„Man erkennt einen depressiven Menschen an der Stimme“

Aufklärung über die Gefahren einer unbehandelten Depression

Sonntag, 11. Mai 2014

Ärztin Elena Branaru im Zentrum gegen Suizid für Kinder und Jugendliche, das sich im Obregia-Krankenhaus befindet.
Foto: Aida Ivan

Ein Student möchte wissen, wo Depression kostenlos in Bukarest behandelt werden kann. Eine junge Frau fragt an, ob ein geistiger Zusammenbruch üblicherweise langfristig sei. Ob Depression geheilt werden kann, will sie auch erfahren. Eine andere weint sieben oder acht mal pro Tag und weiß nicht warum. „Seit mehr als einem Jahr habe ich Schlafstörungen. Ich bin erschöpft, reizbar, kann mich nicht konzentrieren und  nichts ohne große Anstrengung machen“, klagt eine weitere Person. Eine Ehefrau ist um die Gesundheit ihres Mannes besorgt: Er ist immer müde, spricht mit niemandem, lehnt jede Aktivität ab und will das Haus nicht mehr verlassen. Dies alles ist unter der Fragen-und-Antworten-Rubrik der Seite depresiv.ro zu lesen. Die betroffenen Menschen wissen nicht, wie sie sich mit Problemen zurechtfinden können, über die man üblicherweise nicht spricht.

Auf der Webseite kann man allerlei Informationen zum Thema Depression finden, die von Ärzten auf allgemeinverständliche Art erklärt werden. Das Abfragen im Internet gilt als leichteste Methode, durch die sich die Menschen unverbindlich informieren können. Anonymität spielt dabei eine wichtige Rolle: Niemand erfährt, dass sie oder ihre Nächsten an einer psychischen Erkrankung leiden.

Depression wird in sechs Jahren die zweithäufigste Volkskrankheit sein, zeigen internationale Statistiken. Verständnis dafür gibt es dennoch hierzulande kaum. Die Betroffenen schämen sich, offen darüber zu sprechen.

Tabuthema Depression

Wolken bedecken den Himmel, Regen naht. Der Platz mit der großzügigen Grünanlage sieht aus wie ein großer Park. Aus Lautsprechern erklingen schnulzige alte Lieder. Der Weg führt hinter das Hauptgebäude, hier stehen mehrere kleinere Bauten – die Abteilungen des Spitals Nr. 9. Von der U-Bahn-Station Berceni kommend hatte ich, meinen Weg auf dem engen Gehsteig zwischen den geparkten Autos schlängelnd bahnend, eine Dame gefragt, wo sich das Obregia-Krankenhaus befindet. „Meinen Sie das Spital Nr. 9?“, erwiderte sie verwundert und versuchte, zuerst mehr über mein Ziel zu erfahren. Die Frau bestand darauf, ihre Fragen beantwortet zu bekommen, bevor sie mir antwortete.

Sagt man jemandem „Geh ins Krankenhaus Nr. 9!“, gilt das als Beleidigung. Das „Spitalul 9“ ist zumindest in Bukarest als Schauplatz für Witze über Verrückte bekannt. Die Psychiatrieklinik, die vor 108 Jahren auf Initiative von Prof. Dr. Alexandru Obregia unter der Schirmherrschaft des Königs Karl I. als größtes Krankenhaus des Landes für Geisteskranke gegründet wurde, nennen die meisten nur „Irrenhaus“. Eine gröbere Etikettierung könnte es kaum geben für die  unauffällig wirkenden Patienten, die gerade in Schlafanzügen das Pärklein durchstreifen.

„Deprimere“ ist ein Wort lateinischer Abstammung, es bedeutet Niederdrücken. Im Obregia-Krankenhaus wird u. a. auch Depression, eine der heutzutage häufigsten Formen psychischer Störungen, behandelt. „Depression ist eine Krankheit mit schweren negativen Auswirkungen“, erklärt Psychiaterin Maria Ladea in ihrer dortigen Praxis. Sie  ist Gründungsmitglied der NGO „Zentrum für Innovation für Medizin Inomedica“, zu der auch die Webseite depresiv.ro gehört. Die Seite enthält Leitlinien und Grundinformationen über Depression und ist wahrscheinlich die erste ihrer Art in Rumänien. Für alle Probleme, die von den Hilfesuchenden hier beschrieben werden, gibt es eine einzige passende Antwort: den Besuch eines Psychologen oder Psychiaters. Denn Depression ist heilbar.

Der Preis des Schweigens

Die Ursachen depressiver Erkrankungen sind komplex: Oft wird Depression von einer Mischung aus mehreren Faktoren ausgelöst, seien es genetische, biologische, umgebungsbedingte oder psychologische. Depressionen werden jedoch häufig verkannt oder einfach nicht richtig behandelt. „Nur sehr wenige Kranke erhalten eine optimale Therapie“, meint die erfahrene Psychiaterin, die sich unlängst an einer landesweiten Studie über die Verbreitung der Depression beteiligt hat. „Die Rate der an Depression Erkrankten in Rumänien ist ähnlich der im restlichen Europa“, erklärt sie. „Frauen leiden öfter als Männer unter Depression und die Fälle werden immer zahlreicher. Dabei handelt es sich nicht nur um Erwachsene, sondern auch um Jugendliche“, fügt sie hinzu.

