Liberté, égalité, fraternité... Mbappé

Die junge „Équipe Tricolore“ hat das Potenzial, eine Ära zu prägen

Freitag, 20. Juli 2018

Mit dem Sieg der Franzosen gegen Kroatien hat die zweitjüngste Mannschaft dieser Fußball-WM den Titel gewonnen.
Foto: Wikimedia Commons/kremlin.ru

Lange als Exzentriker verschrien, gehörte Paul Pogba zu den besten Spielern der französischen Nationalmannschaft, die am Sonntag gegen Kroatien den Weltmeistertitel gewonnen hat – dabei wurde er Anfang Juni noch von eigenen Fans ausgepfiffen. Nicht nur das der Mittelfeldspieler von Manchester United eine schwache Saison durch ein Tor im WM-Finale verblassen ließ, Pogba ist auch in den vergangenen Jahren zu einem anderen Menschen geworden und zum Führungsspieler der Nationalmannschaft. Legte sich der heute 25-Jährige bei der Heim-Europameisterschaft vor zwei Jahren noch mit den Journalisten an, zeigte er sich in diesem Sommer zugänglich, ausgeglichen, freundlich. Mit 60 Länderspielen zählt er darüber hinaus bereits zu den Routiniers im Kader der jungen „Équipe Tricolore“. „Er ist jederzeit verfügbar, wenn du etwas auf dem Herzen hast. Wenn ich nervös bin, erinnert er mich an meine Stärken, die mich in die Nationalmannschaft gebracht haben,“ sagte der 22-jährige Rechtsverteidiger Benjamin Pavard.

Pogbas öffnende Pässe stehen häufig am Beginn von Angriffen, die mit Torchancen für die Franzosen enden – gegen Australien und Argentinien führten sie zu zwei Elfmetern und einem Tor, im Finale erzielte er das zwischenzeitliche 3:1 mit einem gefühlvollen Linksschuss. Insbesondere der erst 19 Jahre alte Kylian Mbappé profitierte von seinen Bällen. Der Stürmer von Paris Saint-Germain wurde nach dem Finale als bester junger Spieler des Turniers in Russland ausgezeichnet, genau wie der damals 21-jährige Paul Pogba vier Jahre zuvor in Brasilien.

Weltmeisterschaften sind traditionell ein Schaufenster für aufstrebende junge Talente und Kylian Mbappé ist das wohl größte der letzten Dekaden. Ein Vergleich zum jungen Pelé ist unvermeidlich. Der 19-jährige Mbappé erinnert mit seiner Eleganz am Ball und seinem Tempo auf dem Rasen an den vermeintlich größten Fußballer, den das Spiel hervorgebracht hat. Pelé gewann im Alter von 17 Jahren mit Brasilien 1958 seinen ersten WM-Titel und ließ zwei weitere 1962 und 1970 folgen. Der Franzose Mbappé ist durch seine beiden Tore im Achtelfinale gegen Argentinien zum zweitjüngsten Doppeltorschützen der WM-Historie aufgestiegen – nach Pelé. Und Mbappé ist der zweitjüngste Finaltorschütze – nach Pelé.

Die französische Zeitung „Le Parisien“ formulierte am Montag, als Frankreich gerade erst den zweiten Stern für den zweiten WM-Titel nach 20 Jahren gewonnen hatte, unverblümt die Erwartungshaltung an das französische Wunderkind: „Er ist in der Lage, 2022, 2026 oder 2030 einen dritten Stern nach Hause zu bringen.“ Der hochgelobte Weltmeister selbst gab sich demütig: „So jung Weltmeister zu werden, öffnet dir Türen, aber dann musst du weiter arbeiten.“ Mbappé wechselte erst im vergangenen Sommer für 180 Millionen Euro von AS Monaco nach Paris und galt schon vor der WM-Endrunde als eine der größten Versprechungen im Weltfußball. Mit seinem Doppelpack gegen Argentinien im Achtelfinale und seinem Finaltor gegen Kroatien trug Mbappé sich nicht nur in die Geschichtsbücher ein, er stieg auch in die Liga der Superstars auf.

Als Frankreich vor zwei Jahren bei der Heim-Europameisterschaft im Finale Portugal unterlag, bekam Mbappé gerade erst seine ersten Einsätze in der französischen ersten Liga für AS Monaco. Als er am 2. Dezember 2015 im Spiel gegen Caen eingewechselt wurde, avancierte er mit 16 Jahren und 347 Tagen zum jüngsten Spieler der Monegassen und brach damit den 21 Jahre alten Rekord des späteren Welt- und Europameisters Thierry Henry. Eine Woche nach seinem Erstligadebüt wurde Mbappé in der zweiten Halbzeit in der Gruppenphase der UEFA Europa League gegen Tottenham eingewechselt. Bei der 1:4-Niederlage gegen die Engländer bereitete der 16-Jährige das einzige Tor seines Teams vor. Als Belohnung für seine starke Vorstellung wurde er in nationalen Wettbewerben in der Folge mehrmals eingewechselt. Sein erstes Tor erzielte der Rechtsaußen dann am 20. Februar 2017 gegen Troyes und stellte damit abermals einen Rekord von Henry ein, der ebenfalls der monegassischen Talentschmiede entstammte. Der kleine Stürmer mit dem kurzen Haar und den feinen Gesichtszügen sagte damals: „Ich bin ein guter Dribbler, aber ich denke, dass ich mein Spiel noch weiterentwickeln kann. Meine größte Qualität ist meine Geschwindigkeit. Meine Schwäche ist die Defensive und außerdem muss ich noch konstanter werden, auch wenn ich mich seit dem Beginn der Saison schon ein bisschen verbessern konnte.“

