Literatur wie täglich Brot

Ein brühwarmer Eindrucksbericht von den 28. Deutschen Literaturtagen in Reschitza, nebst einem Erlebnisbericht von einer Entdeckungsfahrt ins serbische Werschetz

Mittwoch, 18. April 2018

Sämtliche Teilnehmer der Eröffnungsveranstaltung vor der "Alexander Tietz"- Bibliothek, dem Tagungsort, unter der Büste des Reschitzaer Volkskundlers und Lehrers. Foto: DFBB

Reschitza/Werschetz - „Wenn die Sprache wie das täglich Brot ist, lebensnotwenig, um nicht in Sprachlosigkeit zu verhungern, so ist die Literatur wie die köstliche, selbstgemachte Marmelade, die das Brot versüßt und unverhoffte Aromen aus ihm herauskitzelt. Literatur (...) ist die schönste Form der Sprachveredelung: sie nutzt die gesamte Bandbreite der sprachlichen Mittel, die vielen Nuancen und Sprachebenen, die Stilmittel und – nicht zuletzt – die regionalen Besonderheiten, um sich in literarischen Formen über die Alltagskommunikation hinaus zu erheben. Literatur kann versöhnen oder verstören; sie kann trösten oder aufhetzen; sie kann Ketten sprengen oder sich selbst in Fesseln legen. Wo Willkür sich in Zensur äußert, ist es zuvordererst die Literatur, die den Kampf aufnimmt, die Hintertürchen öffnet, um die Zensur zu umgehen.“

Mit diesen wohlüberlegten und –fundierten Aussagen begann der Vizekonsul Deutschlands in Temeswar, Frank Ufken, seine Begrüßungsrede der 28. Deutschen Literaturtage in Reschitza, die – das muss vorneweg gesagt sein! – nicht nur eine willkommene Kommunikationsplattform unter Gleichen waren, sondern  auch ein Publikumserfolg, genauso wie sie ein Erfolg in den Augen jedes Teilnehmers waren. Wo sonst, wenn nicht in Reschitza zum Frühlingsbeginn, findet sich eine vergleichbare Austausch- und Manifestationsplattform für in- und ausländische Literaturschaffende und –betrachter, für Übersetzer und Kulturmanager gleichermaßen. Etwas gefehlt haben dabei die Verleger (und vieleicht auch ein paar Vertreter von Druckereien) – aber das lässt sich bei der Organisationskapazität der Reschitzaer und ihres Stabführers Erwin Josef Țigla 2019 spielend nachholen.

Ein weiteres Mal soll der offizielle Vertreter Deutschlands zu Wort kommen (nicht zu vergessen: die Botschaft Deutschlands in Bukarest und das Departement für Interethnische Beziehungen beim Generalsekretariat der Regierung Rumäniens sowie das Ministerium für Kultur und Nationale Identität unterstützen seit Jahren verlässlich die Veranstaltung!). Frank Ufken zählte die „Nebeneffekte“ einer solchen Veranstaltung auf: Austauschplattform für aktuelles Fachwissen, nachhaltiger „Literaturtransport“ in die breite Öffentlichkeit, „Dokumentation und Rückversicherung des eigenen Schaffens“, aber auch, dass die „verehrten Literaturschaffenden, verehrten Literaturkonsumenten“ durch solche Veranstaltungen „eine Positionsbestimmung vornehmen“. Das bewirkt, dass Literaturtage dieser Art „hinausstrahlen“.

Deutsche Literatur in Rumänien sei zwar „bei allen Globalisierungseffekten“ der letzten beiden Jahrzehnte, „immer eine ´Minderheitenliteratur`“, im „besten Wortsinn“, nämlich „Literatur der Autoren der deutschen Minderheit in Rumänien“ – egal, ob die Literaten noch effektiv hier leben oder nicht, darf man wohl hinzufügen – aber: „was sich als Nische anhört, ist ein Alleinstellungsmerkmal! Vor allem hier im Banat, das zu der sehr überschaubaren Anzahl an Regionen weltweit gehört, auf deren Scholle Literaturnobelpreisträger geboren wurden!“

Vizekonsul Uffken ging zur Überraschung Vieler sogar noch weiter: „Vergegenwärtigen Sie sich das Dilemma, das dort entsteht, wo der rumäniendeutsche Autor – wie übrigens jeder Autor auf der ganzen Welt – sich aus seinem Umfeld lösen möchte, weil er nicht nur in seinem Land, sondern auf der ganzen Welt gelesen werden möchte.“ Deshalb solle man diese Literaturtage auch nutzen, „um darüber zu sprechen, wie die deutschsprachige Literatur Rumäniens die Ländergrenzen überwinden kann, wie die Sprachgrenzen durch entsprechende Übersetzungen überwunden werden können.“ Hinzuzufügen wäre, dass (auch) die rumäniendeutsche Literatur nur zögerlich übersetzt wird und selbst im rumänischen Umfeld bis zur Stunde viel zu wenig bekannt ist.

