Letztes Buch eines Vollbluthistorikers

Dr. Rudolf Gräf über die posthume Veröffentlichung einer Studie von Dr. Dumitru Țeicu

Mittwoch, 02. Mai 2018

Bei der Buchvorstellung im Museum des Banater Montangebiets (v.l.n.r.): Dr. Ada Cruceanu, die Übersetzerin ins Englische, Sabin Adrian Luca, Archäologe und Direktor des Brukenthal-Museums Hermannstadt, Interims-Museumsleiter Flavius Bozu, Vizepräfekt Catalin Hogea, die emeritierte Hochschullehrerin und Archäologin Doina Benea, der Historiker und Prorektor der UBB Klausenburg, Prof. Dr. Rudolf Gräf, der Autor unseres Beitrags, den er bei dieser Gelegenheit vorgestellt hat. Foto: Museum des Banater Montangebiets

Ich glaube, es ist das erste Mal in den vergangenen 25 Jahren, dass ich ins Museum des Banater Montangebiets komme und Dumitru Țeicu mich nicht in sein Direktorenbüro einladet. Es ist nunschon einige Zeit vergangen seit seinem Tod und die Zukunft des Dumitru Țeicu ist, um Reinhard Koselleck zu zitieren, „vergangene Zukunft” geworden. Aber das erwartet auch uns, wenn die Zeit gekommen ist. Wir, die Historiker, sollten das mit Gleichmut akzeptieren. Wenn wir´s können.

Dumitru Țeicu hat dieses Museum 28 Jahre lang geleitet und am Ende, wirklich am Ende dieser Zeit, hat er ein Buch über die archäologischen Forschungen in seiner Geburtsortschaft Ilidia veröffentlicht. Das Buch erschien unter guten graphischen Bedingungen, gesichert von Istros-Verlag in Brăila, unter der Ägide des Brăilaer Museums „Carol I”, geleitet von Prof. Dr. Ionel Cândea, korrespondierendes Mitglied der Rumänischen Akademie. Die Buchgestaltung hatte der Temeswarer bildende Künstler Adrian Garoiu übernommen, die englische Version des zweisprachigen Buchs sicherte Dr. Ada Mirela Cruceanu-Chisăliță. Ich möchte aber auch unterstreichen, dass die Sekretärin des Museums den gesamten Text redigiert hat, so wie sie seit über zwei Jahrzehnten ihre Kompetenzen und Fähigkeiten in den Dienst dieses Museums stellte, implizite in den Dienst ihres Langzeitdirektors.

Das Buch wird akademisch eröffnet, mit der Erklärung der Arbeitsmethode des Autors bei der Zusammenstellung der Beiträge, um dann eine Geschichte der archäologischen Grabungen in Ilidia zu machen, die 1969 begannen. Gemeinsam mit den Ausgrabungen von Gornea im Donauengpass waren das „der Beginn der systematischen archäologischen Ausgrabungen im Banat – und, gleichzeitig – der mittelalterlichen Archäologie im Banat” (S.8)

Dumitru }eicu unterstreicht die Bedeutsamkeit der Zusammenarbeit zwischen dem damaligen Kreismuseum Karasch-Severin und der Universität Babe{-Bólyai aus Klausenburg (deren Absolvent und Doktorand er war) – und ich hoffe, dass diese Zusammenarbeit auch unter einer neuen Museumsleitung fortgesetzt wird – aber auch die Rolle des Banaters Constantin Daicoviciu als (spiritus-)Rektor in Klausenburg und geachtetes Mitglied der Akademie bei der Förderung der Forschung und im ununterbrochenen Erscheinen der wissenschaftlichen Publikation „Banatica” unter der Ägide des Reschitzaer Museums.

Darauf macht }eicu eine eigentliche Geschichte der archäologischen Grabungen. Ich möchte bloss unterstreichen, dass }eicu in seinem Buch unaufhörlich – ohne sie ausdrücklich zu nennen – die mangelhafte Dokumentation und die lückenhaften wissenschaftlichen Hinweise in den Grabungsberichten der verschiedenen Forscher beklagt, was auf mangelhafte Arbeitstechnologie der Archäologen hinweist. }eicu meint: „...die Grenzen des Restitutio, das wir uns vorgenommen haben bezüglich dem feudalen Hof von Ilidia, der Pfarrkirche, der mittelalterlichen Festung Ilidia und des homonymen rumänischen Distrikts Ilidia, sind durch unvollständige Ausgrabungsdokumentationen gegeben.” Fehlende gründliche Dokumentationen und mangelhafte Verwendung der durchgeführten Dokumentation durch die Ausgrabungsverantwortlichen werden von Țeicu beklagt.

}eicu zitiert aus den unumgehbaren Autoren (Francesco Griselini und Johann Jakob Ehrler) und analysiert dann die Pfarrkirche, die Befestigungen und den Festungsfriedhof, alles zusammen im Kollektivbewusstsein der heutigen Bewohner von Ilidia „ein altes Kloster”. Hier begannen die archöologischen Forschungen durch Gheorghe Lazarovici und Ilie Uzum. Von diesen ist im Grabungsbericht keinerlei fotografische und graphische Dokumentation überliefert, was bedauerlich ist. Dann gibt es die Studie von Stefan Matei und Ilie Uzum (1971) über die Kirche aus Brennziegeln und die Erdbefestigungsanlagen von Ilidia, auch diese ohne eine gründliche Dokumentation, genauso wie zwei Studien von Ilie Uzum, eine über den Friedhof, der die Kirche umgibt und eine Gesamtevaluierung der bis um 1973 durchgeführten Ausgrabungen. Beide kaum mit weiterführender Dokumentation versehen.

