Literatur aus der Seele heraus

Gespräch mit dem Kronstädter Schriftsteller Adrian Munteanu

Mittwoch, 02. Oktober 2013

Ein rumänischer Dichter, der für seine Sonette in der Heimat Petrarcas gewürdigt wird? Auf den ersten Blick eine unrealistische Vorstellung. Doch ist es Tatsache: der Kronstädter Sonettdichter, Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor Adrian Munteanu wurde im Oktober 2012 im Rahmen der ersten Auflage der Internationalen Mailänder Buchmesse mit dem Europäischen „NUX“-Preis ausgezeichnet. Die sieben Sonett-Bände, die internationales Aufsehen erregt haben, sind von 2004 bis 2011 veröffentlicht worden. Das macht ein Buch pro Jahr – und es ist nur ein Bruchteil des Wirkens von Adrian Munteanu.

Der Literat wurde 1948 in der Oberen Vorstadt/Schei in Kronstadt/Braşov geboren, hat rumänische Philologie in Konstanza studiert, drei Jahre lang an einer Schule unterrichtet, mehr als ein Jahrzehnt im Theater-Departement des Kronstädter Kulturzentrums „Rédoute“ gearbeitet und Ende der achtziger Jahre den Kulturclub des Werks „Steagul Roşu” geleitet. Im Februar 1990 war er Mitbegründer des ersten Kronstädter Fernsehstudios (Radioteleviziunea Transilvania), ein Jahr später wurde er Redakteur der Rumänischen Rundfunkgesellschaft und Korrespondent von Radio Neumarkt/Târgu Mureş. Seine vielseitige Tätigkeit brachte ihm 21 Preise für Schauspiel, Regie und Literatur. Sein Buch-Debüt gab er 1999 mit drei Märchen-Bänden in Versform. Diese dienten 2003 als Textgrundlage für eine One-Man-Show, mit der er drei Monate lang in Kanada tourte. Er ist zudem Gründer der „Buchstaben-Klänge-und-Farben-Gruppe ‘Caii Verzi De Pe Pereţi’”, Leiter des Verlags „Arania“ (seit 2008) und Mitglied des Rumänischen Schriftsteller- und des Journalistenverbandes. Mit Adrian Munteanu sprach in Kronstadt ADZ-Redakteurin Christine Chiriac.

Herr Munteanu, welches Gefühl hatten Sie, als Sie von Ihrer Nominierung für den „NUX“-Preis erfuhren? Was bedeutet dieser Preis für Sie?

Es war eine immense Überraschung. Im Winter 2011-2012 haben mich die Veranstalter der Mailänder Buchmesse informiert, dass ich gemeinsam mit zwei weiteren europäischen Autoren, einem Nord-Irländer und einem Franzosen, für den Preis nominiert worden bin. Wir wurden also für den Oktober 2012 nach Mailand eingeladen. Später habe ich die Veranstalter gefragt, wie sie auf mich gekommen sind – denn mein Name steht auf keiner Liste der ‘Größen des Tages’ in Rumänien, ich komme in keiner Hierarchie vor, die von den rumänischen Kulturoffiziellen erstellt wird, ich bin kein Protegé. Aus Mailand wurde mir geantwortet, dass man meine Entwicklung und meine Veröffentlichungen, vor allem jene im Internet, aufmerksam verfolgt und gelesen habe. Diese Antwort freute mich. Es war wichtig für mich, dass ich nicht aufgrund einer Empfehlung aus Rumänien – durch einen Literaturkritiker oder einen Funktionsträger aus dem Kulturbereich etwa –  nominiert wurde, sondern aufgrund meiner Texte. Das ist für einen Schriftsteller, der für die Leser und nicht für eine Zunft der Berufsintellektuellen schreibt, maßgeblich. Meiner Meinung nach schreibt man erstens aus der Seele heraus, und das Geschriebene muss andere Seelen erreichen. Das ist die wahre Errungenschaft eines guten Schriftstellers.

Wie war die Stimmung bei der Preisverleihung?