Eröffnet wurden die Lesungen durch einen Stargast, der erst einmal seine Liebe zu Reschitza und zur den Deutschen Literaturtagen allhier in unverwechselbar emphatischer Weise kundtat: Nora Iuga, die zunehmend zur Grande Dame der rumänischen Lyrik wird und die durch gute Übersetzungen (Ernest Wichner), auch in Deutschland zunehmend bekannt wird, die sich aber auch erfolgreich ums Bekannterwerden rumäniendeutscher Literatur im Rumänischen durch Übersetzungen bemüht (Rolf Bossert, Aktionsgruppe Banat). Ohne Nora Iuga, die zum neunten Mal an diesen literaturtagen teilnahm, wären es in Reschitza bloß Literaturstunden geworden. Außerdem: Nora Iuga steht so souverän über den Dingen, dass sie längst das natürliche Orgueil des Künstlers abgelegt hat und praktisch für jeden Referenten ein paar ermutigende, aufbauende Worte fand, ob im Öffentlichen oder Privaten. Sie trug erst aus dem Gedächtnis zwei Gedichte im rumänischen Original vor, um dann aus Ernest Wichners Übersetzungen ihrer Gedichte zu lesen. Hervorzuheben: Nora Iuga machte kein Hehl daraus, dass ihr Traumberuf Schauspielerin gewesen wäre und dass sie „spät und zufällig“ Lyrikerin geworden sei: sie liest hochprofessionell Gedichte vor, Beeindruckend, die Grande Dame Nora Iuga!

Viel leisere Töne, allerdings von hoher Intensität, schlug Joachim Wittstock an, den der heute erfolgreichste Schriftsteller unter den Rumäniendeutschen, Eginald Norbert Schlattner, so sieht: „Für mich ist J. Wittstock DER siebenbürgische Schriftsteller,  literarisch  gediegen  und genremässig allumfassend, in allem, was  er niedergeschrieben hat, verlässlich.“ Eine bessere Empfehlung kann man sich schwer vorstellen. Und Joachim Wittstock hält, was ihm als lob vorauseilt. Er las aus „einer längeren Erzählung“ eigentlich einer Docufiction, „Kundfahrt jenseits des Pruth“, eine Geschichte aus den 1940er Kriegsjahren, mit der Hauptgestalt des in Bukarest lebenden Siebenbürger Sachsen, Volkmar Dekani (Name erfunden). Ausgewogenes, gewohnt gediegenes Erzählgut mit viel Hintergrund zum ersten Kriegsjahr November 1941. Man darf gespannt sein aufs Buch.

Erfrischend der Auftritt der frischgekürten Dr.rer.phil. Bianca Barbu, die diesmal keine Literatur las sondern eine Vorstellung des Inhalts ihrer Doktorarbeit über Orawitza machte.

Kristiane Kondrat/Luise Fabri kam nach mehr als 40 Jahren erstmals wieder in ihre Geburtsstadt Reschitza. Sie las Gedichte und Prosa (zu langatmig und ermüdend detailreich ihre Kindheitserinnerungen - für einen solchen Rahmen).

Ilse Hehn stellte den von ihr, Heidrun Hamersky und Wolfgang Schlott zusammengestellten umfangreichen Band des Exil-PEN (2019 Gast der Deutschen Literaturtage in Reschitza) „Die Sehnsucht, die ist mir so leicht. Schreiben im Exil“ vor und las daraus ein paar berührende Gedichte von zur Heimatlosigkeit gezwungenen Literaten.

Der aus dem Banat stammende Budapester Hochschullehrer Nelu Brădean-Ebinger stellte seinen zweiten historischen Roman, „Der Einsiedler von Budaörs“ vor, eine geschickt und professionell geschriebene Story rund um einen Donauschwaben, der als Einsiedler (Franz Wendler) die Steinberger-Kapelle von Budaörs, einem ehemals schwäbischen Dorf bei Budapest, gebaut hatte, und von dessen Urenkel Josef Wendler, einem erfolgreichen Manager der Nachwendezeit, der an Burnout erkrankt. Gehäbig bis gediegen erzählt, akribisch dokumentiert.

Darauf folgten zwei echte Vertreterinnen der jüngeren Banater deutschen Literatur, Ilse Hehn („Sandhimmel“, illustriert mit wunderbaren Übermalungen der bildenden Künstlerin) und Edith Ottschofski („im wohlklang unverhohlen“, illustriert und mit Zitaten aus Fernando Pessoa vervollständigt von Ilse Hehn). Für den Unterzeichner dieser Zeilen war das, was die in Temeswar geborene (in Berlin lebende) Edith Ottschofski las, eine Offenbarung: wir haben es mit einer authentischen Lyrikerin zu tun, die auf ihre Entdeckung im deutschen Sprachraum wartet. Vielleicht tut ihr Verleger, Traian  Pop vom Pop-Verlag, etwas Entscheidendes in diese Richtung! Alldas soll nicht das Lese-, Hör- und Sehvergnügen vertuschen, was Ilse Hehn geschickt vermittelte. Über weite Strecken Ästhetik pur.

