Majestätische Musik in metallischem Dunkel

Premiere von Wagners Oper „Siegfried“ an der Berliner Staatsoper

Samstag, 13. Oktober 2012

Am deutschen Nationalfeiertag hatte an der Berliner Staatsoper Unter den Linden, die derzeit die Bühne des Berliner Schiller-Theaters zum Spielort hat, Wagners Oper „Siegfried“ Premiere. Sie ist Teil einer „Ring“-Produktion, die unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim und in der Inszenierung des 1960 in Antwerpen geborenen Guy Cassiers den gesamten „Ring des Nibelungen“ in Zusammenarbeit mit dem Teatro alla Scala di Milano sowie in Kooperation mit dem Toneelhuis Antwerpen auf die Bühne der Berliner Staatsoper bringt.

„Das Rheingold“ und „Die Walküre“ hatten bereits 2010 und 2011 in Berlin Premiere, Anfang nächsten Jahres folgt dann „Götterdämmerung“, und unmittelbar darauf wird im März und April des Wagner-Jahres 2013 die gesamte Neuproduktion der Operntetralogie „Der Ring des Nibelungen“ dreimal in Berlin in Gänze zu hören und zu sehen sein: einmal als so genannter Festtage-„Ring“ und dann nochmals in zwei getrennten „Ring“-Zyklen.

Zu Recht umjubelt wurde an diesem „Siegfried“-Premierenabend die Staatskapelle Berlin, die unter ihrem Dirigenten Daniel Barenboim den „Zweiten Tag des Bühnenfestspiels“ von Richard Wagner zu einem grandiosen musikalischen Instrumentalerlebnis werden ließ. Unvergesslich bleiben das aus dem Nichts anhebende Vorspiel des I. Akts, die Klanggewitter in Siegfrieds Schmiede-Szene, das Waldesweben, die Horn- und Waldvogelszene im II. Akt sowie die meisterhafte instrumentale Umsetzung der musikalischen Motive, des Waberlohe-, Feuerzauber- und Loge-Motivs, die das Entbrennen der Liebe zwischen Siegfried und Brünnhilde im Finalakt der Oper „Siegfried“ musikalisch begleiten. Wunderbar war es, beim Schlussapplaus sämtliche Musiker des bravourösen Orchesters mit ihren Instrumenten auf der Bühne stehend sehen und feiern zu können.

Wie die grandiose Orchesterbegleitung zur Einheitlichkeit des musikalischen Gesamterlebnisses beitrug, so wurden Bühnenbild und Licht, für die der Regisseur Guy Cassiers und sein Teamkollege Enrico Bagnoli verantwortlich zeichneten, ebenfalls zu Faktoren, die das Gesamtgeschehen der „Siegfried“-Oper optisch gestalteten und visuell zu einer Einheit formten: Ein offenes Portal aus Metall-Spänen, vergleichbar solchen, aus denen Siegfried sein Schwert Nothung zu schmieden hatte, rahmte die aus Metallgittern und -kästen bestehende Bühne, auf der der Zwerg Mime agierte, bis diese sich am Ende des I. Aktes senkrecht erhob, so zu einer Steilwand werdend, bestiegen von Siegfried, dem wilden Wälsungenspross. Im II. Akt formten hängende Metallketten die Waldbäume, zwischen denen Siegfried, Mime, Alberich und Wotan umherstreiften, und auch im letzten Akt dominierte dunkel Metallisches das düstere Bühnenbild.

Amalgamiert wurde das ohnehin dichte Bühnenbild noch zusätzlich durch Videoprojektionen, die von den beiden Videodesignern Arjen Klerkx und Kurt D’Haeseleer stammten. Die gesamte Bühne wurde dadurch zu einer Bildfläche, die sich als ganze in einer permanenten Bewegung befand, flirrend oder fließend, glitzernd oder gleitend, zitternd oder ziehend.

Dabei entzogen sich die Videoinstallationen beständig der Deutung ihrer Gestalt: Schienen sie nächtliche Luftaufnahmen von Städten, wirbelndes Laub, Vogelschwärme, Fragmente antiker Friese, Bilder versunkener Leiber, so verwandelten sie sich unablässig in beständigem Fließen und geronnen zu abstrakten, in sich bewegten Flächen, vergleichbar den Monumentalgemälden eines Jackson Pollock.

