„keiner hört sie, keiner sieht sie“

Zu dem Lyrikband "mit schwalben am hut" von Balthasar Waitz

Dienstag, 18. August 2015

Balthasar Waitz und der Germanist Cosmin Dragoste bei den Deutschen Literaturtagen in Reschitza 2015

Foto: Erwin Josef Ţigla

Balthasar Waitz hat sich entschieden, in Rumänien zu bleiben. Vielleicht wurde er so viele Male danach gefragt, warum er nicht nach Deutschland ausgewandert ist, dass er diese Frage satt hat. Er ist geblieben, um über die immer kleineren deutschen „Inseln“ in Rumänien, über ihre Veränderungen, über die immer stärkere Vereinsamung zu schreiben. Balthasar Waitz veröffentlicht selten Bände, er braucht sehr lange Atempausen, um seine innere Kraft zu sammeln, um für andere Provokationen der Kunst reif zu sein, denn der in Nitzkydorf geborene Schriftsteller ist immer „im Trend“, ist auf dem Laufenden mit allen literarischen Tendenzen, benutzt sie, manche ironisiert und parodiert er, da er seinen eigenen unverwechselbaren Stil geschaffen hat. Ich habe schon viele Stimmen gehört, die behaupten, dass Balthasar Waitz besser als seine ehemaligen nach Deutschland ausgewanderten KollegInnen schreiben würde. In diesem Bereich der Kunst ist es unglaublich schwierig, eine hierarchische Struktur zu bauen, weil immer Streit ausbrechen würde, und die Argumente und Gegenargumente zu unendlichen Gesprächen führen würden. Letztendlich ist es nicht wichtig, wer besser schreibt, und wer besser als andere ist, wer Glück und Beziehungen gehabt hat, und wer nicht. Wichtig ist, dass Balthasar Waitz sehr gut schreibt, und genauso gut sowohl in Prosa als auch in der Lyrik ist. Sein Schreibstil ist immer frisch, langweilt nicht, ist nicht immer treffend für die ausgewählten Subjekte und Themen, was Überraschungen zur Folgen hat, so dass der Leser plötzlich aktiviert wird. Er wird dazu gebracht, in Kontakt mit dem Text zu treten, ihn mit jeder neuen Lesung zu gestalten, und ihm neue Bedeutungen  abzugewinnen. Durch die aufmerksam gesuchten stilistischen Unangemessenheiten entsteht der Ent –und Verfremdungseffekt, durch den man beim Lesen Distanz gewinnt, so dass die Widersprüche und Risse der Realität sichtbar werden.

Balthasar Waitz hatte nie den Wunsch, als auktoriale Instanz allwissend oder allgegenwärtig zu sein: er schneidet unterschiedliche Stücke von diesen sich immer ändernden Landschaftsvarianten aus, setzt sie anders zusammen, so dass Collagen entstehen, die neue Realitätsperspektiven ermöglicht. Es scheint, dass diese auktoriale Instanz manchmal eine Videokamera benutzt, denn er spielt sehr geschickt mit den Vektoren „nah-fern“, mit den Entfernungseinstellungen. Ein Fixfokus scheint nicht vorhanden zu sein, die Kamera wandert scheinbar ziellos durch die inneren und äußeren von Geschichten vollen Gegenden, die den passenden Rahmen zum Nachdenken und unaufhörlichen Uminterpretieren schaffen. Aus einzelnen Worten oder Erinnerungsfetzen entstehen unerwartet durchs Erzählen bewahrende Schicksale.

Der Mensch bleibt immer allein

Die lyrisch gestalteten Fragmente schildern nicht unbedingt Bilder einer Minderheit: es gelingt dem Autor, ihnen Allgemeingültigkeit zu verleihen, so dass sie als repräsentativ für das Schicksal der Menschen schlechthin gelten können. Drei Hauptthemen werden künstlerisch dargestellt: Die Liebe, die von der deutschsprachigen Minderheit durchgemachten tragischen Erfahrungen, und das Geschick des Einzelnen in einer großen freien Welt, die angeblich freien Raum der persönlichen Entwicklung erlaubt, die aber zur Vereinzelung und Entpersönlichung beiträgt. Als Grundton kann man die Vereinsamung nennen, der Mensch bleibt immer allein, eine Rettung ist illusorisch.