Die Risikogruppe umfasst Menschen zwischen 30 und 40 Jahren, wobei der Anteil der  Jugendlichen und älteren Menschen steigt. Damit meint sie nicht nur diejenigen, die unter Reizbarkeit, Lustlosigkeit, Traurigkeit oder der Tendenz zur Isolation leiden. Eine depressive Person schläft oft nicht richtig, einige waschen sich nicht mehr oder haben keine Lust zu essen, andere liegen den ganzen Tag im Bett, sprechen nicht und haben jedes Interesse an Kommunikation verloren. Wenn das mehr als zwei Wochen andauert und der mentale Zustand der Person sich verschlimmert, spricht man von einer Depression. Meistens ist der Preis einer unbehandelten Depression sehr hoch – der Patient wird zu  einer Last für die eigene Familie. Dies kommt alle Beteiligten letztlich teurer zu stehen als die Kosten für eine ärztliche Behandlung oder für Antidepressiva.

Wenn eine Person im Beruf, in der Gesellschaft und in der Familie nicht mehr richtig funktioniert – das sind die Kriterien, nach denen Depression gemessen wird. Die psychische Störung schadet der Lebensqualität, nicht nur der des Betroffenen. „Bis eine Depression geheilt wird, sind auch die Menschen aus der Umgebung des Patienten stark davon beeinflusst“, erklärt die Ärztin. Die Person muss behandelt werden, sei es psychotherapeutisch oder medikamentös, am besten sowohl als auch. Maria Ladea erklärt, dass die Behandlungsformen verschiedene Regionen des Gehirns beeinflussen und sich auf diese Weise gegenseitig ergänzen.

„Wir haben bemerkt, dass ein großer Bedarf nach Information vorhanden ist. Menschen, die mehr oder weniger gebildet sind, wollen mehr erfahren, stellen Fragen, hören zu und informieren sich. Die rumänische Bevolkerung braucht in dieser Hinsicht Aufklärung“, meint Ladea. Die Psychiaterin konnte feststellen, dass die Toleranz für Depression hierzulande sehr niedrig ist. Die Menschen gehen daher sehr spät oder gar nicht zum Arzt, sie scheuen sich, um Hilfe zu bitten. Das verbindet sie mit dem Bildungsniveau der Bevölkerung und der Stigmatisierung der Betroffenen.

Hauptgefahr einer Depression: Suizid

Die Webseite der NGO Inomedica wurde so gestaltet, dass das Bedürfnis an qualitativ hochstehenden Informationen von Spezialisten abgedeckt wird. „Die Ärzte haben viel Erfahrung“, fügt Mihai Bran hinzu. Das Ziel der Organisation sei auch, neue Lösungen zu finden, die in der Psychiatrie benutzt werden können: „Wir wollen Apps herstellen lassen, die die Informationen auf der Seite benutzen und den Zugang zur Seite erleichtern“, erklärt der Psychiater.

Hilfreich bei Depressionen sind Sport, angenehme Aktivitäten, aber auch die Hilfe durch andere und gesunde Ernährung spielen eine gewisse Rolle. Eine milde Depression kann man mit Psychotherapie überwinden, bei einer schweren sollte medikamentöse Behandlung erfolgen, da der Erkrankte meistens keine Psychotherapie akzeptiert. „Die Hauptgefahr einer Depression ist der Selbstmordversuch“, meint die Ärztin. Auf der Seite depresiv.ro wird daher eine Telefonnummer angegeben, wo man im Falle emotioneller Krisen Rat und Hilfe findet (116 123). Eine weitere Nummer steht Selbstmordgefährdeten zur Verfügung (0800 801 200). „Die Seite ersetzt nicht die ärztliche Behandlung, das Ziel ist es, Menschen zu informieren. Natürlich gibt es  auch Ratschläge, aber diese sind allgemeiner Natur und  keine individuellen Lösungen. Der Kontakt zu einem Spezialisten ist sehr wichtig“, erklärt Psychiater Mihai Bran, ebenfalls Gründungsmitglied der NGO Inomedica.

„Noch eine Zigarette – dann bring ich mich um“

So eine Spezialistin ist Elena Branaru, Präsidentin des Vereins für Suizidologie, die im benachbarten Zentrum gegen Suizid für Kinder und Jugendliche zu finden ist. Die Neuropsychiaterin hat eine sehr zarte Stimme, sie spricht über die Schüler in Bukarest, die im Rahmen eines Projekts bestimmten Tests unterzogen wurden, um mögliche Probleme im Zusammenhang mit Depression rechtzeitig zu identifizieren.

Das Zentrum gibt es seit fünf Jahren, in dieser Zeit wurden die Spezialisten mit verschiedenen Extremfällen konfrontiert. Beispielsweise wurde einmal aus einer Stadt in Nordrumänien angerufen: „Jetzt rauche ich noch eine Zigarette und danach bringe ich mich um.“

Elena Branaru erklärt: „Man erkennt einen depressiven Menschen bereits an der Stimme. Wenn man bemerkt, dass es sich um Depression handelt, muss man die Situation sehr einfühlsam behandeln und der betroffenen Person zu verstehen geben, dass sie ein Problem hat. Wir empfehlen ihnen stets, einen Arzt aufzusuchen. Sehr viele rufen aus ländlichen Gebieten an, manchmal ermuntern wir sie, auch mit einem Pfarrer darüber zu sprechen.“

Telefoniert wird mit Menschen aus dem ganzen Land. Die Ärztin erzählt, dass manchmal längere Gespräche als vorgesehen geführt werden, um die akute Krise zu überwinden: „Es gibt verschiedene Fälle – da war mal eine Person, die uns um vier Uhr nachts gesagt hat, dass sie nach einer Stunde Selbstmord begeht.“ Laut im März veröffentlichten Eurostat-Zahlen sind die Selbstmordraten in Rumänien höher als der europäische Durchschnitt.

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