Literatur ist so politisch

FILTM fand zum zweiten Mal in Temeswar statt

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Große Persönlichkeit: Einer der bedeutendsten Vertreter der ukrainischen Post-Moderne, Juri Andruchowytsch, las auf dem Literaturfestival FILTM Foto: Privat

Ein Literaturfestival kann nicht unpolitisch bleiben, wenn Schriftsteller wie Wiktor Jerofejew, Juri Andruchowytsch oder Igor Marojević zu den geladenen Gästen gehören. Nein, Politik gehört dazu, auch wenn sie in den literarischen Werken nun Einzug findet oder nicht. Bei Jerofejew und Andruchowytsch steht es außer Frage. Sie gelten besonders in Deutschland als scharfe Kritiker ihrer jeweiligen Länder und auch wenn sich die beiden Autoren auf verschiedenen literarischen Veranstaltungen treffen, tauschen sie sich meistens über die aktuelle Lage in Russland und der Ukraine aus. Und es fallen meist aufbauende Worte, zumindest so aufbauend, wie sie sein können. So schlimm es politisch in der Ukraine auch zugehen mag, zumindest ist das Land freier als Russland. Das meint Jerofejew, während Andruchowytsch noch immer auf den Vergleich beharrt: Sein Land sei wie ein Betrunkener, der durch die Nacht torkelt.

Doch auf der zweiten Auflage des Literaturfestivals FILTM stahlen zwei andere Autoren den beiden Persönlichkeiten die Show: Die serbischen Gäste -  der Dichter Duško Novakovic und der Dichter und Dramatiker Igor Marojević – wurden besonders von den Zuschauern zu den Jugoslawienkriegen befragt. Tragen die Schriftsteller eine Mitschuld, wollte der rumänische Schriftsteller Daniel Vighi wissen. Für Marojević lautet die Antwort: absolut. Zwar könne man nicht alle beschuldigen, den Hass geschürt zu haben, doch besonders viele prominente Schriftsteller in leitenden Positionen im heutigen serbischen Schriftstellerverband hätten sich laut Marojević schuldig gemacht.

Er selbst geht mit bestimmten Themen mit einer gewissen, gespielten Gleichgültigkeit um. Das betrifft besonders seine schriftstellerische Laufbahn und seine provokante Art, die schon öfters für Kontroversen gesorgt hat. Kontroversen seien gut, findet der Schriftsteller.

Weniger provokant und kontrovers waren die rumänischen Gäste: Der lokale Dichter Robert [erban und Mitveranstalter des Literaturfestivals las erstmals unveröffentlichte Gedichte, die er während seiner Urlaubszeit in Wien geschrieben hat. Alexandru Potcoavă las einen Auszug aus seinem unveröffentlichten Roman vor und erntete Lob von Daniel Vighi, der das Manuskript seines bald erscheinende Buches gelesen hat und es für das beste Werk des jungen Autors hält. Potcoavă bedankte sich bescheiden, forderte aber auch gleichzeitig mehr konstruktive Kritik statt Lob.

Der einzige Westler, der auf dem diesjährigen Festival las, war der Italiener Fabio Geda. Er stellte sein jüngstes Buch vor, „Im Meer schwimmen Krokodile“, das von einem Jungen aus Afghanistan handelt. Besonders interessant für die Zuschauer war jedoch Gedas Roman „Emils wundersame Reise“, der von einem 13-jährigen rumänischen Waisen handelt. Immer wieder sind Jugendliche die Protagonisten seiner Geschichten, die durch mehrere Länder und Kontinente führen. Dabei beruhen die Geschichten meist auf wahren Begebenheiten. Zehn Jahre lang arbeitete Geda in einem Waisenhaus, wo er für die Kinder da sein musste. Auch „Im Meer schwimmen Krokodile“ handelt von einer wahren Begebenheit. Geda erzählt nur das weiter, was ihm ein Jugendlicher erzählt hat.

Juri Andruchowytsch stellte sein „Lexikon der intimen Städte“ vor, das er 2011 herausbrachte. Dabei tauchen nicht 28 Buchstaben wie im lateinischen Alphabet auf, sondern die kyrillischen 33 Buchstaben. In Erzählungen, Mini-Romanen, Witzen, Gedichten sowie weiteren literarischen Darstellungsformen stellt Andruchowytsch über hundert Städte vor. Darunter seine persönlichen Favoriten: Moskau, Berlin und Lemberg.

Die Bukarester Agentur für Kommunikation, Headsom Communication, hat letztes Jahr das Literaturfestival „FILTM – Von West nach Ost/Von Ost nach West“ initiiert. Der Erfolg der ersten Auflage, die viele große Schrifsteller aus West-, Ost-, und Mitteleuropa nach Temeswar brachte, hat die Veranstalter dazu bewogen, das Festival fortzusetzen. Vorwiegend Studenten besuchten das Festival, doch auch lokale Persönlichkeiten. Eine dritte Auflage steht bereits in der Mache. Welche großen Schriftsteller man bei der dritten Auflage erwarten kann, darüber wird gerätselt. Zumindest konnte eine Studentin in diesem Jahr schon im vorhinein die geladenen Gäste erraten. Als Belohnung erhielt sie jeweils ein Buch von den teilnehmenden Autoren mitsamt Autogramm. 

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