Malen als eine Art des Ausruhens von dem „Hauptgeschäft“ der Literatur

Zum 50. Todestag von Hermann Hesse, der auch wunderbare Aquarelle schuf

Sonntag, 12. August 2012

3000 Aquarelle fanden sich in seinem Nachlass, dazu tausende kleinformatige Bilder, mit denen er seine Briefe und Gedichthandschriften versah. Zu malen begonnen hat er im Ersten Weltkrieg, als ein Nervenzusammenbruch ihn zu einer psychoanalytischen Behandlung führte. Auf ärztliches Anraten, seine Träume doch bildlich zu fixieren, entdeckte der schon 40-jährige Hermann Hesse seine Befähigung zum Zeichnen und Malen. Aus dem kühlen Norden, aus Bern war er 1919 in das sonnendurchglühte Tessin übergesiedelt, hatte in einem alten Schlösschen in Montagnola oberhalb von Lugano zwei Zimmer gemietet und gab sich hier ganz dem Malen hin – als Ausweg aus der ihn bedrückenden Realität, als eine Art des Ausruhens von dem „Hauptgeschäft“ der Literatur. Sein Landsmann Gottfried Keller hatte, nachdem er als Maler gescheitert war, zur steten Abschreckung eine leere, weiße Leinwand in seinem Arbeitsraum aufgespannt. Das musste Hesse nicht tun, er durfte sich frei der Farbe verschreiben, konnte er doch immer wieder zur Literatur zurückkehren. Denn die Liebe zum bildlichen Darstellen hat ihn auch in seiner Lyrik und Prosa erfüllt. Noch der Fünfundsiebzigjährige erklärte, als er „Vom Altsein“ und dessen Gaben sprach: „Die mir teuerste dieser Gaben ist der Schatz an Bildern, die man nach einem langen Leben im Gedächtnis trägt“. Er nannte sein Leben ein „Bilderbuch“, in welchem er behutsam blättere, und griff damit ein ihm zeitlebens lieb gebliebenes Wort seines Schaffens auf. Er hat aber genauso auch die Welt der Töne eingefangen und in Wortmusik neu erklingen lassen.

„Gott wird Welt im farbig Bunten“, heißt es in dem Gedicht „Magie der Farben“. Volker Michels, der berufene Hesse-Kenner und Herausgeber der „Sämtlichen Werke“ in 20 Bänden, hat 2005 knapp 200 Aquarelle aus den Jahren 1917 bis 1935, dazu viele Briefaquarelle und -vignetten, konfrontiert mit Äußerungen Hesses über das Malen und die Farbe, Lyrik und Prosa, in der die Welt mit Maleraugen gesehen wird, in einer stimmungsvollen Prachtausgabe zusammengeführt. Manchmal glaubt man, in dem Aquarell auf der gegenüberliegenden Seite die bildliche Entsprechung zum abgedruckten literarischen Text vor sich zu haben. Obwohl das natürlich eine Täuschung ist, denn Hesse hat mit seinen Aquarellen keine Illustrierung der Literatur beabsichtigt. Es sind autonome Kunstwerke, und wenn er sie seiner Lyrik oder Prosa beigegeben hat, dann, um zwei unterschiedliche Kunstgattungen einander ergänzen zu lassen.

