Leserpespektive (III)

Temeswarer Vorstadtgeschichten

Mittwoch, 19. September 2018

Die „Gradi Gass“ im Temeswarer Stadteil Freidorf. Hier steht auch die katholische Kirche von Freidorf, das 1951 Temeswar eingemeindet wurde. Archivfoto: Zoltán Pázmány

Ottilie E. Scherer: Die nächste Tür im Haus der Müller Marie, war ein Zauberladen, dort war Tante Emma und hielt Hof, täglich zwischen Kurzwaren, Stoffen, Seifen, Parfüms und Nagellack. Ich war immer glücklich, wenn wir die fünf Stufen erklommen und dieses Heiligtum betraten. Heute aber nicht. Heute zog es uns weiter zur Kaul. Wir mussten jetzt die Hauptstraße, die „Gradi Gass“, Ioan Slavici, überqueren, hielten nicht am Laufbrunnen, mit Vater hielt man nicht wo man Lust hatte, man ging zielstrebig seiner Arbeit nach, na vielleicht klappte es ja nachher. Jetzt wurde es mühsam, denn dieser Teil der Kreuzgasse, war richtig schlecht, dort konnte man vom Pflaster auf die Fahrbahn ausweichen, diese bestand im Sommer aus Staub und einzelnen Basaltblöcken, die einmal Kopfsteinpflaster waren und bei Regenwetter aus Schlamm, Morast und Steinbrocken.

An der „Lohmkaul“

Der Handwagen hüpfte zwischen Stein und Staub auf und ab, hin und her aber der Lärm war gedämpft. Weiter ging es an der kleinen Kaul vorbei, auf der ich im Winter Schlittschuhe schlief, am Sportplatz auf dem mein Großvater in seiner Jugend in der Dorfmannschaft Fußball spielte und wo an der Kirchweih nachmittags der „Kerweihstrauß“ und „Hut und Tiechel lezitiert“ (versteigert) wurden und dann waren wir endlich da.
Die „Lohmkaul“, zu dem Zeitpunkt das größte stehende Gewässer nach dem Szabo, welches ich zum ersten Mal sah, bot ein unglaubliches Bild. Der Teich war rundherum mit Schilfrohr zugewachsen, heute ging keiner mehr dahin baden, alle gingen zum Szabo, früher zu Großvaters und Vaters Zeiten lernten die Jungs hier schwimmen, es gab einige Schneisen, die den Blick auf das perfekt ruhige Wasser boten, auf die vielen grün-blau-lila schimmernden Libellen, die großen langbeinigen Spinnentiere, die über das Wasser huschten, in der Ferne ein paar Wildenten, die noch kein Jäger erwischt hatte. Vielleicht war auch Schonzeit, mir war das nie so klar, was es mit der Schonzeit auf sich hatte, Vater erklärte so viel, alles konnte man nicht gleich behalten. Und mitten in dieser Ruhe, saß thronend auf einer schwimmenden, rostigen Eisenschachtel, einer „Pluta“, mein Kusin, sieben Jahre älter als ich und fischte. Mein Vater rief „Servus, Gerhard, was machst?“, „Fische!“ „Was beißt on?“ „Karaschl und Rotschwanzel!“ „Du esst doch ka Fisch.“ „Macht nix, ich fisch gern.“ „Fall nit nein.“ „Na!“

Blutegel am Beim

Ich hörte zu, aha, Gerhard mochte keinen Fisch, ich auch nicht. Das war nicht verwunderlich, er war mein Lieblingsverwandter, das hatten wir gemeinsam, obwohl er eigentlich mein Onkel war, denn sein Vater, der „Dorfbalwierer“, der Barbier im Dorf und meine Oma, waren Geschwister.
Mehr gab es nicht zu besprechen. Wir machten uns an die Arbeit. Vater hatte eine Sichel, schnitt und legte das abgeschnittene Schilfrohr in den Wagen. Ich half dabei, ich hielt, ich trug, stand vermutlich auch im Weg und machte mir darüber Gedanken, wie aus diesem Schilfrohr Polster für die Bienen werden sollten, die mein Vater auch noch nähen wollte, wenn ich gut verstanden hatte, mit Draht. Nähen kannte ich von Mutter, von Hand, mit der Nähmaschine, Draht kam dabei nie vor und Polster waren aus Federn. Na, ja, man wird ja sehen, was das noch wird.
Inzwischen war Wasser in meine Stiefel gelaufen, denn wir standen im Wasser beim Schneiden, aber meine Schäfte waren kürzer als jene von Vater, somit stand ich im Wasser, was mich nicht stört. Ich hatte kein gestörtes Verhältnis zu schlammigem, aufgewühltem Wasser - das war so, wenn man darin herumtappte.
Als der Handwagen hoch voll war und eine leichte Dämmerung auf kaum, hörten wir auf. Vater sah, dass meine Stiefel voller Wasser waren und sagte, „Leer mol die Stiefel aus.“ Ich tat wie geheißen, zog sie aus und guckte meine Füße an. Da waren Sachen an meinen Füßen und Waden, die ich noch nie gesehen hatte. Ich sah damals meinen Vater zum ersten Mal erschrecken und verlegen. Offenbar wusste er nicht, was er jetzt sagen sollte, aber eigentlich hätte er mich besser kennen müssen, ich machte nie Theater. Wenn es etwas zu lösen galt, dann musste das getan werden. „Des sein Blutigel, die falle erscht ab, wann se voll sein.“ „Aha….??“ „Mr kann sa a abschlaan, soll ich des mache?“ „Joo, mach se weg!“

(Fortsetzung folgt)

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