Lucia Condreas ovales Universum

Die Künstlerin aus der Bukowina bezaubert die Welt mit ihren filigranen Meisterwerken

Freitag, 13. April 2012

Mit der „chişiţa“ wird das Wachs in hauchdünnen Linien aufgetragen: man sagt, ein Ei wird nicht bemalt, sondern beschrieben“.

„Allein zwischen Schätzen“ lautet der Titel des Eis, auf dem sich die Künstlerin selbst darstellt.

Nur zögerlich ließ sich Lucia Condreas Enkelin Iustina in ihrer prächtigen Tracht fotografieren.

Ehemann Traian führt mit Begeisterung durch das Museum und unterstützt seine ehrgeizige Frau auch sonst in all ihren Plänen.
Fotos: George Dumitriu

Man munkelt, sie seien die slawisierten Nachfahren der Daker. Auf der Flucht vor den römischen Eroberern sollen sie sich ins bergige Hinterland der Bukowina bis in die heutige Ukraine zurückgezogen haben. Fast zwei Jahrtausende trotzten die „Tapfersten unter den Thrakern“ dort den Zeiten, die da kamen und gingen, nur am Rande berührt von der Zivilisation, die sich um sie herum entwickelte. Ihre schlichten Höfe lagen verstreut auf den Gipfeln der kärglichen Hügelwelt. Sie lebten von den Früchten der Natur im Einklang mit der Natur: Jagd, Viehzucht, ein wenig Ackerbau, denn viel wächst nicht in der Höhe. Viele der heute für die Bukowina typischen Traditionen sollen dort ihren Ursprung haben: „Mămăligă de Barabuli“, eine köstliche Version von Polenta mit gestampften Kartoffeln, Sirup aus Tannenwipfeln, Heidelbeeren oder Himbeeren, vor allem aber das filigrane Dekorieren von Eiern mit Farbe und Wachs. Wir wissen nichts von diesem merkwürdigen Volk, das sich die „Huzulen“ nennt, bis wir zufällig auf eine von ihnen treffen: die Künstlerin im Eierdekorieren in Moldoviţa, Lucia Condrea.

Heute lebt sie natürlich längst nicht mehr am einsamen Hof ihrer Kindheit, der nur wenige Kilometer von Moldoviţa entfernt lag. Ihr schmuckes Museum, wo sie ihre Werke und viele im Tausch erworbene Eier anderer Künstler von Welt ausstellt, hat nichts mit den Holzhäuschen der Huţulen gemein, und Kühe hat sie wohl schon seit Jahrzehnten nicht mehr gemolken. Ihre Besucher kommen aus aller Welt: Japaner, Deutsche, Holländer, Australier. Sie logieren in der modernen, geschmackvoll eingerichteten kleinen Pension über dem Museum, genießen die lokalen Köstlichkeiten der Gastgeberin und die meditative Kraft der verschiedenen Grüntöne, die sich hinter dem Haus bis zum Horizont ergießen. Die meisten wollen von ihr die Kunst des Eierdekorierens erlernen, für die die Bukowina in aller Welt berühmt ist – nicht zuletzt dank Lucia Condrea. Denn obwohl die Künstlerin in Rumänien nur mäßig bekannt ist, gilt sie weltweit als eine der Besten in ihrer Disziplin. Zu 91 internationalen Wettbewerben in acht Ländern wurde sie eingeladen, nur wenige der zahlreichen Diplome und Trophäen finden Platz an der Wand des Treppenaufgangs in ihrem hauseigenen Museum im modernen Stil, das in beleuchteten Vitrinen in weißen Arkadennischen ihr Lebenswerk zur Schau stellt. Auf ihren zahlreichen Besuchen in Deutschland, Frankreich, Belgien oder der Schweiz inspirierte sie sich an den dortigen Baustilen und Inneneinrichtungen, stets auf der Suche nach Ideen für ihr eigenes Heim und das Museum.Tradition und Moderne sind für sie kein Widerspruch. Und obwohl sie sich im lindgrünen T-Shirt, Ton in Ton mit der Hose, am wohlsten fühlt, präsentiert sie sich gerne für uns in traditioneller Tracht, legt die für die Huţulen typische Holzkette an und posiert mit den Enkelinnen Iustina und Cristina in Opinci im Rosengarten. 