Die Videoinstallationen konturierten dabei auch einzelne Bühnenelemente, wie etwa die Esse in Siegfrieds Schmiede-Szene oder wie die stilisierte Waberlohe, die einem überdimensionalen Orgelrückpositiv ähnelte, und legten sich dann doch wieder wie ein fließend-erstarrtes Geschmeide über sämtliche Aktionen auf der Bühne.

In das visuell damit stark befrachtete Bühnengeschehen mischten sich dann noch Tänzer (Choreographie: Sidi Larbi Cherkaoui), die vor allem in der Fafner- und Siegfried-Handlung in Erscheinung traten. Das von ihnen durch ein vielfach geschwungenes Tuch erzeugte Drachengewoge sowie Schwerttänze und Händespiele, die bühnensprachlich aus einer anderen Zeit zu stammen schienen, wollten sich freilich nicht so recht in den einheitlichen Gesamtrahmen der Cassiersschen Inszenierung fügen.

Auch die Kostüme (Tim van Steenbergen) der Sängerinnen und Sänger entstammten disparaten Welten: Entsprangen Kleider und Masken von Mime und Alberich der Welt des Stummfilms (in den Alben meinte man Gestalten aus den Filmen Fritz Langs zu erkennen), so waren Fafner, Siegfried und Wotan schwarze Ledermänner, während Erda, das Waldvöglein und (die von ihrer Brünne befreite) Brünnhilde weiß und wallend daherwogten.

Stimmlich waren gewiss Mime (Peter Bronder) und Alberich (Johannes Martin Kränzle) am beeindruckendsten, gefolgt von Siegfried (Lance Ryan), Erda (Anna Larsson) und Brünnhilde (Iréne Theorin), während der Wanderer Wotan (Juha Uusitalo) beim Schlussapplaus nicht wenige Buhrufe hinnehmen musste. Der wunderbare Gesang des Liebespaares Siegfried und Brünnhilde tröstete schließlich über schauspielerische Unbeholfenheiten und inszenatorische Schwächen (der Brünnhilde-Fels als Kletter-Klotz!) hinweg, sodass am Ende des gelungenen Premierenabends die Musik über den Schein des Gesehenen und das Sein des Geschehenen triumphierte.

In der Gesamtökonomie der „Ring“-Tetralogie, sei es in Wagners Werk selbst, sei es auch bei dieser Berliner Neuinszenierung, kommt „Siegfried“ freilich nicht die prominenteste Position zu. Vergleicht man damit etwa Wagners Oper „Die Walküre“, die am Tag nach der „Siegfried“-Premiere im Berliner Schiller-Theater zu erleben war, das Brausen des Orchesters im Vorspiel des I. Aktes, das vom Holz der Esche inspirierte Bühnenbild, das durch die Videokunst erreichte Changieren von Innen und Außen im bühnenräumlichen Geschehen, vergleicht man nicht zuletzt die Siegfried-Brünnhilde-Duette aus „Siegfried“ mit dem grandiosen Wechselgesang von Siegmund (Peter Seiffert) und Sieglinde (Waltraud Meier) im I. Akt der „Walküre“, so wird man sich auf die Premiere der „Götterdämmerung“ und die Gesamtaufführungen der Berliner „Ring“-Produktion im kommenden Jahr umso mehr freuen.

Kommentare zu diesem Artikel

Arachne, 14.10 2012, 19:38
Ich war auch dabei und Dr. Fischer hat die Vorstellung sehr gut beschrieben. Ich möchte aber zusätzlich noch das Waldvöglein hervorheben, das wirklich Wunderbares leistete.

Ich verstehe noch immer nicht, was an Wagner's Siegfried doch so schön sei: für die Sänger gibt es so wenig Chancen, ihre stimmliche Verfeinerung zu zeigen - es bleibt schreien und toben von Anfang bis Ende. Wagner's Text, inhaltlich schon düster, ist mit seinen schweren, oft wiederholten doppelten Konsonanten auch noch schwer zu singen, und man sah die Sänger ringen.

Das Orchester war aber sehr beeindruckend und nach dieser Vorstellung bin ich neugierig auf den Rest des Ringes!

Arachne van der Eijk, Berlin

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