Lust auf Legenden und alte Gemäuer

Wie man früh die Liebe zum Kulturerbe erweckt

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Adriana Scripcariu: „Patrimoniul Cultural – Judeţul Ilfov“, Piscu 2012. ISBN 978-973-0-13260-1

„Heute wissen wir oft viel, sehr viel, über weit entfernte Kontinente, längst erloschene Sterne oder den Grund des Ozeans. Aber die Schönheiten direkt neben uns, die bleiben meist unbekannt.“ So beginnt das liebevoll gestaltete und reichhaltig bebilderte Kinderbuch „Patrimoniu Cultural –  Jude]ul Ilfov“ (Kulturelles Erbe – Landkreis Ilfov) von Adriana Scripcariu, das eigentlich ein Schulbuch für die dritte und vierte Klasse im Kreis Ilfov ist.

Ein außergewöhnliches freilich, das bisher nur in der auf Kulturerbe spezialisierten Schule Agatonia in Piscu, im Bukares-ter Goethe-Kolleg, in der Nicolae-Tonitza-Kunstschule und wenigen staatlichen Bildungseinrichtungen in der Hauptstadt zum Einsatz kommt.

Der Kunsthistorikerin und fünffachen Mutter ist es gelungen, die Kulturschätze des Landkreises mit spannenden Texten und auflockernden Erzählungen so aufzubereiten, dass man mit angehaltenem Atem immer weiter blättert, mal da, mal dort innehält, gefesselt vom Schicksal des Heiligen Dumitru, dem Schutzpatron des Klosters Căldăruşani, bezaubert von den vorchristlichen Regentänzerinnen der Göttin Paparuda, fasziniert von der detaillierten Bilderanleitung, wie man einen Töpferofen aus Weidenruten und Ziegelsteinen baut. Letzterem Handwerk wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet, zumal die Autorin im ehemals traditionellen Töpferdorf Piscu lebt.

Dort hält Familie Scripcariu im Künstleratelier des Bildhauers Virgil Scripcariu regelmäßige Workshops für Kinder zum Töpfern, aber auch zu anderen Kunstfertigkeiten ab (mehr unter www.piscu.ro) .
Im vorliegenden Buch finden nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene spannende Details zu den alten Bauwerken des Kreises Ilfovs, ihren Legenden, dem lokalen Kunsthandwerk (Töpfern, Flechten, Weben) und zahlreichen Traditionen. In 19 kurzweiligen Lektionen bereitet die Autorin unterschiedliche Themen auf, von der Bedeutung der Archäologen („Detektive, die in der Erde nach Spuren aus früheren Zeiten suchen“) über vorchristliche und christliche Bräuche in der Region, von der Konstruktion einfacher Bauernhäuser bis zu bekannten fürstlichen Palästen (Mogoşoaia, Buftea), Kirchen und Klöstern (Cernica, Căldăruşani, Bălteni, Snagov).

Kennen Sie zum Beispiel die „Cucii von Brăneşti“, ein Maskenspektakel mit Ursprung jenseits der Donau zum Austreiben des Winters? Oder wussten Sie, dass es im ägyptischen Katharinenkloster am Fuß des Berges Sinai ein Porträt des Woiwoden Constantin Brâncoveanu gibt? Kennen Sie das Geheimnis der Herstellung ungebrannter Ziegel („chirpici“)?

Man muss kein Schulkind sein, um bei dieser Lektüre Lust auf mehr zu bekommen. Vielleicht sieht man dann die Bauernhäuser im Umfeld von Bukarest, die bekannten Kirchen, Klöster, Herrenhäuser und Schlösser auf einmal mit anderen Augen: durch die der Autorin, die ihre Begeisterung für historische Kulturgüter vor allem deswegen an Kinder weitergeben will, damit das Band der Liebe nicht abreißt, das es braucht, um sie über die Generationen hinweg zu bewahren und zu schützen.

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