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Ehemaliger NBZ-Redakteur Josef Georg Pommersheim wird in Karlsruhe 80

Sonntag, 13. April 2014

Josef Georg Pommersheim als Redakteur der Temeswarer NBZ im Jahre 1976. Foto: privat

Blick in einen alten Temeswarer Klostergang, wie er heute nicht mehr zu sehen ist, festgehalten von Josef Pommersheim. Sein Film- und Fotoarchiv hatte er bei der Ausreise 1990 der NBZ überlassen, wo es gelandet ist, weiß er nicht.

Knapp über zwei Jahrzehnte ist in Temeswar die „Neue Banater Zeitung“ erschienen. Wie wichtig diese Tageszeitung für die Banater Deutschen in der Nachkriegszeit war, ihre Ausstrahlung, die Nachwirkungen sind noch zu untersuchen. Was bisher über das Blatt veröffentlicht wurde, war durchwegs nur Teilbereichen gewidmet oder beispielsweise in Verbindung mit Chefredakteur Nikolaus Berwanger (Tagung in München, Magisterarbeit an der Uni Wien) bzw. den damals jungen Autoren der sogenannten Aktionsgruppe oder dem Adam Müller-Guttenbrunn-Literaturkreis. Die Zeitung wird dabei am Rande behandelt. Inzwischen sind wieder über zwei Jahrzehnte vergangen seit es die NBZ nicht mehr gibt und die damaligen hauptamtlichen Redakteure sind älter bzw. weniger geworden. Sie zu befragen, wäre daher ein dringendes Anliegen.

Zu den langjährigsten und bekanntesten Mitarbeitern der Tageszeitung zählte Josef Georg Pommersheim, der am 24. April in Karlsruhe 80 wird. Pommersheim wurde 1934 in Neu-Arad als ältester von drei Söhnen der Familie geboren. Sein beruflicher Werdegang war vorerst vom Kriegsgeschehen und den Kriegsfolgen für die banatdeutsche Gemeinschaft bestimmt. Naheliegend war es für den Schmied-Sohn aus der „Kasern-Gass“ den Beruf eines Mechanikers zu erlernen. Als sich neue Möglichkeiten boten, es für die deutsche Minderheit in Rumänien wieder mehr Hoffnungen (auch Illusionen) gab, bildete sich der aufgeschlossene Jugendliche zum Warenkundler weiter und von dieser Ebene ging es dann (auch über Mitgliedschaft in der Partei) bis zum Abschluss seines Studiums an der Bukarester Akademie für Wirtschaftswissenschaften. (Ausführlichere Angaben zum Bildungs- und Berufsweg im Biographischen Lexikon Banatdeutscher Persönlichkeiten von Dr. Anton Peter Petri, 1992, Spalten 1483-1484).

Neben Absolventen der Germanistik und der Agronomie suchte sich der damals junge Chefredakteur der „Neuen Banater Zeitung“, Nikolaus Berwanger (ab 1969 in diesem Amt, im April d. J. waren es 25 Jahre seit seinem plötzlichen Tod in Deutschland), auch für Wirtschaftsfragen Fachredakteure. Einer der ersten unter diesen war von 1972 an und bis knapp vor dem Ende der Tageszeitung Josef Pommersheim.

Zu seinem Arbeitsgebiet gehörten unter anderen oft die weniger „angenehmen“ Auftragbereiche Wirtschaft, Innenpolitik und „Parteileben“. Dazu lesbare und sinnvolle Beiträge zu bringen, war vom Thema, aber auch von den Fakten und der allgemein bekannten Verlogenheit der offiziellen Angaben und Statistiken her nicht einfach. Dass diese Sparte zudem nur von wenigen gelesen wurde, wussten alle. Sie brachten den Autoren nur wenig Genugtuung. Da war ihm die redaktionelle Betreuung der Sonderseiten für Arad und Umgebung (nach der Aussiedlung des Arader Lokalredakteurs Ferdinand Hayer) bzw. lange Zeit der Sonderseite für Reschitza und Kreis Karasch-Severin natürlich viel lieber. Beide gehörten zu den großen periodischen regionalen Beilagen der NBZ, lange Zeit mit jeweils vier Seiten. Hier konnte er mehr dazu beitragen „seine“ Zeitung, mit der er voll verbunden war, lesenswerter und abwechslungsreicher zu gestalten.