Der erste Teil des Bandes erinnert auf den ersten unaufmerksamen Blick an Blagas späte Liebesgedichte: aber bei Waitz bleibt die Erotik im Rahmen der Wunschvorstellungen. Die Frau als erotisches Prinzip der Erfüllung ist wie im Minnesang mehr eine Projektion des lyrischen Ich. Oft werden die Verben im Konjunktiv II benutzt („ich könnte deine kirche sein“; „ich könnte dem mädchen erzählen / das eine und das andere“; „irgendwann irgendwie / könntest du mich verlieren“ / „wir könnten dies und das verschenken“ usw.). Die Frau wird erwartet, die Liebe könnte alles verändern. Als Leitmotiv erscheint auch der Schlüssel, den die Frau benutzen kann, wenn sie wollte. Der Schlüssel gewinnt dadurch die Kraft eines Symbols, das freien Zugang verspricht, aber zugleich Trennung und Versperrung bedeutet:

bin so leibhaftig wie jeder andere

mann

ich könnte deine kirche sein

wenn du an mich glaubst

 

hier hast du probeweis

den schlüssel zu meinem haus (ich könnte deine kirche sein)

Manche Gedichte erinnern an die Tagelieder der Minnesänger, was die Thematik betrifft. Nicht umsonst habe ich zweimal die Minnesänger erwähnt, denn die Gedichte von Balthasar Waitz aus dem Band mit schwalben am hut sind auch eine Reise durch verschiedene Formen und Stile der Literatur: der Autor spielt sehr geschickt damit, er parodiert manchmal poetische Ausdrucksweisen, aber er benutzt sie auch mit neuen überraschenden Absichten, die ihnen einen neuen Wert verleihen. Die Frau als poetisches Konstrukt wird im letzten Gedicht des ersten Teiles entlarvt:

das schönste das liebste

 

wie ist das nur

fast ein stück von sich selbst

zu verlieren

 

ach so gehen wir fort

 

und leise kommen wir uns immer noch

vers um vers

abhanden (blütenschnee)

 

Der schwarze Mann

Im zweiten Teil des Bandes geht es nicht mehr um das Schicksal des Einzelnen, sondern um das einer ganzen Minderheit, die die Absurdität der Geschichte tragisch erlebt. Es geht um Schuld und Sühne, aber was diese Schuld eigentlich ist,darauf kann die Geschichte nur sinnlose Antworten geben. Der schwarze Mann als ewige Bedrohung eines Volkes ist immer im Gedächtnis anwesend, er bestimmt die Handlungen und die Weltanschauung einer Bevölkerung, für die die Geschichte den mittleren Weg nicht mehr gefunden hat. Der schwarze Mann kann verschiedene Kleidung tragen, er wird zum Symbol für ein immer mögliches Verschwinden einer Minderheit. Dieser schwarze Mann ist allgegenwärtig, er folgt den Handlungen der Menschen, kann sowohl in Rumänien, in Deutschland oder in der Ukraine auftreten:

in unserem garten zwischen kirschbaum und flieder

steht der schwarze mann

mit dem russischen militärmantel

hats faustdick hinter den ohren

selbst der blitz fällt zart wie apfelblüten aus dem himmel

hat höllisch respekt

das verstreute heer der dorfkrähen sowieso (vogelscheuche)

In diesem Teil erscheint oft die Farbe „schwarz“, als allgemeine Stimmung, als hoffnungslose Gegenwart und als finstere Ahnung einer unsicheren Zukunft: „wenn schwarze wolken wieder / über das dorf kommen“ (wenn schwarze wolken kommen); „die sandblumen kriechen im hof blühen / sich zu tode / im brunnentrog hockt eine schwarze kröte“; „großmutter trägt schwarz / hinter der verriegelten tür hängt / der neue anzug des toten im schrank“ (kurz bevor ich das licht der welt erblickte); „wir aßen schwarzbrot und zwiebeln beim bauer“ (ich war einst das kriegen lernen); „großvater flucht über den ersten / als er bei den ungarn gedient / schwarz ist sein gesicht sein hut / den nimmt er nachts vom kopf“ (der weltkrieg).

