Märchen in Meschendorf

Weltbürger auf der Suche nach dem ursprünglichen Leben

Dienstag, 05. Juli 2016

Prospekt und Altar in Meschendorf

Alexandra da Sacco
Fotos: die Verfasserin

Es gibt das: Sympathie auf den ersten Blick, offene Worte und Blicke, Zuneigung, ohne dass man einander wirklich kennt. Im Februar dieses Jahres, draußen ist es noch ungemütlich kalt und grau, landet eine Anfrage in meinem elektronischen Briefkasten. Mit wieviel Aufwand kann die Orgel in Meschendorf/Mesendorf in einen hervorragenden Zustand gebracht werden? Die Frage stellt Alexandra da Sacco aus Bukarest. Tja, da muss ich hin! Waren Sie, lieber Leser, liebe Leserin, schon in Meschendorf? Man muss wissen, wo das liegt, denn keine Tafel weist den Weg. Von der E 60 zwischen Reps/Rupea und Schäßburg/Sighişoara biegt man nach Deutschkreuz/Criţ ab, und erst hier, in der Dorfmitte, erscheint ein Schild: Mesendorf 6 km. Die unlängst reparierte Straße hat schon wieder tiefe Schlaglöcher.

Holztransporter, wer weiß wie legale, haben ihn zerfahren, stöhnt Frau da Sacco, die diesen Weg alle vier Wochen zurücklegt. Meschendorf liegt am Ende eines Tals, in dem fast keine Landwirtschaft mehr betrieben wird. Bei einem zweiten Besuch, Ende April, blüht die Landschaft urwüchsig und überschwänglich. Das Dorf ist vor allem eins: heruntergekommen. Jedes zweite Gehöft verfällt, stattliche Häuser sinken in sich zusammen. Vor dem Dorfladen, der nur wenige Stunden am Tage geöffnet hat, sitzen alte wie junge Menschen und begleiten mit misstrauischem Blick die wenigen vorbeifahrenden Autos. Ähnlich wie in Weißkirch/Viscri steigt ein breiter Weg zur Dorfmitte an, zu Tanzplatz, Schule und Kirchenburg.

Diese wurde vor wenigen Jahren im Rahmen des berühmten 18-Kirchenburgen EU-Projekts der Evangelischen Landeskirche renoviert. Es ist eine Freude, sie zu durchstreifen, Mauern zu sehen, die nicht bröckeln, in einer einladenden Kirche zu sitzen, vor einem ganz besonderen Altar Halt zu machen. Hans Hermann hat ihn gemalt. Die vier Apostel sind vier markante Männerporträts, möglicherweise aus dem Dorf. Die Orgel? Wider Erwarten gibt sie erkennbare Töne von sich, einen Choral kann man spielen, der Balg wird noch wie in alten Zeiten getreten. Ihre Reparatur ist ein Projekt, das steckenblieb. Zu seinem hundertsten Geburtstag hatte sich der letzte Kurator Martin Werner im Jahr 2010 gewünscht, dass „seine“ Orgel wieder klingen möge.

Er hat es erlebt, auch dank dem Meschendorfer HOG-Vorsitzenden, Herrn Dörner, das Geld aber reichte damals nur für das Allernötigste. Mich berührt in dieser Kirche, die keine regelmäßigen Gottesdienste mehr erlebt, in diesem Dorf, das von allen Evangelischen verlassen wurde, eine solche Liebe zur Orgel. Alexandra da Sacco ist mit ihrer kleinen Tochter Sofia mit auf der Empore. Wir geraten schnell ins Träumen und planen, was man für ihre vollständige Restaurierung unternehmen könnte. Leider hat die Orgel im Zuge der letzten Kirchenrestaurierung noch extra gelitten und präsentiert sich nun voller Bauschutt. Niemand hat sie abgedeckt!