Bittere Armut

Traian Condrea verabschiedet die zwei Franzosen, die in der Pension genächtigt hatten und empfängt eine neue Gruppe zur Führung durch das Museum. Die kleine Iustina darf sich wieder umziehen, bevor sie zu weinen beginnt und Cristina schmollt, weil ihre kleine Schwester der erkorene Star des Fotografen war. Lächelnd lässt sich Lucia Condrea auf einen Gartenstuhl fallen. Endlich hat sie ein paar Minuten Zeit, um ihre Geschichte zu erzählen.
 
Sie beginnt im kargen Hügelland, nicht weit von ihrem heutigen Heim. In einem schlichten Häuschen in einem Huzulendorf wuchs sie als einziges Mädchen von vier Kindern in einer bitterarmen Familie auf. Ein zartes Geschöpf mit blauen Augen und blonden Zöpfen, die bis zur Hüfte reichten. Nur ungern erinnert sie sich an ihre Kindheit, und doch hat sie sich auf einem ihrer Meisterstücke so verewigt: ein Mädchen mit Schürze, umgeben von Blumen, die in Sterne übergehen, unter einem Firmament aus feiner Häkelspitze vor nachtschwarzem Himmel. „Das Leben war sehr rau damals, vor allem für Mädchen“, beginnt sie zu erzählen. Die Mutter schwer herzkrank, der Vater ging jeden Morgen um sechs Uhr zur Arbeit in der nahen Fabrik. Lucia musste früh aufstehen, um dem Vater den Maisbrei zum Frühstück zu bereiten, dann begleitete sie ihn mit einem Wägelchen zum Holz sammeln. Nach der Schule ging es wieder zum Holz holen und danach warteten häusliche Pflichten auf das Mädchen. Die Ferien verbrachte sie auf der Alm, wo sie die Kühe der Großeltern hütete, melkte, mähte und Heumännchen auftürmte. Zum Lernen blieb keine Zeit, nur zwischendrin konnte sie sich gelegentlich in eine Ecke verziehen. Von klein auf aber liebte sie Handarbeiten, die sie sich im Winter eifrig von den Nachbarinnen abguckte: Nähen, Stricken, Sticken, Weben, Häkeln. Im Sommer sah man das Mädchen oft in ein Strickzeug versunken auf der Weide zwischen den Kühen hocken. Egal ob auf der Feldarbeit, zuhause oder in der Schule, mit unermüdlichem Appetit lernte sie Neues und verspürte den inneren Drang, alles bis zur Perfektion zu treiben. Die Nachbarn fragten sich oft: „Was wird aus diesem Mädchen, wenn es erst groß ist?“
 
Träume und Tränen

„Ich habe viel geträumt, aber nie geglaubt, dass ich jemals etwas erreichen kann“, seufzt Lucia und lächelt. „Mit dem Kopf ständig in den Sternen, versenkte ich mich in eine andere Welt, in eine strahlende Zukunft, weit weg von den Kühen der Großeltern. Ich sah mich als Architektin, als Sängerin, als Bildhauerin oder Konzertpianistin.“ Doch bald sollte sie brüsk auf den Boden der Tatsachen fallen. Obwohl sie im gleichen Jahr wie ihr kleiner Bruder die Schule abschloss, versagten ihr die Eltern das ersehnte Studium. Die Familie war zu arm, zwei Ausbildungen zu bezahlen, und für ein Mädchen, das sowieso heiraten würde, lohnte es sich nicht, wie der Vater meinte. Nicht einmal mit der Offiziersschule in Fogarasch, für die sie den Aufnahmetest bestanden hatte, erklärten sich die Eltern einverstanden. „Was willst du, Vater? Dass ich einen mit Stiefeln heirate, einen von den Huţulen?“ revoltierte das bitter enttäuschte Mädchen. Der Vater aber fragte sich, was mit seiner Tochter los war. Ein Mädchen, das seine Kleider bügelt, wie es sonst nur die Reichen tun? Das nicht zum Tanzen geht wie andere Gleichaltrige? Das vom Heiraten nichts hören will. Was verlangt dieses Kind vom Leben?

