Maßgeschneiderte Theatertexte

„Roter Strick und schwarze Folie“ von Dr. C.E. Puchianu

Samstag, 24. September 2016

Die Studenten der Kronstädter Germanistik sind Glückspilze. Auch wenn Deutsch anfangs eine Fremdsprache für sie ist, haben sie die Chance, durch Theater näher an das eine oder andere Werk der dramatischen Literatur zu kommen und es besser zu verstehen, indem sie sich während der Proben damit auseinandersetzen. Gleichzeitig vertiefen sie auch ihre Deutschkenntnisse. Doch nicht nur die Sprachkompetenzen werden gefördert, sondern auch das Selbstbewusstsein und die Kreativität.

Wer daran interessiert ist, ins Theaterensemble „Die Gruppe“ zu kommen, muss wissen – es werden keine fertigen Theatertexte einstudiert. Am Anfang der Proben existiert kein einziges Wort auf dem Papier. Bei den Texten der Inszenierungen handelt es sich um Gesamtwerke, die sich aus kreativer Teamarbeit entwickelt haben.

„Die Gruppe“ wurde vor zehn Jahren durch Dr. Carmen Puchianu an der Germanistik-Abteilung der Transilvania-Universität gegründet. „Duo Bastet“, bestehend aus Carmen Elisabeth Puchianu und Robert Elekes, wurde 2008 gegründet. Die Produktionen beider Ensembles kombinieren auf eine gelungene Art Elemente des Improvisationstheaters mit Kabarett, Pantomime,Tanz und Musik.

Der im Frühjahr 2016 im Verlag der Kronstädter Universität „Transilvania“ erschienene Band „Roter Strick und schwarze Folie“ von Carmen Elisabeth Puchianu ist ein Werk, das sich mit den bisherigen Inszenierungen der beiden Ensembles beschäftigt. „Postmoderne Theateradaptationen auf den Leib geschrieben“, lautet der Untertitel des Buches.

Beide Ensembles arbeiten nach dem Prinzip „work in progress“, das bedeutet, dass die Inszenierung von Null aufgebaut wird. Es ist wie bei dem Bau eines Hauses – man legt Ziegel auf Ziegel. Oft werden persönliche Erfahrungen und Eindrücke in den Text eingebaut. Aus diesem Grund passen die Adaptationen zum Schauspielerteam (es gibt keine Haupt- und Nebenrollen, alle Schauspieler sind gleich wichtig) wie ein maßgeschneiderter Anzug.
Zusammen haben die Mitfglieder der Ensembles Personen erfunden, wie den „Herrn G.“, der am Ende der Adaptation nach „Warten auf Godot“ erscheint, „Leonce und Lena“ wurde in „Lena und Lena“ umgewandelt, in die Texte wurden Gedichte eingebaut, während der Text „Die Verwandlung“eine Collage nach mehreren Werken Kafkas ist. Das Endresultat ist immer ein sehr persönlicher Text.

Der theaterwissenschaftliche Band besteht aus zwei Teilen: im ersten Teil hinterlässt die Autorin eine wichtige Dokumentation, die auf ihre Arbeit mit den verschiedenen Studentengenerationen beruht, während im zweiten Teil Adaptationen, die von „Duo Bastet“ und der „Gruppe“ eingearbeitet wurden, veröffentlicht sind. Wie die Autorin meint, kann das Buch auch als Erfahrungsbericht angesehen werden, „über die Arbeit mit dem Text bis zur Aufführung, wobei Körpersprache und Zeichen mit eingesetzt werden, um Literatur und, allgemein, Wissen zu vermitteln“.

Das Theaterkonzept von Puchianu hat sich im Laufe der Jahre aus der Abkehr vom literarischen Theater entwickelt und lässt sich am besten als hybrides Theater beschreiben, so die Autorin. Ihr eigenes Regietheaterkonzept leitet Puchianu hauptsächlich von Theatertheoretikern wie Stanislavski und Brecht ab. Als deutschsprachige Theatermacherin der freien Amateurbühne in Rumänien versucht sie, eine authentische Nische zu schaffen, in der es ihr möglich wird, sich „theatralisch auszuleben“ und darzustellen, was sie bewegt und ihr Kopfzerbrechen bereitet in der gegenwärtigen Gesellschaft.

Eine wichtige Rolle in den Inszenierungen haben die Gegenstände. Fans der Produktionen von Puchianu haben sicher bemerkt, dass verschiedene Objekte von einer Inszenierung in die andere übernommen werden. Diese Gegenstände machen selbst Geräusche und eine Art von eigenartiger Musik. Zum Beispiel eine schwarze Plastikfolie, dessen Rascheln, Lichtreflexe verschiedene Formen annehmen. Oder ein roter Strick, mit dem man eine unendliche Anzahl von Sachen anstellen kann. Die Gegenstände werden selbst zur Person im Stück.

Dem theoretischen Teil folgen die Theaterscripts der Ensembles „Duo Bastet“ und „Die Gruppe“. Die Texte sollen interessierten Germanisten, Theaterpädagogen und Theatermachern die Möglichkeit bieten, anhand dieser Beispiele eigene Adaptationen zu verfassen. Ebenfalls hofft die Autorin, dass Theaterensembles der freien Bühne motiviert werden, diese Textvorlagen szenisch umzusetzen. Bei den Texten des Duo Bastet handelt es sich um „Nyktophobie oder: Mephistos später Gruß an Faust“, „Stühle für den neuen Mieter“ nach E. Ionesco mit Gedichteinlagen von C. E. Puchianu und Lotte Jaslowitz und „Tägliche Tage“ nach Samuel Beckett. FolgendeTexte der „Gruppe“ sind im Band zu finden: „Warten auf G.“ nach Samuel Beckett, „Die Verwandlung“ nach Franz Kafka und „Lena und Lena“ nach Georg Büchner.

Sowohl das „Duo Bastet“ als auch „Die Gruppe“ haben es geschafft, sich einen Namen in der deutschen Amateurtheaterbühne zu machen. Der unverwechselbare Stil ihrer Inszenierungen ist inzwischen zur Marke geworden: wenig Text, viel Bewegung, einfache, oft weisse Kostüme, multifunktionale Gegenstände. Ob ein maßgeschneiderter Anzug auch jemand anderem passt, ist jedoch diskutierbar. Falls sich andere Schauspielteams dieser Texte bedienen, würde dem Endprodukt genau das fehlen, was den Inszenierungen der beiden Ensembles das „gewisse Etwas“ verleiht, nämlich der persönliche Touch. Die Texte aus dem Band „Roter Strick und schwarze Folie“ dienen jedoch als Vorlage und als gutes Beispiel. Andere Ensembles werden dazu ermutigt, eigene Adaptationen zu schaffen.

Zum Abschluss noch eine gute Nachricht: Das Duo Bastet arbeitet an einer neuen Inszenierung. „Das neue Stück“ wird am 20. November in der Redoute seine Premiere feiern.

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