Dabei hatten die europäischen Topclubs zu diesem Zeitpunkt schon lange eine Verpflichtung des jungen Franzosen im Visier. Geboren im Pariser Vorort Bondy, erhielt Mbappé seine Ausbildung im Leistungszentrum des Französischen Fußballverbandes in Clairefontaine-en-Yvelines. Auch der Weg in die berühmte Nachwuchsakademie von Real Madrid stand ihm schon 2012, im Alter von 14 Jahren, offen. Die Spanier luden Mbappé zu einer Kennenlernwoche ein und kein geringerer als Zinédine Zidane persönlich empfing den quirligen Flügelflitzer am ersten Trainingstag. Doch seine Eltern entschieden sich gegen das Angebot der Madrilenen. „Wir haben ihn nicht nach Ma-drid geschickt, damit man uns sagt, wie gut er ist. Wir haben ihn dort hingeschickt, weil wir wussten, wie sehr ihm das gefallen würde“, erklärte seine Mutter Fayza, eine ehemalige Profi-Handballerin, den Wechsel nach Monaco.

Der Durchbruch gelang Mbappé schon in seiner ersten vollen Spielzeit für Monaco, als er in 44 Pflichtspielen 26 Tore schoss und weitere 15 vorbereitete, und Fans und Experten gleichermaßen begeisterte. Im heißen Transfersommer 2017, als Paris Saint-Germain den brasilianischen Stürmer Neymar für 222 Millionen Euro verpflichtete, wechselte auch Mbappé zurück in die französische Hauptstadt. Um die Regeln des Financial Fairplay der UEFA einzuhalten, wechselte der damals 18-Jährige erst auf Leihbasis, in diesem Sommer wurde er endgültig von Paris verpflichtet. Bereits in seiner ersten Saison für den französischen Topclub erzielte Kylian Mbappé in 44 Pflichtspielen 21 Tore und gewann an der Seite von Neymar die französische Meisterschaft, den Pokal sowie den Ligapokal.

Doch auch wenn Mbappé sie alle überragt, neben dem Franzosen drängten sich auch andere Altersgenossen in das Schaufenster des Weltfußballs. Der energiegeladene Kroate Ante Rebic (22) und der zweikampfstarke Rodrigo Bentancur (21) aus Uruguay fielen in Russland ebenso positiv auf wie der kolumbianische Innenverteidiger Yerry Mina (23), der in vier Spielen drei Tore erzielte. Gute Ansätze zeigten auch die beiden Senegalesen Moussa Wagué (19) und Ismaila Sarr (20) sowie Marcus Rashford, der bei den Engländern allerdings meist nur als Joker zum Einsatz kam, und der serbische Innenverteidiger Nikola Milenkovic (20).

Doch für Frankreich scheint der WM-Titel der Beginn einer neuen goldenen Ära. Der französische Nationaltrainer Didier Deschamps trainierte in Russland die zweitjüngste Turniermannschaft, deren Aushängeschild Kylian Mbappé war. Die Altstars wie Franck Ribéry und Patrice Evra oder die verletzten Laurent Koscielny und Dimitri Payet vermisst keiner mehr, es diskutierte auch niemand über ihre Abwesenheit. Es ist unglaublich, wen Didier Deschamps gar nicht erst für die WM nominierte: Karim Benzema und Alexandre Lacazette, die Stürmerstars von Real Madrid und Arsenal, Anthony Martial von Manchester United, Kingsley Coman vom FC Bayern oder Tiemoué Bakayoko von Chelsea. Frankreich verfügt über eine schier unerschöpfliche Anzahl an Talenten und die meisten von ihnen stammen aus der Hauptstadt.

In Frankreich herrscht ein Überfluss an Fußballtalenten. Zufällig ist das nicht, die Entwicklung geht auf die Gründung des nationalen Leistungszentrums in Clairefontaine-en-Yvelines im Jahr 1988 zurück. Dort wurden schon länger Nachwuchsspieler ausgebildet, aber in den letzten Jahren wurden die Anstrengungen noch einmal erhöht. Auf dem Gelände einer ehemaligen Schlossanlage verbringen jeweils 23 junge Spieler aus dem Großraum Paris zwei entscheidende Jahre ihrer Fußballerausbildung. Bemerkenswert daran ist, wie jung sie sind, wenn sie einziehen: 13 Jahre. Das Konzept heißt „Pré-formation“, die Talente sollen eine Vorausbildung in dem Lebensalter bekommen, in dem sie motorisch am schnellsten lernen. Zwecks Training und Schulbesuch verbringen sie fünf Tage pro Woche in Clairefontaine, am Wochenende geht es zurück zur Familie. Zu den weit über 20 französischen Nationalspielern, die als Kinder hier waren, zählen auch Kylian Mbappé und Blaise Matuidi aus der aktuellen Mannschaft. Und auch Frankreichs nächster Superstar steht bereit. Am 23. September 2017 debütierte Stürmer Willem Geubbels nur wenige Tage nach seinem 16. Geburtstag für den Spitzenklub Olympique Lyon. Vor wenigen Wochen überwies AS Monaco 20 Millionen Euro für den 16-Jährigen nach Lyon.

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