, schaffst du es auch nicht, Richter zu werden“, sagt sie. Gerade deswegen findet sie es Schade, wenn Menschen so schlecht über die rumänische Justiz reden. „Ich bin überzeugt, dass alle Richter ihren Job mit viel Hingabe ausüben, dass sie wirklich darum bemüht sind, die korrekten Urteile zu fällen. Wenn keine Leidenschaft dabei ist, schafft man es überhaupt nicht in dieses Amt“, sagt Thea Zîncă.

So kam es, dass sie 2008 nach Karansebesch übersiedelte – im ersten Jahr als Richterauszubildende, ein Jahr später schon als Vollrichterin. „Es war natürlich nicht leicht am Anfang. Aber ich habe hier sehr nette Kolleginnen, die mir alle Fragen beantwortet haben. Jetzt beraten wir uns gegenseitig“, sagt Thea Zîncă. Meist sind die Richter auf Zivil- bzw. Strafrecht spezialisiert – doch in Karansebesch muss sie beides bewältigen. „Der Job gefällt mir, insofern ich mich nie langweile. Jede Situation ist anders“, sagt sie.

Dass Thea Zîncă ihren Job mit viel Hingabe ausübt, das zeigt unter anderem die Tatsache, dass sie, sooft wie möglich, auf Terrain geht. „Ich sitze nicht nur im Gerichtssaal und warte, dass die Leute zu mir kommen, sondern begebe mich an Ort und Stelle, um mich zu überzeugen, dass das, was die Menschen sagen, auch stimmt“, erklärt sie. Die Genugtuung, einen Fall gerecht gelöst zu haben, spürt nur der Richter selbst. „Es gibt immer auch die Unzufriedenen. Aber ich hoffe, dass auch der Unzufriedene eines Tages einsehen wird, dass er in diesem Fall nicht recht gehabt hat“, sagt sie. Dass sie sich als Frau in einer männerdominierten Welt benachteiligt gefühlt habe, das weist Thea Zîncă von der Hand. „Eher, weil ich sehr jung war, als ich hier angefangen habe – ich war ja erst 25, als ich das Amt in Karansebesch antrat. Aber ich habe mich natürlich nicht einschüchtern lassen“, fügt sie hinzu.

Thea Zîncă ist über die Woche in Karansebesch, wo ihr nur wenig Freizeit zur Verfügung steht. „Der Arbeitstag dauert bis zu zehn Stunden, es gibt Sitzungen mit 70 Verfahren, leicht ist es nicht. Aber es macht Spaß“, betont sie. Am Wochenende fährt sie nach Temeswar, wo sie schwimmen oder Volleyball spielen geht, und wo sie einen Malkreis besucht. Alle Bilder, die in dem Büro im Gerichtshof Karansebesch an der Wand hängen, tragen ihre Unterschrift. „In Bukarest und in den ersten Jahren in Karansebesch war ich überhaupt nicht mehr künstlerisch tätig, sondern habe mich voll und ganz auf meinen Beruf konzentriert“, sagt sie. „Es gibt kaum einen Beruf, wo die Verantwortung so groß ist. Man hat praktisch das Schicksal der Menschen in seinen Händen“, fügt sie hinzu.

 

 

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