Ein weiterer Arbeitsbereich, den es unter allen damaligen Banater Lokalzeitungen nur bei der NBZ gab, und der ihm sehr am Herzen lag infolge der sozialen Komponente, waren die unentgeltlichen Renten- und Rechtsberatungen in der Redaktion, die eine Zeit von Josef Petzak und dann bis zur Einstellung nach der Wende von Pommersheim betreut und auch journalistisch ausgewertet wurden. Ehrenamtlich machten dies auch die professionellen Berater, die Anwälte Dr. Josef Heim, Dr. Elmar Bösz, Dr. Dagmar Böss und Josef Bachusz (Hatzfelder) sowie Inspektor Hans Lauer (Sackelhausen), Ilie Icleanu u. a. vom Temeswarer Sozial- und Rentenamt. Die Beratungen waren für Leute, die sich keinen Anwalt leisten konnten oder wollten bzw. einen voll vertrauenswürdigen, möglichst deutsch sprechenden Berater suchten, sehr wichtig. Tausende Landsleute nahmen über die Jahre hindurch diese wöchentlichen nachmittäglichen Beratungen jeweils Dienstag in Anspruch.

Sie waren zugleich ein wichtiges Werbezugpferd für die Zeitung, ein Bereich, in dem sich Pommersheim (wie fast alle Redakteure, denn Leserwerbung war ständiger Auftrag für alle) große Verdienste erwarb. Ebenso konnte er die Auflage steigern helfen durch seine gute Zusammenarbeit mit der Post und dem Zeitungsvertrieb, damals (wie heute in Rumänien immer noch) ein schwieriger Dienstleistungsbereich, weil er eine gute Organisation erfordert. Durch seine offene Art konnte er wichtige unmittelbare Kontakte zu den Lesern, dem Vertrieb und vielen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens pflegen.

Dass dabei nicht nur der berufliche, sondern auch viel ehrenamtlicher Einsatz erforderlich war, galt für Pommersheim als Selbstverständlichkeit. Seppi, wie ihn die meisten Kollegen gerne nannten, fühlte sich vor allem im Dienst seiner Gemeinschaft, als Interessensvertreter seiner Landsleute, und nicht als Ausführer von Weisungen. Derart hat er wesentlich beigetragen, dass diese Zeitung über zwei Jahrzehnte gewissermaßen eine Art Abbildung der Beschäftigungen und Auseinandersetzungen der Banater und rumäniendeutschen Gemeinschaft wurde. Er hat für das Ansehen der Zeitung in der Banater Öffentlichkeit sehr engagiert, überzeugend und vertrauensvoll gewirkt wie auch für die Pflege und den Erhalt der Kultur und Geschichte seiner Landsleute. Der Redakteur nahm seine Arbeit gewissenhaft, verantwortungsvoll und mit Fleiß wahr, galt bei allen als zuverlässiger, netter, humorvoller und ausgeglichener Kollege, eine Stütze in der Redaktion. Die Stimme einer Ex-Kollegin: „Ein liebenswerter, netter, respektvoller und zuvorkommender Kollege“.

Als guter Fotograf gab er etlichen jüngeren Kollegen das Technische dazu weiter. Das verschonte ihn nicht – wie einige andere Kolleginnen und Kollegen vorher –, dass er noch kurz vor der Wende die bittere Erfahrung machen musste, fristlos entlassen zu werden nachdem er mit seiner Familie den Ausreiseantrag nach Deutschland gestellt hatte. Mit Heimarbeit versuchte er als Alleinverdiener die Familie zu versorgen, weil keiner wusste, wie lange das Warten dauert und keiner ahnte, wie nahe das Ende der Diktatur war. Eine kleine Wiedergutmachung erfolgte gleich nach der Wende: Bis zur Ausreise im April 1990 wurde Pommersheim von der Schriftleitung wieder eingestellt, weil die Entscheidung zur Entlassung nicht von der Redaktion gekommen war, sondern vom Träger (Herausgeber) der Zeitung.

Josef Pommersheim war mit der Lehrerin Hedwig Eisele verheiratet (nach langem Leiden 2001 verstorben), Tochter des Saderlacher Lehrers und Volkskundlers Andreas Eisele. Ihre zwei Kinder, die in Temeswar die Lenau-Schule besuchten und studierten, üben in Deutschland erfolgreich ihre Berufe aus, Arntraud zurzeit als Fachärztin mit Praxis für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Karlsruhe, und Dr. Rainer Pommersheim (Jahrgang 1962) als forschender Chemiei ngenieur (Promotion in Mainz) mit inzwischen einem Dutzend patentierter Erfindungen.

Der mittlere Bruder des Jubilars, Georg Pommersheim, ein Jahr jünger, 1935 in Neu-Arad geboren, war Lehrer in Lenauheim, Kulturheimdirektor in Glogowatz, danach wieder Lehrer in Neupanat, zuletzt bis 1982 Lehrer in Kleinsanktnikolaus. Im Jahre 1982 ist er mit seiner Familie nach Heilbronn ausgesiedelt, dort hat er als Lehrer, dann in der Stadtbücherei und im Archiv gearbeitet. Er ist 2010 verstorben. Der „kleinste“ Bruder Alfred war 10 Jahre jünger. Der später bekannte Wissenschaftler wirkte bis zu seinem plötzlichen Tod 2009 in Temeswar als Professor an der Technischen Hochschule.

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