Wer ist diese dunkelhaarige junge Frau aus Bukarest? Was hat sie bewogen, ausgerechnet hier ein Haus zu bauen, in dem Holz eine tragende Rolle spielt, an einen Restaurantbetrieb zu denken, wo vegetarische Köstlichkeiten angeboten werden, an Werkstätten, in denen altes Handwerk weitergegeben wird? Bei einem zweiten Besuch im Frühling, das Haus wächst langsam, erzählt Alexandra ein wenig von sich. In Bhutan, wo sie nach einem Masterstudium in Singapur und in Frankreich zusammen mit ihrem Mann Giulio einen hiking-Urlaub verbrachte, kam die Einsicht: Urwüchsigkeit, landschaftliche Einmaligkeit findet man auch in Transsylvanien. Und man kann das vermarkten, es kostet nur einen Bruchteil dessen, was man zum Beispiel in Bhutan als Tourist ausgibt! Bei der Rückkehr wurde die Agentur Beyond Dracula (www.beyonddracula.com) gegründet und gleichzeitig für die Familie ein Rückzugsort gewählt, ein Ferienhaus geplant, das jetzt gerade entsteht.

Gute Gastgeber wollen die da Saccos sein, viele Menschen hier in Meschendorf begrüßen. Ganzheitliche Heilung für Großstadtmenschen soll hier möglich sein. Die gleiche Sehnsucht hat auch Oli Broom nach Meschendorf geführt, einen Unternehmer aus der City of London. Bei ihm und seiner Frau Flaminia treffen wir Alexandra und erfahren, dass in diesem Sommer hunderte Fahrradfans aus England in Meschendorf einen Aufenthalt gebucht haben: quer-feldein durch Siebenbürgens Hügel und Wälder, und abends, wenn sie vom Fahrrad steigen, ein leckeres Öko-Buffet auf der Anhöhe über dem Garten. Was in Ruanda und in Georgien möglich ist, das müsse auch in Meschendorf attraktiv sein, schmunzelt Ollie, der erfahrene Tourismus-Manager, der sich selbst als the slow cyclist im Internet präsentiert. (http://olibroom. strikingly.com/). Er möchte fünf Monate am Stück hier leben, ihm gefällt es, für den nötigen Komfort hat er selbst gesorgt bei der Renovierung des Hauses, in dem er vorläufig zur Miete wohnt.

Alexandra da Sacco und ihr Ehemann Giulio haben vier Häuser im Dorf erworben. Niemand wird sie aufhalten, ihren Traum zu verwirklichen, den Traum vom Innehalten und Neubeginn in einer ursprünglichen Umgebung. Möglicherweise setzen die Finanzen ihren Plänen Grenzen. Widerstände zu überwinden sind sie gewohnt. Beide sind weitgereiste Weltbürger. Selbst Töchterchen Sofia, keine drei Jahre alt, ist schon eine Vielfliegerin und kennt Italien, Bukarest, Deutschweißkirch. Meschendorf soll für sie und für das Geschwisterchen, das unterwegs ist, ein Zuhause werden. Die Dorfbewohner begegnen den Neuen vorläufig zurückhaltend. Ein langer Atem ist gefragt. Man kennt einander, vorsichtig kommt man sich näher.

Ohne das Zutrauen dieser Menschen, von denen nicht wenige am Existenzminimum leben, wird man nicht auskommen. Schade, dass Handwerker für Alexandras Baustellen von anderswo kommen müssen! Gediegene Arbeitskräfte sind rar. Aber sollte es nicht möglich sein, das Dorf neu zu aktivieren? Kurse auch für die anzubieten, die keine Arbeit haben? Ehemann Giulio steigt vom Dachfirst. Er kann sich nicht sattsehen an der Aussicht: an der grünen Landschaft, die das Dorf mit seiner uralten Kirchenburg umgibt, eingebettet wie ein Nest. Und das ist der Beginn eines Märchens mit offenem Ausgang. Auf Wiedersehen in Meschendorf, warum nicht beim Sommerfest auf dem Dorfplatz mit gutem Essen, guter Musik und Menschen, die das Träumen nicht lassen können!

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