Da ich der einzige rumänische Schriftsteller unter den nominierten war, und darüber hinaus bei der ersten Auflage, hatte ich das Gefühl einer großen Verantwortung. Ich wusste, dass ich um keinen Preis unprofessionell auftreten durfte, weil ich nicht nur mich selbst vertrat, sondern viele andere Rumänen auch. Ich habe mich deshalb bemüht, einen authentischen Eindruck zu hinterlassen und mein Bestes zu geben. Es wurde eine zweisprachige, rumänisch-italienische Broschüre mit einigen meiner Sonette erstellt und bei der Messe ausgeteilt. Für mich war es zunächst eine Herausforderung, den richtigen Übersetzer zu finden, der bereit war, rumänische Sonette ins Italienische – sozusagen für die Heimat des Sonetts – zu übersetzen. Ich selbst weiß nicht, ob ich diesen professionellen Mut aufgebracht hätte. Aber ich hatte Glück und fand die richtige Person: es handelt sich um den in Deutschland wohnhaften rumänischen Dichter Eugen Doru Popin. Er ist gewissenhaft, begabt und peinlich genau, und hat sich bei der Arbeit an meinen Gedichten auch mit italienischen Schriftstellern beraten. Ich bin ihm sehr dankbar.
Bei der Preisverleihung waren erfreulicherweise auch Rumänen dabei, die über mein privates Netzwerk von der Feier erfahren hatten. Ein sehr warmes Publikum. Für sie habe ich eine Lesung in rumänischer und italienischer Sprache gehalten: es war mir sehr wichtig, dass die rumänische Sprache präsent ist. Das Rumänische ist mit dem Italienischen so eng verwandt, dass man die Musikalität, die geistige Verbindung der beiden Sprachen gar nicht überhören kann.

Trotzdem glänzten die Kulturinstitutionen aus Rumänien durch Abwesenheit. Sie haben den offenen Brief „In Mailand werde ich allein sein“ geschrieben, in dem Sie das Schweigen der Kulturbehörden und der Medien im Land kritisieren. Selbst jene Institutionen, an die Sie persönliche Anfragen gerichtet haben oder die von den Veranstaltern in Mailand angeschrieben worden sind, haben nicht reagiert. Wie erklären Sie sich das?

Lange Zeit war ich wegen des Mangels an Rezeptivität und Offenheit im Land sehr geärgert. Angefangen von dem Schriftstellerverband, dem Rumänischen Kulturinstitut, dem Außen- und dem Kulturministerium, bis hin zu Fernsehstudios und Hörfunk: Die Information wurde zugesandt und die Institutionen haben erfahren, dass bei der ersten Auflage der Mailänder Buchmesse ausgerechnet ein Rumäne gewürdigt wird. Mehr als das, die Veranstalter haben die wichtigsten rumänischen Medien eingeladen, Partner des Ereignisses zu werden und darüber zu berichten. Die große „Überraschung”, die mich empört hat, war, dass sich keine einzige Institution aus Rumänien engagiert hat. Allein das Kronstädter Bürgermeisteramt hat prompt reagiert und war mit seinem Logo auf den Materialien der Buchmesse und auf der Homepage präsent. Ich habe mich gefragt: woher so viel Verkrampftheit? Der Brief, den ich verfasst habe, hat Wellen geschlagen. Bei der Rumänischen Botschaft in Rom wurde sofort auf diese Kritik reagiert – denn gerade die Botschaft hatte ich im Brief namentlich erwähnt, weil sie die Information nicht einmal bei den rumänischen Gemeinschaften in Italien, nicht einmal bei den Rumänen in Mailand verbreitet hatte. Es fällt mir schwer, all das zu akzeptieren und zu verstehen.
 
Hat sich aus Ihrer Perspektive nach der Preisverleihung hierzulande etwas geändert?

