Lernen um zu Haben

Eine Leseempfehlung

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Eines der schlimmsten, aber wahrsten – weil mentalitätsgebundenen - Sprichwörter des Rumänischen ist “Ai carte, ai parte“. Frei übersetzt: „Hast du gelernt, nimmst du teil“, oder, realitätsnäher „...nimmst du dir deinen Teil“. Dass man mit einem solchen Sprichwort die Kinder zum Lernen anhält, ohne ihnen den historischen Kontext klar darzustellen, in welchem eine solche Aussage als Sprichtwort verdichtet wurde, das ist eine Hinterlistigkeit der Erziehung hierzulande.

In der Staatswerdung Rumäniens hat es Momente gegeben, wo die Minimalbedingung für Staatsämter – und damit fürs Leben ausgesorgt zu haben – von der Einschulung abhing: beim Übergang vom Phanariotentum zu naturalisierten Herrschern aus einheimischem Reservoir, bei der Bildung des Königreichs der Donaufürstentümer, nach 1918 und dem Frieden von Trianon, nach der Machtübernahme der Kommunisten, nach der Wende von 1989. Minimalbedingung des „Carte“ für die „Parte“-Teilhabe war in diesen historischen Augenblicken nie Moral und Charakter, Wissen und Bildung, Fähigkeiten und Talente, sondern einzig und allein ein Diplom, das den Schulbesuch attestierte – mit der Zeit etwas immer käuflicheres (denken wir nur an den alljährlichen Zirkus mit der Bakkalaureatsprüfung und, immer öfter, an die korrupten Hochschullehrer, deren Verhaftung, zögerlich, vorankommt).

Das Reservoir für Staatsdiener war in Rumänien nie sehr umfangreich – Minimalvoraussetzung „Carte“ (gebietsweise = Diplom). Analphabeten durften sie nicht sein. Wie die Minimalvoraussetzung gehandhabt wurde, ist uns weitgehend unbekannt. Glaubhaften Schätzungen zufolge haben die Historiker Rumäniens bis heute nur etwa 10 Prozent der vorhandenen Archivdokumente studiert – schreiben aber kiloweise Bücher über die „nationale Geschichte“. Bücher aus Büchern. Nicht aus Dokumenten.

Das Thema ist peinlich. Mit anderen Büchern dazu kommt man bestimmt nicht in die finanz- und privilegiengepolsterten Sessel der Rumänischen Akademie der Wisenschaften. Auch nicht in die Lehrbücher für Geschichte kommen solche Erkenntnisse nicht, so wahr sie sind (man vergegenwärtige sich, wie „sie“ den Nationalmythen zertrümmernden Lucian Boia als Hochschullehrer marginalisierten).

„Carte“ also, Lernen, nicht zur Bildung. Um zu haben. Die Schule wurde ab dem 19. Jahrhundert zum Hauptinstrument für soziales Emporkommen. Nicht der Bildung. An den Folgen würgt Rumänien noch heute. Die Parvenüs aufgrund von Diplomen, die seit fünf-sechs Generationen als Staatsdiener und –spitzen dieses Land führen, sind bar jeder Bildung, aber voll in Netzwerken – Familien, Parteien, Vereinen – eingebunden.

Zum Thema ist jüngst bei „Humanitas“ (Reihe „Societate şi civilizţie“) das Buch einer Forscherin erschienen, die etwas von Archiven und Dokumenten versteht: „Evgheniţi, ciocoi, mojici. Despre obrazele primei modernităţi româneşti. 1750-1860“, von Constanţa Vintilă-Ghiţulescu. Schwer (wegen der Originalzitate in einem anfangs nahezu unverständlichen Rumänisch), aber profitabel zu lesen. Wenn man die andere „Carte“ haben will.[1]

 


[1] Die Autorin zitiert Fürst Grigore Alexandru Ghica: „Zu meiner Schade muss ich zugeben, in den sechs Jahren, da ich die Moldau regiert habe, zahlreiche Ungerechtigkeiten und Gesetzwidrigkeiten begangen zu haben. Aber  was konnte ich denn tun, wenn ich verwandt oder befreundet war mit allen Bojaren? Wie konnte ich meinen Cousin nicht zum Minister machen, Kanzler meinen Mitvater, Hofmarschall und Außenminister meinen Sohn, Vorsitzenden des Diwans meinen Schwager, Bezirkshauptleute Neffen und Freunde, Aufseher und Polizisten, deren Leute. Und begingen die Ungerechtigkeiten, konnte ich sie mit anderen Ersetzen, also immer gerecht sein? Ersetzte ich sie, dann mit solchen, die waren wie sie, denn ich konnte einfach niemand Gerechten einsetzen...“

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