Maßgeblich zum Fall des Kommunismus beigetragen

Vor 30 Jahren fand der Aufstand der Kronstädter Lastkraftwagenbauer statt

Vor dem Geschichtsmuseum des Kronstädter Kreises wurde die monumentale Skulptur „Die Unruhe der Masse“ anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Arbeiteraufstandes aufgestellt. Die 21 Gestalten in Höhe von je 2,90 m sind ein gemeinsames Werk der Bildhauer Aurel Vlad, Bogdan Raţă, Cătălin Bădărău.
Foto: Dieter Drotleff

In den Stenogrammen des Politischen Exekutivkomitees des ZK  für die Zeitspanne 15. November - 30. Dezember 1987 werden viele stattgefundene Ereignisse festgehalten. Die Revolte der Arbeiter vom Kronstädter Lastkraftwagenwerk, die im Inland kaum in der Öffentlichkeit bekannt wurde, doch um so mehr Echos vor allem in der ausländischen Presse auslöste, wurde nur als „Ereignise von Braşov“  (Intâmplările  de la Braşov) vermerkt.  Dieses, da Diktator Nicolae Ceauşescu erst abends 23 Uhr darüber informiert worden war, um der Revolte nicht große Bedeutung zu schenken.

Der Aufstand, der am 15. November 1987 stattgefunden hat, wurde praktisch schon am Vorabend ausgelöst, als die Arbeiter des dritten Schichtwechsels ihre Arbeitsplätze nicht einnahmen, und am Morgen die eingetroffenen Arbeiter sich diesen anschlossen. Ausgelöst worden war der Unmut, da diese, als sie ihre Lohnzettel erhielten, feststellten, dass ihnen große Abzüge gemacht worden waren. Morgens 8 Uhr waren 4000 unzufriedene Arbeitnehmer im Betriebshof versammelt.  Als um 11 Uhr ein Teil davon das Werk verließen, waren es schätzungsweise nur 400. Doch diesen schlossen sich auf den Straßen zum Stadtzentrum zahlreiche Kollegen von den Hidromecanica- und Traktorenwerken, sowie zahlreiche Stadtbewohner an. Kronstadt war zu der Zeit eines der größten Industriestandorte des Landes. Unzufrieden auch über den Stromausfall und der Rationierung des Treibstoffes,  riefen diese anfangs ihren Unmut  aus und forderten Licht und Wärme in den Wohnungen, Brot ohne Kartenzuteilung.  Als sie sich dem Stadtzentrum näherten,  wurden erstmalig die Sprüche laut „Jos Ceauşescu“, „Jos comunismul“, „Jos dictatura“ (jos/nieder). Es war gerade auch ein Wahltag für die Große Nationalversammlung. Nachdem die aufgebrachte Masse vor dem Kreisparteikomitee und dem Gebäude des Munizipalkomitees der RKP anfangs ihre Unzufriedenheit vorgebracht hatte, stürmte sie dann die beiden Gebäude. Ein Bild des Diktators  wurde zum Fenster hinaus auf die Straße geworfen und angezündet, Büroräume verwüstet, Lebensmittel auf die Straße geschmissen. Univ.Prof.-Dr. Vasile Burtea betonte: „Die antikommunistische Revolte von Kronstadt vom 15. November 1987 war das wichtigste politische Ereignis, das den unausweichlichen Sturz des Kommunismus in Rumänien ankündigte“.

Es folgten die repressiven Maßnahmen gegen die Anführer dieses spontan stattgefundenen Aufstandes, dem bedeutendsten landesweit in den Jahren der Diktatur. 300 Teilnehmer wurden verhaftet und verhört, 61 erhielten Zwangsaufenthalt in anderen Landesteilen. Unter diesen befand sich auch Werner Sommerauer, der nach der Wende von 1989, wie andere Kollegen, wieder in die Heimatstadt zurückkehren konnten.


Internationales Echo

Obwohl die Verbindungen zum westlichen Ausland unter strengster Kontrolle standen, sickerten die Informationen über den Kronstädter Aufstand doch durch. In „Bild am Sonntag“ (22.11.1987) wurde schon die Frage gestellt  „Stürzt Nicolae Ceauşescu, der kommunistische Diktator Rumäniens?“ Im gleichen Jahr hatte Gorbatschow einen Besuch vorgenommen und soll heftige Kritik an Ceauşescu geübt haben, was diesen noch eigenwilliger machte. Gleiche Publikation berichtete weiter: „Fünf Stunden lang beherrschten die Demonstranten die Stadt. Die Polizei hielt sich zunächst zurück, forderte aus anderen Städten Verstärkung an. Gegen zwei Uhr nachmittags  rollten Tausende schwerbewaffneter Polizisten und Soldaten mit LKWs und gepanzerten Fahrzeugen durch die Straßen. Der Augenzeuge: zu einem direkten Zusammenstoß kam es nicht. Die Arbeiter sahen sehr schnell ein, dass sie gegen Polizei und Armee keine Chance hatten. Sie zogen sich zurück“. Gleiche Publikation bietet weitere Informationen über Rumänien, über dessen deutsche Bevölkerung. Es wird betont, dass vor dem Krieg in Rumänien 800.000 Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben lebten.  Ausgehend von den Missständen, unter denen die Bevölkerung  1987 lebte, wird betont: „Vor zehn Jahren war Rumänien ein blühendes Touristenland. Über 250.000 deutsche Urlauber brachten Jahr für Jahr Devisen ins Land. Doch dann ging es abwärts. Die Vordenker in Bukarest hatten vergessen, dass Hotels auch Reparaturen brauchen. Nach einiger Zeit fielen den Urlaubern die Schranktüren auf den Kopf. Die Wasserhähne leckten, aus den Duschen kam kein Wasser, die Fenster schlossen nicht mehr“.

