Mangelnde Alternativen – ein Schlagwort für Temeswar

Im Sommerloch setzt sich Bürgermeister Robu mit der (Schwimm-)Kunst auseinander

Mittwoch, 16. August 2017

Das Areal des einstigen israelitischen und dann Kunstlyzeums in Temeswar ist wieder ins Blickfeld gerückt.
Foto: Zoltán Pázmány

Zwei Themen erhitzen bei hochsommerlichen Temperaturen die Temeswarer Gemüter zusätzlich und beide haben mit dem kulturgeschichtlichen und architektonischen Erbe der Stadt zu tun. Und jedes Mal ist Bürgermeister Nicolae Robu ins Fettnäpfchen getreten, sehr zur Freude seiner Kritiker im Stadtrat und in einigen Online-Medien, die den, zugegeben, manchmal skurrilen Stadtvater zu ihrem Feind Nr. 1 gemacht haben, obwohl sie dies natürlich nie feierlich erklären würden. Schaut man sich Robus Kritiker aufmerksamer an, müsste man dem PNL-Bürgermeister glatt Recht geben und ihm vieles vergeben. Faute de mieux, wie der Franzose sagt. In Ermangelung einer besseren Alternative, d. h. eines attraktiveren Themas für die Medien. Auch wenn der Mann an einer Art Großmannssucht leidet und höchstwahrscheinlich glaubt, dass die Geschichte dieser Stadt oder zumindest ihre Modernisierung mit ihm selbst beginnt.
Jedenfalls sorgen seine täglichen Facebook-Auftritte für eine gehörige Portion Unterhaltung: Dass sich ein Professor Doktor Ingenieur, ehemaliges Mitglied des Senats Rumäniens, ehemaliger Rektor der Technischen Universität und so weiter und so fort, im respektwürdigen Alter von über 60 Jahren fast wie ein selbstvergessener Teenie der heutigen Zeit selbst filmt, sozusagen ein Meister der Selfies ist, zumindest dann, wenn kein Adlatus zur Hilfe eilen kann und das Filmen und Fotografieren übernimmt, das alles ist sicherlich viel besser als zahllose rumänische Polit-Shows, mit denen das Volk von so manchem Fernsehsender beglückt wird. Robu, der Selbstdarsteller, der, faute de mieux, die Stadt Temeswar wachrüttelt. Aber nicht darum soll es gehen, sondern um Ernsteres.

Thema Nr. 1: das Areal des Kunstlyzeums und des Kreisschulamtes gegenüber vom Rathaus. Der Eigentümer, der Bukarester jüdische Verein „Caritatea”, versucht nun im zweiten Anlauf, gemeinsam mit einer Klausenburger Investorengruppe, die sich noch halb bedeckt hält, einen Bebauungsplan durchzusetzen, der in Temeswar auf erhebliche Kritik stößt. Währenddessen verfällt das in den 1920er Jahren gebaute ehemalige Kunstlyzeum zusehends, auf dem ehemaligen Sportplatz wird ein schäbiger Parkplatz betrieben, das Unkraut wuchert. Dass mit dem gesamten Areal etwas geschehen muss, ist klar, auch wenn nicht unbedingt ein zehn Stockwerke hoher Beton- und Glasriese in unmittelbarer Nähe der orthodoxen Erzbischofskathedrale, des Rathauses und der Philharmonie entstehen müsste. Die Architekten, die nun ihren zweiten Entwurf präsentiert haben und der ebenfalls stark kritisiert wurde, sind landesweit bekannt, sie verstehen eindeutig ihr Metier. Darüber hinaus gehören Ion Andreescu und Vlad Gaivoronschi zu einer Generation, die der Tradition des Kunstlyzeums durchaus verbunden ist. Andreescu und Gaivoronschi sind Namen wie Julius Podlipny, Stefan Bertalan, Constantin Flondor, Doru Tulcan und im Allgemeinen die Sigma-Gruppe sowie die Temeswarer Moderne der 1960er und 1970er Jahre vertraut, ihnen müssen ihre eigenen ehemaligen Studenten der hiesigen Architekturfakultät, die jetzt im Temescher Architektenverband OAR das Sagen haben, nicht erklären, dass das Kunstlyzeum, ursprünglich als israelitisches Lyzeum gebaut, in der Temeswarer Geschichte des 20. Jahrhunderts eine gewisse Rolle gespielt hat. Interessant: Die Alten, Gaivoronschi und Andreescu, wollen das Neue. Die Jungen wollen das Alte. Viel Geld sei ihm Spiel, sagen die Jungen, aber ob das allein ein Grund ist, um das ganze Projekt zu verwerfen und den maroden Bau weiter verfallen zu lassen, bleibt dahingestellt. Und der Generationenkampf unter Rumäniens Architekten mag aus vielerlei Gründen beachtenswert sein, hier hilft er wohl kaum zur Sache.