Hans Dama aus Wien stellte seinen neuesten zweisprachig deutsch-rumänisch (Übersetzung: Simion Dănilă) erschienen Band „Tu Felix Austria“ vor, ein Band voller tiefempfundener Naturlyrik und satirischer Härte, den Ana Kremm in seiner rumänischen Variante und Werner Kremm in der deutschen Urfassung zu analysieren versuchten. An sich ein Experiment der Zweisprachigkeit, die der Autor in einem der Gedichte nutzte, indem er das Widmungsgedicht an seinen Übersetzer (Dănilă, der Nietzsche-Übersetzer ins Rumänische, wird dieser Tage 75) direkt rumänisch schrieb und es dann selber eindeutschte.

Ein Hör- und Sehvergnügen war wieder einmal der Auftritt von Edith Guip-Cobilanschi, die eine Verwandte ihres Ex-Manns, die in Gura Humora geborene Olga Kobylanska und deren „Valse mélancolique. Ausgewählte Prosa“ vorstellte und dabei viel aus ihrem eigenen leben mit dem ihr spezifischen Humor einflocht.

Johann Schuth aus Budapest, hierzulande als Journalist und Schriftsteller gut bekannt, stellte Druckerzeugnisse des Verbands der Deutschen Schriftsteller und Künstler aus Ungarn vor und bot eine umfassende Information zum gegenwärtigen Stand des künstlerischen Schaffens, aber auch über den Identitätszustand der Ungarndeutschen.

Enorme Fortschritte bescheinigte sich selbst der Sloweniendeutsche Ales Tacer, der ein ansprechendes deutschsprachiges Kinderbuch vorstellte und daraus las, während Veronika Haring, die Vorsitzende des Kulturvereins Deutschsprachiger Frauen „Brücken“, den 16. Sammelband literarischen Schaffens der Vereinsmitglieder vorstellte. Eine Sondernummer stellt der in Slowenien lebende Ivan Korponai dar, der serbisch, ungarisch, deutsch schreibt, Lyrik und Prosa veröffentlicht und dessen jüngste Bücher von der Hermannstädterin Beatrice Ungar betreut werden.

Am Sonntag ging die literarische Reise der Tagungsteilnehmer ins serbische Banat, nach Werschetz. Darüber berichtet Bianca Barbu:

 

Nach der Ankunft in der serbischen Kleinstadt wurden die Teilnehmer zuallererst von dem Koschawa-Wind begrüßt – da dieser auch im Banater Bergland weht, sollte das ein erstes spürbares Element der historischen Verbundenheit mit dieser Gegend darstellen. Die gemeinsame Geschichte sei auch ein Grund, weshalb er sich für eine Reise nach Werschetz entschieden habe, so Erwin Josef Ţigla: „Wenn es auch noch staatliche Grenzen gibt, so können wir vielleicht mithilfe der Poesie wenigstens die Grenzen in Köpfen und Herzen abschaffen“. In der beeindruckenden römisch-katholischen „St. Gerhards“-Kirche Werschetz wurde die Messe besucht, anschließend stellte Claudiu Sergiu Călin, Diözesanarchivar in Temeswar, den Band „Gerhard von Csanád“ vor. Es handelt sich um eine Monographie in deutscher Sprache zum ersten Bischof von Tschanad, aus der Feder des römisch-katholischen Diözesanbischofs von Temeswar, Dr. h.c. Martin Roos, erschienen 2017 im Eigenverlag der drei Schwesterdiözesen Szeged - Csanád (Ungarn), Großbetschkerek (Zrenjanin, Serbien) und Temeswar. Der Besuch in Werschetz war von Mehrsprachigkeit geprägt: Die Messe wurde auf Ungarisch und Serbisch gehalten, der Stadtbibliothekar Tamás Fodor übersetzte die deutsche Buchvorstellung ins Serbische und ging auf der anschließenden Stadtführung auf die multikulturelle Geschichte der Stadt ein. In der Werschetzer Stadtbibliothek wurden die Gäste von der Direktorin Vesna Zlatičanin empfangen. Die Bibliothek enthält u.a. 30.000 Bücher in deutscher Sprache, darunter alte und seltene Exemplare wie eine Lutherbibel aus dem 16. Jh., und eine Sammlung deutschsprachiger Periodika aus der Region (der „Werschetzer Gebirgsbote“ erschien 1857-1942). Erwin Josef Ţigla und Tamás Fodor moderierten hier eine „literarische Matinée“, wo die Teilnehmer der Literaturtage einige lokale Autoren trafen, die mit ihnen abwechselnd Gedichte vortrugen: auf Deutsch, Serbisch, Rumänisch, Slowenisch, Ungarisch und Mazedonisch. Auch wenn das Publikum die Werke immer nur teilweise verstand, so ergaben sich doch Diskussionen und „man konnte die Melodie der Sprachen mitbekommen“, wie die Autorin  Edith Ottschofski bemerkte. Und eine Melodie war es auch, die gleich zu Beginn ein Gefühl der Verbundenheit unter den Anwesenden schuf: Als Nora Iuga ein altes serbisches Wiegenlied sang, das sie von ihrer in Werschetz geborenen Großmutter gelernt hatte, stimmten einige Zuhörer mit ein. Ganz nach dem  Motto der Veranstaltung: „Poesie kennt keine Grenzen“.    

 

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