Malerisches aus Kronstadt

Gedanken am Rande eines Buches über die Obere Vorstadt (I)

Samstag, 20. Januar 2018

Edmund Vass, Eugen Moga, Scheiul în imagini (Die Obere Vorstadt in Bildern), Braşov/Kronstadt 2015, 81 Seiten. Transilvania Expres. ISBN 978-606-634-113-4. Preis: 160 Lei bei „aldus“

Die Obere Vorstadt (rum. Schei, ung. Bolgárszék) ist ein Teil von Kronstadt. Kronstadt heißt ungarisch (hinfort meist: „ung.“) „Brassó“. Der offizielle rumänische (hinfort meist: „rum.“) Ortsname ist „Braşov“. Es wurde um 1200 von westlichen, meist deutschen, Siedlern, überwiegend aus dem Rhein-Mosel-Raum, gegründet. Die Siedler wurden später „Siebenbürger Sachsen“ genannt. Die ungarischen Könige riefen sie, um, gemeinsam mit den Szeklern, die Karpaten (ung. Kárpátok, rum. Carpaţi) zu verteidigen. Die Gebirgskette der Karpaten schloss das Königreich Ungarn im Südosten ab. Die natürliche Grenze wurde von den turksprachigen Kumanen bedroht. Sie kontrollierten die südöstlich davon liegenden Flusstäler. Das Land, welches die Karpaten umgeben, ist Siebenbürgen (ung. Erdély, daraus rum. „Ardeal“). Die Szekler sprechen einen ungarischen Dialekt. Das Burzenland (ung. Barcaság, rum. }ara Bârsei) ist eine intramontane Senke Siebenbürgens, die in einer Höhe von ca. 600 m weit südöstlich in die Karpaten vorgeschoben ist. Die Bergkette beschreibt hier einen Bogen. Der Vorort des Burzenlandes ist Kronstadt. Klima, Umgebung und Infrastruktur von Kronstadt im Allgemeinen und von dessen südwestlicher „Oberer Vorstadt“ im Besonderen ist von den alles dominierenden Bergen geprägt. Seit 1918 gehört Siebenbürgen zu Rumänien.

Das hier von E. Vass über den genannten Stadtteil von Kronstadt vorgelegte Bildmaterial verdient volle Anerkennung. Schon aus dem Grund lohnt sich die Anschaffung des Buches. Die Obere Vorstadt ist eine malerische Siedlung. Inzwischen ist die Idylle allerdings bedroht. Elise Wilk berichtet nämlich in einem Zeitungsartikel, „Der amerikanische Albtraum“, in: Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien (Bukarest), 25 (6155), vom 06.07.2017, Seite 3, dass eine Bukarester Baufirma trotz massiver lokaler Proteste damit begonnen hätte, illegal eine Verbindungsstraße zwischen Anger und dem neuen Weg zu bauen, der in die nahe Schulerau führt. Der Anger (ung. Porond = „Kampfplatz, Arena“, von ung. Por = „Staub, Sand“; davon rum. Prund) ist der Hauptplatz der Oberen Vorstadt. Er ist auf der vorderen Umschlagseite des zu besprechenden Buches abgebildet. Er liegt an der Hauptstraße der Oberen Vorstadt, der sog. Anger-Gasse. Maja Philippi leitet in ihrem Buch, Kronstadt, Bukarest 1996 (hinfort: Maja Philippi, „Kronstadt“), Seite 68, den Straßennamen (dt. „Unger“-, sbs.-s. „Anger-Gass“), von den Ungarn her, die dort wohnten. Die Schulerau (ung. Brassó-Pojána, offiziell rum. Poiana Braşov) ist ein Hochplateau, das in einer Höhe von ca. 1000 m am Fuße des fast 1800 m hohen Schulers liegt. An der geplanten Stichstraße will die Firma 1750 Wohnungen errichten. Dem Bericht zufolge, hätten strafrechtliche Ermittlungen einen vorläufigen Baustopp erzwungen, doch sei die Gefahr damit noch nicht endgültig beseitigt.