Man erinnere sich aber: Die Odyssee des Kunstlyzeums begann lange vor Amtsantritt des Nicolae Robu, zur Zeit des allseits so gepriesenen Gheorghe Ciuhandu und seines Vizes Adrian Orza. Damals konnte Ciuhandu, ebenfalls einer, der auf die Geschichte und die Tradition Temeswars großen Wert legte und dem die Rolle des Kunstlyzeums sicher-lich nicht unbekannt war, sich nicht dazu entscheiden, das Kunstlyzeum von seinem rechtmäßigen Eigentümer zu erwerben. Die Schule zog aus, wanderte zunächst in Container, denn das war die einzige Lösung, die sich der besonders clevere Adrian Orza ausdenken konnte. Und dann in ein Schulgebäude in der Josefstadt, gemeinsam mit einer ehemaligen Berufsschule schlechten Rufs. Während in der Innenstadt andere Schulgebäude leer oder halb leer standen, sogar in unmittelbarer Nähe des Kunstlyzeums: das Technische Kollegium „Emanuil Ungureanu” und das ehemals als „M.I.U.”-Schule bekannte Technische Kollegium „I. C. Brătianu”. Oder zum Beispiel das Postlyzeum im Gebäude der Hauptpost, das inzwischen aufgelöst wurde. Ciuhandu und Orza wussten es aber besser, bereits damals versprach die Stadtverwaltung dem Eigentümer, dass das Gebäude abgerissen werden kann.

Nun zu Robu: Der Mann sagt, er kenne sich nicht aus, er lasse die Fachleute sprechen und entscheiden, schließlich gebe es Gesetze und Prozeduren, die einzuhalten sind, aber grundsätzlich habe er nichts dagegen, dass das Kunstlyzeum abgerissen wird, es sei sowieso nicht wertvoll. Und wenn das Schulamt stehen bleibe – die Villa auf dem C. D. Loga-Boulevard sei architektonisch reizvoller – dann sei er zufrieden. Ob Bürgermeister Robu eine gewisse Nähe zu den Investoren oder zu den Architekten nachgesagt werden kann? Vielleicht. Im Endeffekt spielt das auch keine Rolle. Wichtiger wäre es gewesen, wenn der Mann vorgeschlagen und durchgesetzt hätte, dass das neu zu bauende Ensemble die Höhe des Rathauses nicht übertrifft, dass es sich vom Stil her in das Zwischenkriegszeit-Ensemble der Straßen C. D. Loga und Mihai Eminescu eingliedert und dass durch Kunstgegenstände und entsprechende Informationstafeln sowohl an die Geschichte des israelitischen Lyzeums, als auch an das Kunstlyzeum und dessen Professoren angemessen erinnert wird, und zwar an deutlich sichtbarer Stelle. Es hätte gereicht. Denn ein Bürogebäude, Handelsflächen, ein Hotel – das alles ist dort mehr als wünschenswert. Wenn die alte Bausubstanz kaum oder gar nicht erhalten werden kann, dann zumindest sollen die Architekten der Gegenwart etwas bauen, womit sich die Stadt auch rühmen kann.

Thema Nr. 2: Eine Ruine im Scudier-Park, die ehemalige Uszoda-Schwimmschule. Eine Einrichtung, um die sich seit 1989 keiner mehr gekümmert hat und die jetzt plötzlich hochinteressant geworden ist. Weil Robu sie abreißen und den Park erweitern möchte. Es gebe auf einmal auch Investoren, die die Anlage konzessionieren möchten, obwohl nicht klar ist, was dort betrieben werden kann. Eine Schwimmschule, wie es sie anno dazumal gegeben hat, wohl kaum. Vielmehr riecht das Ganze nach einem Versuch, dem streitbaren Bürgermeister Steine in den Weg zu legen, denn vor allem die PSD-Opposition im Stadtrat war besonders laut, als es um Uszoda ging. Genauso laut war Bürgermeister Robu, der die Bürger wieder einmal belehrte. Das Wort „Uszoda“ sei ein ungarisches, erklärte er über alle Kanäle, es bedeute „Freibad“. Und es sei bedeutungslos, dass irgendwann irgendjemand dort schwimmen gelernt hat. Die Stadt soll andere Freibäder gehabt haben, die seien wichtiger gewesen.

Ja, das stimmt, es gab wichtigere: das Thermalbad und das „Banatul” am Bega-Ufer oder das Jugendfreibad („Ştrandul Tineretului”) an der Lugoscher Straße. Das „Banatul” ist heute eine Szenenkneipe („La Căpiţe”), das Jugendfreibad ist zu einem hierzulande so beliebten Eventsaal umgebaut worden. Im Falle von „La Căpiţe” steht das Becken leer da, im ehemaligen Jugendfreibad wird es nun als Saalboden benutzt, es wurde überdacht. Hochzeitsgäste schwingen das Tanzbein genau dort, wo früher einer schwimmen gelernt hat. Zum Beispiel der Autor dieser Zeilen. Ins Freibad fährt man nach Ungarn. Faute de mieux.

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