Todessymbole lauern auf Schritt und Tritt: die Eulen, die bellenden Hunde, die gefällten Akazien spiegeln eine Landschaft der letzten Dinge, eine postapokalyptische Welt wider. Die Welt der Abscheulichkeit wird durchs Erzählen der alten Frauen oder Männer aufgebaut, die durch den Prozess der Erinnerung entstehenden Lücken geben freien Blick darauf, was die Gräuel der Geschichte bedeuten. Die Wunden können nur schwierig geheilt werden, die Zeit schient keine Geduld mehr mit den Leuten zu haben. Die zerstörte Welt wird narrativ wieder lebendig, indem sie neue Formen gewinnt.

Wie im Krähensommer oder in Herta Müllers Erzählungen spielt der Zug eine wichtige Rolle für diese sich im Untergang befindende Welt: Der Pendlerzug ist die Verbindung mit anderen Nachbardörfern, aber auch mit der großen Welt. Der Zug bedeutet aber zugleich auch Deportation, oder Auswanderung: Die Dörfer werden immer leerer, die alten Frauen erzählen den Toten die vergangenen Ereignisse. Die gebliebenen Söhne entdecken, dass sie die Leben ihrer Urahnen wiederholen: sie stellen es fest, ohne Angst, ohne Entsetzen, sie scheinen resigniert zu sein, aus diesem Kreis nicht weg zu können. Das Symbol der Kirche taucht wieder auf, aber im Vergleich mit dem ersten Teil des Bandes, wo es die männliche raffinierte Erotik darstellte, die von der Frau in Besitz genommen werden sollte, drückt es im zweiten Teil die Ausdauer und die Zuflucht des spirituellen Guts einer Bevölkerung aus:

noch steht die alte kirche  

im dorf

noch (noch)

 

Mit Gott am Handy 

Der letzte Teil des Bandes bringt uns den Alltag näher: Das lyrische Ich zeichnet  Ereignisse, Menschen, Landschaften auf, ohne sie zu urteilen. Das entstehende Bild beginnt erst durch die Interaktion mit den Lesern zu existieren, nur dadurch gewinnen sie Bedeutung und Kraft. Die dargestellte Welt lebt angeblich nur durch die Kommunikation, die inzwischen sehr technisch geworden ist. Die Technik sollte die Kommunikation vereinfachen und schneller machen, die Grenzen sollten nicht mehr vorhanden sein, denn auch mit Gott ist per SMS oder Handy erreichbar. Die Ironie des Autors ist bitter, denn in Wirklichkeit verhindert die Technik den Kontakt zwischen den Menschen, die zu Möglichkeiten geworden sind, eine virtuelle Identität versteckt in sich die Gefahr der Kommunikationslosigkeit.

Das Drama der Kommunikationslosigkeit wird auch durch das Motiv des Postboten dargestellt, der keine Briefe mehr bringt, sondern nur Rechnungen. Der Postbote ist unnützlich geworden, der Kontakt mit der Außenwelt ist abgebrochen, so dass dem Menschen nur eine ewige innere Wiederholung des eigenen Weltentwurfs übrig bleibt. Die Einsamkeit des modernen Menschen ist schrecklich, die Leute werden fast unsichtbar für die anderen, sie verschwinden, sie bleiben versteckt hinter einem unaufhörlichen Verstummen. Eine Entwicklung ist ausgeschlossen, die Zeitachse hat ihre Linearität verloren uns ist außer Gleichgewicht geraten:

keiner hört sie keiner sieht sie

sind längst unsichtbar

kein wort mehr über die menschliche traurigkeit

erzählen nur geschichten von früher da... (sonnenaufgang mit zwei alten männern)

Eine mögliche Rettung ist auch im Westen nicht möglich, die sogenannte Zivilisation bedeutet eine noch stärkere Einsamkeit. Überall in der Welt fühlt sich der Mensch „angekommen wie nicht da“, die Realität wird medial übermittelt:

so riesig ist die welt

leer und still sind die straßen

nur die bankautomaten piepsen

die ampeln gehen auf rotgelbgrün

seelenruhig

in frankfurt am mond

ein feiner deutscher regen fällt

(...) am abend wird alles schön im fernsehen gezeigt (frankfurt a.m.)

 

 

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