Es gibt zweierlei Entwicklungen: Ein Teil derer, die vom Preis erfahren haben, haben die Bedeutung dieses Ereignisses verstanden und sich entsprechend gefreut. Allerdings waren das meistens Privatpersonen. Die zweite Kategorie von Reaktionen war von einem suspekten Schweigen gekennzeichnet, bei dem etwas Hochmut und ein gewisses Maß an Neid mitspielten. Letztlich finde ich aber, dass sich mit diesem Preis ein Kreis schließt. Ein Schriftsteller ist am Anfang vollkommen allein mit seinen Gedanken und seinem Blatt Papier. Wahrscheinlich ist er wieder allein, wenn das Werk in die Welt geht. Ich habe mich entschieden, keine weiteren Sonette zu veröffentlichen, denn ich betrachte die Serie als rund und abgeschlossen. Und wenn dieser Zyklus auch noch mit einem internationalen Preis ausgezeichnet wurde, kann ich persönlich nur glücklich und zufrieden sein.

Warum haben Sie beschlossen aufzuhören?

Ich glaube, ich habe in diesem Bereich alles gesagt, was ich sagen wollte. Ich habe in den sieben Gedichtbänden die unterschiedlichsten Seelenzustände ausgelebt – von dem Wunsch, mir zu beweisen, dass ich Potenzial habe, über den inneren Druck, der von verschiedenen Ereignissen in meinem Leben erzeugt wurde, bis hin zu imaginiertem und reellem Schmerz, Kontemplation, Liebe und vieles mehr. Einen Band habe ich beispielsweise der Stadt Kronstadt gewidmet: Die 85 Sonette sind jeweils von einem spezifischen Ort aus der Stadt inspiriert. Ich glaube alles ausgedrückt zu haben, was ich bin. Wenn ich das Projekt fortsetzen würde, würde ich mich nur noch wiederholen – und es wäre schade. Außerdem habe ich weitere Projekte, die es verdienen, eine schriftliche Form zu bekommen.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

Dank des Preises habe ich mich entschlossen, erst einmal die Geschichte des „NUX“-Preises zu schreiben, eine Art Mailänder Tagebuch. Allein die Aufzeichnungen über Geschehnisse, Begegnungen, seelische Empfindungen in den vier Tagen, die ich in Mailand verbracht habe, werden ein Büchlein von etwa hundert Seiten ergeben.
Ein weiteres Projekt betrifft meine ersten drei Bücher, die Märchen in Versform. Vor Jahren hatte ich aus diesem Werk eine Vorführung gemacht, die ich bei den rumänischen Gemeinschaften in Kanada präsentiert habe. Auch damals habe ich Tagebuch geführt – und ich betrachte die Veröffentlichung dieses Tagebuchs als sinnvoll, denn es geht dabei weniger um meine Auftritte und Eindrücke, und vielmehr um eine Bestandsaufnahme des Befindens der ausgewanderten Rumänen.

Drittens gibt es literarische Familienverpflichtungen, und zwar möchte ich einen Roman mit autobiografischen Zügen schreiben. Einen Roman, in dem ich als Grundlage das Tagebuch verwende, das mein Vater im Gefängnis geschrieben hat. Er wurde von der Securitate an dem Tag abgeholt, an dem ich geboren wurde, und war fünfzehn Jahre lang politischer Gefangener. Ein Buch mit dieser Thematik ist nicht nur die Wiedergabe einer Familiengeschichte, sondern meines Erachtens die Radiografie des Schicksals einer ganzen Generation, die von historischen und politischen Umständen zerstört wurde. Schließlich möchte ich auch eine Sonett-Anthologie herausbringen und die schönsten Gedichte in einem Band vereinen.

Wie kamen Sie eigentlich auf die Gedichtform Sonett?