Hesse hat ganze Sätze, ja viele Seiten zur Feier der Farbe geschrieben. Er hat Worte wie „seeblau“ oder „Obstbaumdunkel“ erfunden, die eine spezifische Farbstimmung erfassen. Er hat aber auch den Sinn für den schöpferischen Menschen, dem die Farbe zum Schicksal wird, erfasst: Johann Veraguth, der Maler in dem Roman „Roßhalde“ (1914), liebte „die seltsame, kühle und dennoch leidenschaftliche Lust des Sehens“ und die „kalte Lust des Darstellens“ mehr als die Menschen. Ganz anders der lodernde, schöpferische Mensch der anderen Maler-Erzählung „Klingsors letzter Sommer“, die, als sie 1920 erschien, ausdrücklich Hesses Wohnsitz Montagnola auf dem Rückblatt der Titelseite vermerkt. Montagnola und seine Umgebung – das ist das verzauberte Klingsor-Land, in dem Hesse alles beisammen sah, was er früher im fernen Indien suchte. Hier begegnete er auch seiner späteren zweiten Frau Ruth Wenger, die in der Erzählung als „Königin der Gebirge“ auftritt, während der Maler Klingsor selbst eine der vielen Selbstprojektionen Hesses ist, aber auch an den von ihm verehrten Vincent van Gogh erinnert. Hier, im farbenfrohen Südtessin, wurde der Dichter Hesse zum Maler, er hat sich seine neue Heimat förmlich erwandert und ermalt. Seine Malerei trat in den 1920er Jahren eigenständig neben die Dichtung. So heißt es in der „Nürnberger Reise“: „In den Sommermonaten ist mein Hauptberuf nicht die Literatur, sondern die Malerei, und so saß ich denn, soweit es die Augen erlaubten, recht fleißig an unsern schönen Waldrändern unter den Kastanien und aquarellierte die heiteren Tessiner Hügel und Dörfer… Meine Bildermappe wurde dicker, und so sachte und unmerklich wie jedes Jahr wurden die Felder gelber, die Morgenfrühen kühler, die Abendberge violetter, und in mein Grün musste ich immer mehr Gelb und Rot mischen. Plötzlich waren die Kornfelder leer, die rote Erde forderte Caput mortuum und Krapplack, und die Maisäcker waren golden und blassblond, es war September geworden, und die Klarheit der Nachsommertage begann“. Wenn aber das Krapplack im Malkasten fehlte, dann behalf er sich, so teilt Hesse in einer gleichermaßen ernst gemeinten wie ironischen Studie über das „Aquarellmalen“ mit, mit einer Mischung von Zinnober und Blaurot, und wenn auch das nichts half, tönte er die Umgebung des roten Hohlziegeldaches aus dem Blau ins Gelbgrüne, um wenigstens die Kontrastwirkung zu erzielen. Seine Aquarelle aus dem Tessin sind aus reiner Lust an der Farbe dahingeflossen, andere aber wirken doch sehr gebaut, wenn etwa Häuser das Blickfeld beherrschen.

Die poetische Herkunft der Bilder Hesses ist offensichtlich. Nicht ein Dichter, sondern ein Maler scheint in wenigen Pinselstrichen etwa in „Klingsors letzter Sommer“ eine Landschaft entworfen zu haben: eine rosige Straße im dampfenden Talgrün, bläuliche Bergzüge mit winzigen weißen Dörfern auf dem Berggrat oder rote edelsteinerne Häuser im tiefen Grün der Gärten. Man hat nachgezählt, dass es mehr als 50 Farben sind, die Hesse in dieser Erzählung eingesetzt hat: Schneeweiß und grauweiß, lila und violett, tiefblau und hellblau, rot, rotbraun, hellrosa, zitronengelb, staubgrün, braun, grau, stählern usw. usf. Die Farben bilden nicht nur die Wirklichkeit nach, sie sind auch einem inneren Sinngehalt zugeordnet, der der ganzen Erzählung zugrunde liegt.

Noch deutlicher wird diese Symbolwirkung der Farben in Hesses Lyrik. Weiß steht hier für Blumen, Kleidung, Wolken, Schnee, Rot für Felsen, Braun für Schluchten, Grün für Bäume usw. Im schnellsten Übergang erwecken sie subjektive Vorstellungen und Gedankenbilder. Grau bezeichnet in der Lyrik das Haar des Dichters, Blau bezieht sich auf die Vorstellung der Ferne und des Himmels, weniger auf das Wasser. Rot findet sich häufig in Verbindung mit Blumen, Lippen, Bändern und Fahnen, Leidenschaft und Wein. Der Übergang zum Assoziationspaar Leben – Tod geschieht wiederum plötzlich. Grün erscheint nur in der Landschaftsbeschreibung, ebenso wie Gelb, die Farbe des Herbstes. Die Assoziationen des Alterns und Vergehens folgen ganz unvermittelt. Der Wortgebrauch dient also weniger der reinen Beschreibung, sondern benennt die innere Verfassung des lyrischen Ich.

So bieten auch die Farben in Hesses Aquarellen nicht nur die sommerlich-südliche Landschaft Tessins dem farbenfrohen Künstler- wie Betrachterauge dar, sondern sie üben darüber hinaus eine spezifisch dichterische Funktion aus, sie sind mit Bedeutungen behaftet, die aufs Engste mit dem künstlerischen Grundkonzept zusammenhängen. Der suggestiven Kraft dieser ebenso farbenprächtigen wie beseelten Landschaftsbilder vermag sich der Betrachter nicht zu entziehen.

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