„Die Welt“ vom 23.11.1987 veröffentlichte einen Kommentar von Carl Gustav Ströhm, in dem u.a. zu lesen ist: „Rumänien ist zwar in mancher Hinsicht ein Sonderfall. Kein anderes kommunistisches System in Osteuropa (nicht einmal Albanien) mutet seinen Untertanen solche Entbehrungen an Hunger und Erschöpfung zu. Ceausescu hat zuerst eine rücksichtslose Industrialisierung forciert und dann,  als viele seiner gigantischen Projekte sich als unrentabel erwiesen, die Bevölkerung zu radikalem Konsumverzicht gezwungen, um die Auslandsschulden bezahlen und das Regime  am Leben erhalten zu können. Die vergangenen Winter  wurden zum Alptraum für Millionen Rumänen, die in fast ungeheizten Wohnungen und Büros frieren und täglich für Lebensmittel Schlange stehen mußten. Jetzt steht wieder ein Winter vor der Tür, und die Lage ist so schlimm wie nie zuvor“.

Ebenfalls am 23. November 1987 berichtetet die „Süddeutsche Zeitung“ unter dem Titel „Schwere Unruhen in Rumänien. Rathaus in Kronstadt gestürmt!“ über die Kronstädter Revolte der Arbeiter: „In mehreren Städten Rumäniens ist es zu Unruhen unter der Bevölkerung und zu Protestdemonstrationen gekommen, die in der siebenbürgischen Kreisstadt Brasow (Kronstadt) in offenen Aufruhr umschlugen. Dort stürmten aufgebrachte Demonstranten das Gebäude der Kreisverwaltung, vernichteten Akten und Dokumente und verbrannten Bilder des Staats- und Parteichefs Ceausescu. Nachdem die Miliz des Aufruhrs nicht Herr werden konnte, wurde reguläres Militär gegen die Demonstranten eingesetzt. Berichten zufolge wurde jedoch kein Gebrauch von der Schusswaffe  gemacht. Ob es bei den Unruhen auch Tote gab, ist nicht bekannt. Zuverlässigen Informationen zufolge wurden jedoch hunderte  von Demonstranten verhaftet. Es ist das erstemal, dass es in Rumänien seit der Machtübernahme Ceausescus im März 1965 – der sich mit einem Personenkult ohne Beispiel als Conducator oder Führer Rumäniens feiern lässt – zu offenen Demonstrationen gegen das Regime kam“. Schon in ihrer Ausgabe vom 20. November hatte die „Süddeutsche Zeitung“ nach Angaben osteuropäischer Journalisten und westlicher Diplomaten über die Ereignisse in Kronstadt berichtet.

Natürlich konnte ein Aufstand solcher Ausmaße in einem Land, das unter strengster Diktatur stand, auch vom Magazin „Spiegel“ (30.11.1987) nicht übergangen werden. Während der Diktator und seine Frau sich an dem Tag zu dem Wahllokal in Bukarest begaben unter den Huldigungsrufen tausender Menschen, die auf der Straße Spalier stehen mussten, stürmten in Kronstadt aufgebrachte Arbeiter die Büros der Partei und des Bürgermeisters und legten Feuer. „Sie riefen ‘Nieder mit Ceausescu’ und ‘Wir wollen Brot’, rissen Ceauşescus Bilder von der Wand, zerschlugen die Wahlurnen und warfen Akten aus dem Fenster. Dann machten sie sich über ein Lebensmittel-Lager her, das sich die Funktionäre für die Siegesfeier nach den Volksratswahlen angelegt hatten. Würste, Käse, Schweineschmalz, Konfekt  und Apfelsinen, alles Waren, die Brasovs Bürger schon seit Jahren  nicht mehr zu kaufen bekommen, landeten auf der Straße. Bei einer Schlägerei   im Rathaus mit dem Wachpersonal gab es Schwerverletzte... Bürgermeister Calancea, der einen Schlag mit dem Knüppel auf den Kopf bekommen hatte, musste ins Krankenhaus gebracht werden“.

Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete am 4. Dezember, dass „Rumänien  mit zweieinhalbwöchiger Verspätung die Arbeiterunruhen vom 15. November in Braşov (Kronstadt) bestätigt hat. Die Nachrichtenagentur Agerpres meldete, die Rädelsführer seien aus dem Lastkraftwagenwerk Rote Fahne entlassen worden und würden zur Rechenschaft gezogen. In der Meldung hieß es weiter, auch die Geschäftsleitung der Lastwagenfabrik, deren Misswirtschaft die Demonstration ausgelöst habe, müsse sich für ihre Handlungen verantworten.  Laut gleicher Publikation vom 14. Dezember, soll es weitere Unruhen nach dem 15. November in Bukarest und Temeswar gegeben haben. In der Hauptstadt sollen Autoreifen, die um ein Lenin-Denkmal aufgeschichtet worden waren , angezündet worden sein.  Es sollte aber nicht mehr lange bis zum Dezember 1989 dauern, als der Diktator und das kommunistische Regime unter dem Druck der Massen  gestürzt werden konnten.