Die Frage der unvollständigen oder schlampig durchgeführten begleitenden Dokumentation von archäologischen Ausgrabungen zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch von }eicu. Seine eigenen Schlussfolgerungen über die Kirche im Zentrum eines feudalen Machtzentrums des ungarischen Königreichs vom Typus Ilidia fusst auf eingehender Analyse der Grabungsberichte, aber auch der wissenschaftlichen Studien zum Thema, die innerhalb eines halben Jahrhunderts veröffentlicht wurden. Țeicu datiert den Friedhof aufs 12.-15. Jahrhundert und stützt sich dabei auf Grabbeigaben und –funde. Es sei eindeutig ein Friedhof aus magyarischer feudaler Königszeit. Doch macht Țeicu auch wohldurchdachte Querverbindungen zur byzantinisch-balkanischen Welt und zu serbischen Werkstätten südlich des Donaulaufs. Die Kirche war Teil des Erzdechanats Karasch des römisch-katholischen Bistums Tschanad (und erscheint auf päpstlichen Zehentlisten des Jahres 1334): „Die Pfarrkirche von Ilidia und jene von Haram an der Einmündung der Karasch in die Donau sind die einzigen kirchlichen Niederlassungen der Diözese Tschanad aus den Jahren 1333-1334 im Grenzbereich des Südbanats, alle anderen müssen lokalisiert werden in der Ebene der Bersau/Bârzava, in der Nähe des Komitats Karasch, bei Șemlacul Mare.”

Țeicu sieht die römisch-katholische Pfarrkirche von Ilidia im Zusammenhang mit den Konsolidierungsbestrebungen der arpadischen Könige Ungarns im Südosten des ungarischen Königreichs, wo sie ein Machtzentrum aufgebaut haben – ein  Zeichen, dass dieses Gebiet zu den großen mittelalterlichen Staatsgründungen der Feudalzeit in diesem Raum gehörte. Der Feudalhof von Ilidia-Obli]a wird von }eicu im selben Zusammenhang gesehen. Dabei widerspricht er mit einer Fülle von Argumenten gegenteiligen (mehr oder weniger vage formulierten) Behauptungen in Studien der 1980er Jahre, dass es sich um einen (rumänischen) Knesensitz gehandelt habe.

Seine polemische Analyse- und Destruktionsmethode frührer, meist politisch motivierter behauptungen wendet er auch bezüglich der Hofkirche von Ilidia-Obli]a an und weist auf die frappierenden Ähnlichkeiten mit der Rundkirche von Kiszombor, einige Kilometer westlich von Tschanad, aber auch auf Rundkirchen und –kapellen in ganz Mitteleuropa. Sie sind kennzeichnend für die Südostgrenze des mittelalterlichen Ungarreichs, wären aber laut Țeicu auch in der germanischen und slawischen Welt der Epoche vorzufinden.

Țeicu weist unbezweifelbar nach, dass die Theorien vom Vorhandensein bogomilischer Gemeinschaften im Raum Ilidia reine Phantasie-„Schlussfolgerungen” sind, indem er die Grabfunde der mittelalterlichen Friedhöfe von Ilidia einer objektiven Untersuchung unterzieht. Die Theorien  von Silviu Oța und Gh. Cantacuzino seien nicht haltbar. Auch habe es allerhöchswahrscheinlich kein Zusammen- oder Nebeneinanderleben bogolimischer Gemeinschaften mit römisch-katholischen gegeben.

Die Wandmalereien im Ilidia-Valea Mare – Tal bergwärts von Ilidia führt Țeicu, glaubwürdig, auf das Vorhandensein eremitischen katholischen Mönchslebens im Raum zurück, was auch Analogien in Kappadochien und im mittleren Donautal sowie im Donauengpass beweisen. Sie entsprechen einer Kulturperiode des Banats um das Jahr 1000 und seien auch Zeugnisse der Verbindungen (im X.-XI. Jahrhundert) zu alten christlichen Glaubensrichtungen des Orients.

}eicus Buch über Ilidia ist eine Synthese von einem halben Jahrhundert Forschungen und eine Berichtigung vieler politisch motivierter Schlussfolgerungen anderer Forscher, die vor ihm in seiner und rund um seine Geburtsgemeinde geforscht haben. Das Machtzentrum Ilidia war ein feudales Machtzentrum des ungarischen Königreichs an der Grenze zum Orient, inmitten eines rumänischen (und byzantinisch beeinflussten) Umfelds, ein typisches Profukt des Seins an der Grenze zwischen Orient und Okzident.

Das Buch ist ein Werk der Reife, einer übergroßen Reife...

(Redaktionelle Bearbeitung: Werner Kremm)

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