Lisi Hütter

Donnerstag, 19. Februar 2015

Seit 27 Jahren wohnt sie in der Entengasse, am Fuß der evangelischen Stadtpfarrkirche von Hermannstadt. Es ist der Schlusspunkt hinter einer Reihe von Wohnorten im langen Leben von Lisi Hütter. Doch nun hat Frau Hütter manchmal Angst. Sie fürchtet auszurutschen, sie traut sich immer weniger aus dem Haus, weil ein Hinfallen Schlimmes bedeuten könnte für die alleinstehende Frau. Lisi Hütter ist eine der wenigen überlebenden „Russländer“. Im Januar ’45 war sie noch keine 17, als sie zusammen mit dem Vater aus Scholten deportiert wurde. Die Mutter, die acht Kinder geboren hatte, blieb zurück. Woran erinnert sich Frau Lisi, wenn die Rede auf diese Tage kommt? So arm sei sie gewesen, dass sie nicht einmal Unterwäsche für die Fahrt gehabt hätte. Eine Nachbarin aus dem Dorf habe ihr was genäht. Dort, im Lager 1 von Tschasoviar im Donbass, bekamen sie dann wattierte Kleider. Ende ’49 durfte sie zurück. Einen Winter verbrachte sie in Scholten, dann aber hieß es: Sieh, wie du weiterkommst. Die Familie besaß so wenig Grund, dass die Mitglieder vor allem für andere das Feld bearbeiten mussten.

Im Herbst ’50 hat Lisi sich in Hermannstadt „eingedungen“, wurde aber schon bald von Kathi Knuff aus Gergeschdorf überredet: „Komm, wir suchen uns was in einer Fabrik“. So kam sie für die nächsten 30 Jahre zur „Scandia“. Sie war dort Teil einer Brigade, füllte Konserven ab, für die Armee, für den Verkauf. Wenn es sein musste, wischte sie auch den fettigen Boden oder klebte Etiketten. Arbeit ohne Qualifizierung eben, aber zum Sattwerden. Lisi konnte sich was ersparen und auch ihre Familie in Scholten unterstützen. Gewohnt hat sie in der Küche bei ihrer „Hausfrau“. Aber ein Problem wurde immer drängender und Lisi brauchte eigene vier Wände. Die Mutter hatte keine andere Wahl, als zu ihr zu ziehen. 1972 bekam sie ein Zimmerchen in der Schlachthausgasse zugeteilt und endlich, fünf Jahr später, ihre heutige Wohnung. Hier lebte die Mutter 18 Jahre lang mit ihr. In der Wohnküche, neben dem Diwan, fand Lisi die Mutter eines Tages mit gebrochenem Oberschenkelhals. Hingefallen, als die Tochter kurz einkaufen war. Die Mutter, die nie ein Krankenhaus betreten hatte, wurde zum Pflegefall. Aber eine Operation kam nicht mehr infrage. Lieber schleppte Lisi die schmächtige Mutter auf den Armen hin und her, zum Waschen, ans Fenster, zu Tisch.

„Ich möchte nicht in Hermannstadt begraben werden“, sagte sie öfter, „schafft mich nach Scholten“. „Aber wohin mit deinem Sarg? Wir haben dort niemanden mehr“. Pfarrer Siegfried Schullerus besuchte die beiden und brachte Trost in die verzagten Gemüter. „Mutter, ich komm auch zu dir ins Grab“, und so fand die alte Frau auf dem Hermannstädter Friedhof ihre letzte Ruhe. Jetzt ängstigt sich Frau Lisi: „Wer begräbt mich?“ Keine Verwandten in der Nähe, nur Nichten und Neffen im fernen Deutschland. Nachts kommt die Furcht, vor allem an den Wochenenden, wenn die Nachbarn weg sind. Schafft sie es im Fall des Falles bis ans Tor, bis zum Telefon? Frau Hütter ist jedoch keine verzagte Person: „Ich singe. Ich singe, wenn ich auf jemanden warte, ich singe auf den Gängen des Altenheims, wo ich zum Handarbeitskreis gehöre, ich singe auch nachts im Dunkeln und sage mir Gedichte auf.“ Sie geht mit dem Gast zum Küchentisch und singt aus dem aufgeschlagenen Gesangbuch: „Meinen Jesum lass ich nicht“. Im Wohnzimmer liest sie aus Kalendern vor, zeigt ihre Lieblingsbilder, erkennt alles ohne Brille. Wäre da nur nicht die ungewisse Zukunft, die verstörende Möglichkeit, eines Tages hilflos dazuliegen.

Im Altenheim ist sie seit vielen Jahren angemeldet. Immer wieder antwortet sie auf die Frage der Seelsorgerin oder der Direktorin, wann sie denn komme: „Ich hab mich noch nicht entschlossen!“ Seufzend erwägt sie das Für und Wider, blickt zum Fenster hinaus auf die Wäscheleine der Nachbarswohnung: „Wenn ich erst einmal dort bin...“ Für Frau Hütter ist die Kirche ein Halt, ein fester Anker im Leben. Leider kann sie bei Schlechtwetter und im Winter den Weg in die Oberstadt zum Gottesdienst nicht mehr bewältigen. Am 11. Januar, dem Gedenktag der Deportation vor 70 Jahren, hat eine liebe Bekannte dafür gesorgt, dass sie in die Stadtpfarrkirche kommen konnte. Ein Blitzlichtgewitter hat sie nach dem Gottesdienst erlebt. Blumen wurden ihr geschenkt. Die Reporter drängten sich um die kleine Frau mit ihrem Kopftuch und stellten Fragen. Lisi lächelt. Das schönste Geschenk? Wenige Tage später klingelte das Telefon: „Bist du die Lisi aus Scholten? Hier spricht die Susi aus Taterloch. Ich habe dich auf dem Foto in der Zeitung erkannt. Wir waren gemeinsam in Russland. Du hast oben auf der Pritsche geschlafen, und ich unter dir.“ Eine der wenigen „Russländerinnen“, die noch im Lande lebt, in Mediasch!

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