LESERBRIEF: Es bedarf des gegenseitigen Respekts

Zu dem Artikel „arme“ und reiche rumänische EU-Parlamentarier

Mittwoch, 21. März 2012

Symbolfoto: sxc.hu

In einem Artikel unter der Rubrik Meinung und Bericht vom 16. März 2012 widmet sich Herr Werner Kremm den rumänischen EU-Parlamentariern. Der Artikel bedarf des Kommentars, denn er weist auf einige Probleme des Journalismus im Umgang mit der Politik.

Der Autor ist offenbar ein glühender Kritiker der Liberaldemokratischen Partei. Die Abgeordneten dieser Partei werden mit harschen Attributen wie „nicht unbedingt intellektuelle Leuchte“ (Elena Băsescu), „sich durch nichts als den Kontostand hervorgetan“ (Jean Marian Marinescu), „janusköpfig ( Traian Ungureanu) „PNL-Verräter“ (Theodor Stolojan) und „Ex-Justiz-Sauberfrau“ (Monica Macovei) vorgestellt. Demgegenüber wird der EU-Abgeordnete Adrian Severin, der zuletzt dem Ansehen Rumäniens in Europa nicht dienlich war, mit Attributen wie „verdienstvoll“, „gut informierter Vollblutpolitiker mit ausgewogenen Ansichten“ und „Arbeitstier“ versehen. Offenbar sind die politischen Sympathien des Autors eindeutig verteilt und er fühlt sich berufen, diese Ansichten einem breiten Publikum zu vermitteln. Muss das aber in einer Tageszeitung sein? Doch wohl eher in einer Parteizeitung oder in einem persönlichen Blog. Überdies lässt die ADZ den Leser im Unklaren darüber, ob der Artikel unter die Rubrik Bericht oder Meinung fällt. 

Als Leser will ich mich über die Politik des Landes informieren, nicht über die politischen Überzeugungen des Journalisten. Überdies hat der Autor in seinem politischen Eifer nicht ganz sauber recherchiert. So hat Theodor Stolojan die PNL nicht verraten, sondern wurde von dieser herausgeworfen. Und Jean Marian Marinescu zählt zweifellos zu den einflussreichsten rumänischen Europaabgeordneten.

Der Artikel von Herrn Kremm wirft ein Licht auf die problematischen Beziehungen zwischen Medien und Politik und Journalisten und Politikern, wie sie leider typisch für die rumänische Medienlandschaft sind, für die ADZ aber nicht sein sollten. Journalisten in diesem Land neigen dazu, sich über die Politik und deren Vertreter zu erheben, sie in Talk-Shows anzuschreien und in Artikeln zu erniedrigen. Nun glaube auch ich nicht, dass jeder rumänische Politiker aus purem Altruismus in die Politik gegangen ist. Politik bedarf deshalb nicht nur in Rumänien der Kontrolle, insbesondere auch durch die Medien. Investigativer Journalismus und Pressefreiheit sind wesentliche Bestandteile funktionierender Demokratien. Aber auch diese Freiheit bedarf einer verantwortlichen Nutzung. Politiker unter Generalverdacht zu stellen und verbal auf sie einzuprügeln widerspricht einer solchen Verantwortung. Solcher Journalismus schwächt das ohnehin geringe Vertrauen in die Politik – und darunter leiden auch jene rumänischen Politiker, die ihre Aufgabe ordentlich machen. Solcher Journalismus schwächt aber auch das Vertrauen der Mediennutzer in die Journalisten, die von vielen Menschen in diesem Land nicht als verlässliche Quelle für Informationen erachtet werden. So sägen viele Journalisten an den Ästen, auf denen sie sitzen.

In den Lehrbüchern der Kommunikationswissenschaften wird das Verhältnis von Journalisten und Politikern als eine Art Symbiose, eine gegenseitige Abhängigkeit beschrieben. Politiker brauchen für ihre Arbeit Öffentlichkeit – über die Journalisten – und Journalisten brauchen für ihre Arbeit Informationen – von den Politikern. Damit das funktioniert, bedarf es des gegenseitigen Respekts.

Kommentare zu diesem Artikel

Helmut, 22.03 2012, 02:46
So Unrecht hat der Herr Werner Kremm mit seiner Kritik nicht.Das was er in seinem Beitrag ausdrückt,kann man tagtäglich in Rumänien vom größten Teil der Bevölkerung hören. Eines ist 100%sicher die Rolle von Frl.Basescu im europäischen Parlament ist sehr unbedeutend und ihre wenigen Beiträge sind äußerst schwach.Rumänien hätte sicher bessere PolitikerInnen zur Vertretung seiner Interessen in Brüssel nötig.
In einer Demokratie müssen auch Journalisten ihre politische Meinung in einer unabhängigen Zeitung audrücken dürfen auch wenn eventuell die Herausgeber anderer Meinung sind.
Am Wahltag werden die Wähler ihr Urteil über die Tätigkeit der derzeitigen Politiker abgeben.
Emil Alfter, 21.03 2012, 22:28
Sehr geehrter Herr Dr. Dix,
"eine Art" Symbiose bedeutet also so eine gegenseitige Abhängigkeit von Politikern und Journalisten. Darf ein Journalist deswegen einem, oder wie hier geschehen, mehreren Politikern nicht auf die Zehen treten?
Schreiben Sie soetwas bitte mal in einer deutschen Zeitung, Sie werden Ihr blaues Wunder erleben. Oder lesen Sie keine deutschen Zeitungen? Besonders in der letzten Zeit?
Was haben denn die Politiker hier in Rumänien seit der Wende bewirkt?
Und was bitte, hat denn Fräulein Elena bisher, außer daß sie häufig fotografiert wird, im europäischen Parlament bisher geleistet?
Solche Politiker braucht das Land nicht.
Und man wird auch fragen dürfen wie die Dame da überhaupt hineingekommen ist.
Sich gleich hinter, Respekt bitteschön, zu verstecken ist sehr vereinfachend. Und das kennen die Rumänen leidvoll und zu genüge.
Vor wem haben denn die Politiker (die meisten zumindest) Respekt? Vor nichts, schon garnicht vor ihrer Bevölkerung.
Nun lassen Sie mal,mit Verlaub, die Kirche im Dorf.
Mit freundlichen Grüßen,
Emil Alfter
Horst, 21.03 2012, 15:14
Dieser Brief spricht mir aus dem Herzen

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