„Märtyrer“ wirft weiterhin Fragen auf

Ein großartig gespieltes, unbehagliches Theaterstück

Samstag, 05. November 2016

Benjamin (Ali Deac) segnet seinen verliebten „Anhänger“ Georg (Iustinian Turcu).
Foto: Adi Bulboaca

Marius von Mayenburgs in der laufenden Theatersaison von Radu-Alexandru Nica im Radu-Stanca-Theater Hermannstadt/Sibiu inszeniertes Theaterstück „Märtyrer“ wirft viele Fragen auf. Allein das Thema, Märtyrer und Fundamentalismus, sorgt für Unbehagen. Nicht nur die Hauptfigur, der 16 Jahre alte Benjamin Südel, der sich als christlich-religiöser Fanatiker entpuppt, wird als Fundamentalist dargestellt. Auch die Biologielehrerin Erika Roth, die diesem ein gesundes, wissenschaftlich begründetes Argument entgegenhalten möchte, entpuppt sich als fast schon unglaubwürdig radikal in ihren Auffassungen. Uraufgeführt wurde das Theaterstück am 29. Februar 2012 auf der Berliner Schaubühne am Lehniner Platz, hat aber thematisch nichts an Aktualität verloren.

Benjamins (Ali Deac) religiöser Fanatismus tritt im Gespräch mit seiner Mutter Inge Südel (Renate Müller-Nica) zutage, nachdem er sich weigert am Schwimmunterricht teilzunehmen. Die Mutter, in dem Theaterstück die bodenständigste Figur, lässt sich davon nicht wirklich beeindrucken, auch wenn sie sich später ratsuchend an Pfarrer und Religionslehrer Dieter Menrath (Daniel Plier) wendet. In der Schule sorgt Benjamin, für den Entwicklung, Emanzipation, Verhütung, Homosexualität, Judentum allesamt unrein und sündhaft sind, allerdings für Aufruhr. Durch seinen Radikalismus fordert er die Lehrer heraus und es bilden sich Parteien: der Religionslehrer unterstützt Benjamin in seinen Auffassungen und verkennt oder unterstützt sogar den Fanatismus, während die Biologielehrerin (Johanna Adam) den Fanatismus zwar erkennt und helfen will, ihre Rolle als Lehrerin aber zu ernst nimmt und dadurch selbst auch fanatisch wirkt. Worum genau es geht, wird somit in dem Stück nicht wirklich klar – auch wenn es den Zuschauer vor die Frage stellt, wie mit Fanatismus und Fundamentalismus – augenscheinlich nicht nur dem religiösen – umzugehen sei. Eine Antwort erhält man nicht.
Das von Mihai Păcurar entworfene Bühnenbild, ein Kinderspielplatz mit Klettergerüst und Trampolin, lässt deutlich die Konturen einer Kirche erkennen. Die Dramatik des Stücks wird dadurch nur verstärkt und es fällt dem Zuschauer schwer einzuordnen, ob es nun tiefer Ernst oder ein Spiel ist. Verstärkt wird diese Zweideutigkeit durch zwei weitere Figuren, Benjamins verspielte Mitschülerin Lydia (Anca Cipariu) und dem humpelnden Schüler Georg Hansen (Iustinian Turcu). Der selbstverliebten, narzisstischen Teenagerin Lydia Weber gelingt es nicht Benjamin, den sie kaum hört, in ihre Welt zu verführen. Der schüchterne Georg hingegen, wird zu Benjamins augenscheinlichem Anhänger: Er verliebt sich in den kräftig und selbstbewusst wirkenden Benjamin und versteht nicht wirklich, wovon dieser redet.

Während die Jugendlichen Benjamin in seiner Radikalität kaum wahrnehmen, ist es den Erwachsenen damit sehr ernst. Der Religionslehrer unterstützt Benjamins Radikalismus und setzt durch, dass im Schwimmunterricht Ganzkörperbedeckung für die Mädchen eingeführt wird. Die Biologielehrerin liest die Bibel, um Benjamin zu verstehen und Toleranz zu üben, will diesen aber eigentlich vor seinem religiösen Fanatismus retten. Der Schuldirektor Willy Batzler (Valentin Späth) will das Problem nur noch beheben. Nüchtern bleibt auch der Sportlehrer Markus Dörflinger (Daniel Bucher), wirkt aber auch etwas zu gleichgültig, nimmt es zu leicht. Er behauptet zwar, dass man Intoleranz gegenüber nicht tolerant sein kann, unterschätzt aber unverkennbar die Lage. Benjamins Überzeugung, ein Gesandter zu sein, artet dahingehend aus, dass er einen Mord an der Biologielehrerin, die ihn bekehren will, plant. Der Plan scheitert daran, dass Georg den geplanten ‚Unfall‘ doch nicht einfädelt. Ihm geht es offenkundig nicht um Benjamins Überzeugungen, sondern vielmehr um das Beisammensein mit seinem neuen Freund. Benjamin sieht sich in seinen Überzeugungen verraten und erschlägt Georg. Spätestens jetzt ist es klar, dass es kein Spiel ist. Die Ratlosigkeit angesichts dieser Begebenheiten wird noch verstärkt durch den abschließenden, im Kontext unbegreiflichen Monolog über wissenschaftliche Erkenntnis und Lehre, der von Benjamin angeklagten, in Verruf geratenen Biologielehrerin.

Insgesamt großartig gespielt, wirkt das Stück dennoch etwas langatmig. Ali Deac stellt einen überzeugenden Benjamin dar, der auch dann nicht mehr überrascht, wenn er sich im Biologieunterricht auf der Bühne nackt auszieht. Iustinian Turcu spielt gekonnt einen äußerst liebenswürdigen Georg, während Anca Cipariu als Lydia ihren Mitschüler Benjamin zwar nicht für sich gewinnt, dafür aber das Publikum. Johanna Adam scheint ganz in ihrer Rolle als Retterin und Biologielehrerin aufzugehen. Die Langatmigkeit entsteht eher durch die recht langen Dialoge und durch die Dynamik des Stücks selbst, in der sich eine Katastrophe zwar anbahnt, diese aber keine Lösung mit sich bringt: Was retten sollte, stellt sich letztlich als zu einspurig heraus. Zusätzlich dazu schillern die Figuren, sind ihrer Integrität nach schwer einzuordnen und verhelfen nicht zu einem klaren Bild. Wer eigentlich Märtyrer ist - wenn davon überhaupt die Rede sein kann - bleibt unklar, auch wenn Benjamin das gerne für sich beanspruchen möchte. Das Theaterstück wird am 22. November um 19 Uhr erneut aufgeführt.

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