Mit dem Schreiben habe ich spät angefangen – ich war schon über fünfzig. Irgendwann im Laufe der Zeit war es mir klar geworden, dass ich in meinem Leben zwar sehr viel Schönes erlebt und unternommen hatte, doch alles war aus der Kategorie des Vergänglichen: an Aufführungen und Kulturveranstaltungen, seien sie noch so gelungen, erinnern sich im Nachhinein höchstens jene, die unmittelbar daran teilnehmen. Aus diesem Grund habe ich beschlossen, konsistentere Zeichen meines Lebensweges zu hinterlassen und eben zu schreiben. Ich habe mir lange Zeit Gedanken über die richtige Form gemacht – und habe erkannt, dass ich eine gewisse innere Struktur habe, eine Offenheit für Musik, Geste, Intuition der Sprache und Metrik zugleich. Sonette sind wie maßgeschneidert für diese Voraussetzungen und stehen mir am nächsten. Ohne es unbedingt zu wollen, habe ich dabei eine Form gewählt, die eher selten aufgegriffen wird. Ich glaube, ich bin gerne ein Einzelgänger. Letztlich haben mir diese Gedichte derartigen Spaß bereitet, dass ich zunächst gar nicht mehr aufhören konnte. Mit der unverminderten anfänglichen Begeisterung habe ich fast acht Jahre verbracht.

Sonette  sind gleicherma-ßen  rigoros und fantasievoll. Welches von beiden ist charakteristischer für Sie?

Ich bin eher gefühlvoll, harmoniebedürftig und empfänglich für Schönes. Doch ich war überrascht zu entdecken, dass mir die Strenge des Sonetts trotzdem sehr vertraut ist. Wenn man beispielsweise Blankvers schreibt, hat man vollkommene Freiheit und keinerlei Grenzen. Beim Sonett gibt es von Anfang an eine Art „Korsett“ – wobei meiner Meinung nach dieses Wort viel zu einengend klingt. Mich hat das sogenannte „Korsett”, das Regelwerk, eher angespornt, und schließlich hat es sich sogar als Vorteil herausgestellt: Man ist von vornherein durch die strenge Form verpflichtet, sehr konzentriert zu sein. Es gibt keine Spannungsschwankungen, es geht nichts von der Intensität verloren. Wahrscheinlich wäre ich in einer weniger strengen Form zu entspannt, zu unkonzentriert gewesen und hätte vielleicht die Energie des Textes eingebüßt.

Sie haben sich schon immer mit mehreren Künsten und ihren Schnittpunkten befasst und haben vor wenigen Jahren in Kronstadt eine „Gruppe für Buchstaben, Klänge und Farben“ gegründet. Wieso diese Gruppe?

Von Anfang an haben wir – das heißt meine Kollegen und ich – uns gedacht, dass man sein Publikum näher bringt, indem man nicht nur sich selbst und seine eigene Kunst ausdrückt. Wir glauben, dass das Publikum eine möglichst breite Auswahl an Ausdrucksformen zur Verfügung haben muss – und mehrere Herausforderungen auf hohem Niveau. Ich war schon immer der Ansicht, dass eine Art Synkretismus notwendig und willkommen ist, was jedoch in Kronstadt eher selten vorkommt. Wir hoffen, mit unserer Gruppe ein breiteres und weniger ’spezialisiertes’ Publikum anzusprechen und für die Kultur allgemein zu begeistern. Gerade das kann man immer weniger mit den klassischen Mitteln wie Opernbesuch, Vernissage oder Buchvorstellung erreichen.

Leider ist das Kulturleben heutzutage aus verschiedensten Gründen nicht nur in Kronstadt ziemlich eingeschränkt und der Kreis der Nutznießer ziemlich eng. ’Leichtere‘ Angebote mit großem Marketingaufwand, oberflächlichen Reizen, ’Stars’ und Modeerscheinungen finden viel mehr Zuspruch. Höchst-wahrscheinlich ’desertiert’ ein Teil des Publikums auch, weil die Hochkultur ein gewisses Maß an Professionalität voraussetzt. Manche wählen eine Kulturveranstaltung nicht der Kultur zuliebe, sondern um sich zu entspannen, sich zu unterhalten. Was jedoch Tiefe und Reflexion voraussetzt, ist eine deutlich schwierigere Kost. Aller-dings wird auch die Genugtuung in der Kunst anders verrechnet: Sie ist nicht finanzieller Natur und betrifft auch nicht den sozialen Status. Kunst macht viel Arbeit, doch die Freude ist tiefgründig, beständig und erfüllend.

Herzlichen Dank für Ihre Ausführungen.

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