Lesung mit Karin Gündisch

„Die Heimat hat mich einfach nicht losgelassen“

Freitag, 21. September 2018

Karin Gündisch während der Lesung „Was ist Heimat?“ im Erasmus-Büchercafé in Hermannstadt.

Hermannstadt – „Braucht der Mensch eine Heimat? (…) Ich bin überzeugt, dass nicht jeder eine Heimat hat. Und ich habe mich gefragt, wie es um mich steht“, erzählt Karin Gündisch. „Ich habe 18 Jahre lang in Heltau/Cisnădie gelebt und als ich dann zum Studium nach Klausenburg/Cluj-Napoca ging und dann durch die Heimat nach Bukarest kam, war es für mich eine Befreiung.“

Die Schriftstellerin war am  Donnerstag vergangener Woche im Erasmus-Büchercafé erster Gast der Lesereihe „Was ist Heimat?“, die von Aurelia Brecht, der Kulturmanagerin des Instituts für Auslandsbeziehungen in Hermannstadt/Sibiu, organisiert wurde. Gündisch las unter anderem aus ihrem Tagebuch vor, das sie zwischen 1982 und 1985 schrieb und das in Bukarest beginnt und in Deutschland endet.

„Es war so, dass ich endlich in eine große Stadt kam, mit viel mehr Möglichkeiten. Ich habe es sehr genossen, wegzugehen aus meiner ursprünglichen Heimat“, erklärte Karin Gündisch ihre „Befreiung“. Doch losgelassen hat Heltau sie nicht: „Ich habe die Stadt und meine Erinnerungen an diese Stadt, an meine Kindheit, immer mit mir mitgeschleppt und dann schließlich Bücher darüber geschrieben. Die Heimat hat mich einfach nicht losgelassen, auch wenn ich das Gefühl einer Befreiung hatte, als ich sie verlassen habe.“
Der Begriff Heimat ist ein schwierig zu fassender Begriff. Er verbindet häufig einen geografischen Ort, meist aus der frühen Kindheit, mit Emotionen. Im Englischen wird der Begriff als Germanismus verwendet, im Sorbischen gibt es den Begriff domowina: Höre ich das Wort ‘Lausitz’, so denke ich an domowina (Heimat) und alles, was das für die Sorben bedeutet.“

Karin Gündisch spricht auch von ihrer „Bukarester Heimat“. Sie hat 17 Jahre lang in der Hauptstadt gewohnt. In der Wohnung, die sie 1984 verließ, um in die Bundesrepublik Deutschland auszuwandern, hat sie ihre Kinder groß werden sehen, erzählt sie. Kann der Mensch zwei Heimaten haben, fragte Aurelia Brecht, im Anschluss an die Lesung. Gündisch’ überraschende Antwort lautete „nein“. „Heimat ist eine Konstante und die Konstante, die mich begleitet hat, durch mein Leben, heißt Rumänien und wenn ich es ein wenig einschränken soll, Heltau und Bukarest“, erklärt die kürzlich von Bad Krozingen nach Hamburg verzogene Autorin, und fügt an, dass sie von sich auch nicht auf andere Menschen schließen würde. „Für mich ist die Sprache, in der ich schreibe, ganz wichtig und jetzt lebe ich in dem Sprachraum, das war eine enorme Bereicherung.“

Über eine Stunde lauschten die Besucher den Texten und Ausführungen von Karin Gündisch. Die nächste Lesung der Reihe „Was ist Heimat?“ findet bereits am 4. Oktober statt.

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