Im Brennpunkt der Aufmerksamkeit steht für den Leser die rumänische Obere Vorstadt. Sie wird von einer Bevölkerung bewohnt, die einen rum. Dialekt spricht. Die rum. Obere Vorstadt ist der früher überwiegend von Sachsen bewohnten „sächsischen“ (hinfort oft: „sb.-s.“) Oberen Vorstadt in Höhe des Angers ungefähr südlich vorgelagert. Siedlungsgeschichtlich war der Übergang wohl schon immer ein fließender. In allen drei Sprachen ist zudem mit dem jeweiligen Siedlungsnamen meist die ganze Vorstadt gemeint. Heinrich Wachner sagt das in seinem Buch, Kronstädter Heimat- und Wanderbuch, Reprint-Ausgabe, Kst. 2001, auf Seite 25, so: „Rumänisch heißt die Obere Vorstadt Scheiu“ (alte rum. Schreibweise).

Das kann zu unwissenschaftlichen Verallgemeinerungen führen. Nicht nur sprachlich und konfessionell gehören die zwei Vorstadtteile verschiedenen Kulturkreisen an. Wenn Wachner von der früher sb.-s. Oberen Vorstadt spricht, behilft er sich deshalb, wie auf Seite 26 zu lesen, mit dem Ausdruck „der der Inneren Stadt zugekehrte Teil der Oberen Vorstadt“, zu dem er deren Straßen bis hinauf zum Anger rechnet. Rezensent („Rez.“) bedient sich zur Auseinanderhaltung der beiden Vorstadtgegenden des – zugegebenermaßen – etwas vereinfachenden, obigen Arbeitsbegriffes: ehemals (oder ähnlich) „sb.-s. Obere Vorstadt“ und „rum. Obere Vorstadt“.

Der in der rum. Oberen Vorstadt gesprochene rumänische Dialekt erklärt sich aus seinen slawischen, bes. bulgarischen Wurzeln. Nach Harald Roth, Kronstadt in Siebenbürgen, Köln 2010, 72, bedeutet „Schei“ auf rumänisch „Slawenort“. Wachners oben erwähntem Buch, Seiten 25 – 26, zufolge, wäre „Schei“ … „ein slawisches Wort“ und bedeute … „Bulgare“. Der Ortsname „Schei“ wird rumänisch „skej“, siebenbürgisch-sächsisch „schkej“ ausgesprochen. Bei den Bewohnern selbst, besonders bei den alteingesessenen, findet sich die „schkej“-Aussprache aber ebenfalls häufig. Im Buch erscheint dann „Schei“ mit einem Komma unter dem „S“. Das ist der rum. Buchstabe für “sch“. Bei der genannten Bevölkerungsgruppe heißt übri-gens nur der jenseits des Angers liegende Teil der Oberen Vorstadt „Schei“, wie Maja Philippi in ihrem Buch „Kronstadt“, Seite 69, schreibt.

Demzufolge hätte er sich vom Anger bis zu den Walkmühlen unterhalb des Salomonsfelsens erstreckt. Das ist die ursprüngliche Ausdehnung und korrekte Benennung der rum. Oberen Vorstadt. Ein beredtes Beispiel dafür, wie weit diese Begriffe inzwischen verschwommen sind, ist das zu besprechende Buch.

Es besteht zum Großteil aus Reproduktionen von Ansichtskarten, hat also etwas von einem Album an sich. Dabei sind meist je zwei Karten, auf einer der fast DIN A 4 großen Seiten angeordnet. Die meisten stammen aus den Jahren 1900 - 1945. Eine einzige Seite (9), erinnert an die lange Periode der sächsischen Selbstverwaltung, die von der Gründung der sb.-s. Stadt bis 1867 dauerte. Unter einer der hier reproduzierten Ansichten des Schützenhauses steht nämlich der ausdrückliche Vermerk „erbaut 1865 vom sächsischen Schützenverein“.
(Fortsetzung folgt)

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