Enttäuscht bewarb sich Lucia bei der Bahn, stetzte sich gegen 360 Mitbewerber durch und wurde Eisenbahnkontrolleurin. Auch dort zeigte sie schnell eine starke Hand: täglich wurden 30 Waggons inspiziert und abgefertigt, doch Korruption – damals gang und gäbe – wollte sie nicht durchgehen lassen. Neben ihrem Beruf fand sie Zeit, selbst Schnitte zu entwerfen und nähte bald für das ganze Dorf Kleider nach der neuesten Mode, die man im Kommunismus nirgendwo kaufen konnte. Sie mietete ein Appartment in Gura Humorului, erwarb eigene Möbel und fand sich bald umschwärmt von guten Partien, die sie eine nach der anderen abblitzen ließ. Ja, sie wollte ein anderes Leben! Doch dies bedeutete nicht einfach nur Geld. Heimlich dachte sie ohnehin nur an einen... den Jungen, der ihr auf einem Schulball einst das Tanzen beigebracht hatte. Und etwas Eigenes wollte sie schaffen, nicht auf dem bequemen Polster einer gutsituierten Ehe ausruhen. Ihr neuer Traum? Eine eigene Schneiderei.

Ein treuer Weggefährte

Als ihr früherer Schulfreund als neuer Mathematiklehrer von der Uni nach Moldoviţa zurückkehrte, ereilte sie doch noch ihr Schicksal: sie heiratete einen Huzulen, wie der Vater es sich gewünscht hatte – nur dass dieser mit der Wahl seiner Tochter wieder nicht einverstanden war. Traian Condrea war ihm zu arm, seine Lucia hatte bessere Bewerber an der Angel. Doch diese packte kurzerhand ihre Mutter und eine Tante und fuhr mit ihnen zum Standesamt, wo das Paar heimlich heiratete. Erst danach lernte sie ihre Schwiegereltern kennen. „Die dachten, ich sei reich, weil ich mit 21 schon eigene Möbel hatte“, amüsiert sie sich. Ihr Mann besaß damals nur eine Bibliothek. 

Mit Traian hatte Lucia endlich den Partner gefunden, der sie unterstützte und mit ihr an einem Strang zog. Mit Mathematik-Nachhilfestunden und dem Verkauf von Handarbeiten schaffte es das Paar, den Traum von der Schneiderei zu verwirklichen, die schnell Erfolg hatte. Obwohl sie manchmal ein Kleid für nur zwei Kilo Zucker nähte, schaffte es das Paar, ein eigenes Häuschen zu bauen und Tochter Otilia kam zur Welt.

Die Welt zu Füßen

Eines Tages ließ sie sich aus einer Laune heraus von einer alten Frau zeigen, wie man Eier dekoriert. Eine neue Leidenschaft war geboren! 1992 – nur zwei Jahre später – wurde sie zum Kongreß der Balkanfrauen nach Bukarest eingeladen. Seit 1993 reist sie seither jedes Jahr ins Ausland. wo sie 2003 ihren ersten Preis gewann und von da an in internationalen Künstlersalons fast jedes Jahr zielsicher auf einem der ersten Plätze landet. Lucia Condrea aus Moldoviţa verdrängte die Ukrainerinnen von ihren Rängen und machte die Bukowina als Ursprung der Tradition des Eierdekorierens bekannt. Obwohl sie sich nicht an die üblichen Regeln hält, sondern ihre Kunst nach eigenen Inspirationen weiter entwickelt, fühlt sie sich doch als Bewahrer der Traditionen. Denn jedes ihrer kostbaren filigranen Kunstwerke trägt neben einer symbolischen, meist christlich inspirierten Botschaft auch Elemente der lokalen Tradition: authentische Muster aus Stickereien und Spitzen, Motive von Teppichen und Vorhängen, bäuerliche Werkzeuge. So hat sie die Tradition der Huzulen im Ei neu für sich entdeckt. Ihr eigenes kleines Universum, in dem sie die Vergangenheit mit ihren Träumen in Farben und Formen verwebt. 

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